Zeitung Heute : Zu zweit sieht man besser

Neue Wege in der Bühnenkunst: norton.commander.productions und das Duo Gintersdorfer/Klaßen werden mit dem neuen Preis ausgezeichnet

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Eine heile Welt zu erzählen, das hat uns definitiv noch nie interessiert“, sagt Harriet Maria Meining einmal während des Gesprächs. Und vermutlich ist das tatsächlich der einzige gemeinsame Nenner, auf den sich die grundverschiedenen Inszenierungen von norton.commander.productions, kurz ncp, bringen lassen. Harriet und Peter Meining, die seit Mitte der 90er Jahre unter diesem Namen arbeiten, sind jedenfalls immer überrascht, wenn mal wieder über den „typischen ncp-Stil“ geschrieben wird. Den gibt es nicht bei dieser Gruppe, die parallel zum temporär in Dresden betriebenen norton.commander.club entstand und im stets neu zu durchmessenden Grenzgebiet von Theater, Performance, Film, Neuen Medien und bildender Kunst agiert. Sicher, eine generelle Vorliebe für die Dekonstruktion der Stoffe, denen sie sich widmen, erkennt Peter Meining. Aber die Form bestimmt sich je nach dem Sujet. Das kann etwa eine Fassbinder-Vorlage wie „Tropfen auf heiße Steine“ sein, ein Science-Fiction-Stoff wie „Solaris“ oder ein Märchen wie „Das kalte Herz“.

Begonnen haben die Eheleute Meining ihre Theaterarbeit mit einem Projekt, das sich „Genetik Woyzeck“ nannte und ein spektakulärer Auftakt war. Lars Rudolph gab den tragischen Büchnerhelden, und dazu holten sich die Meinings Medienmenschen wie Udo Lindenberg vor die Video-Kamera, sagten ihnen: Hier ist der Text, mach, was du denkst, zieh an, was du willst. Was in blitzgescheiten Metaebenen-Sprüngen dazu führte, dass die Schauspieler vor allem auch über sich selbst erzählten.

Konventionelles Theater lehnen die Meinings dabei gar nicht ab – „aber natürlich hatten wir das Bedürfnis, eine eigene Handschrift zu entwickeln“, sagt Harriet Meining. Dazu gehörte eben auch der theatrale Medieneinsatz – heute längst Mode, damals Pionierarbeit.

„Wir wissen zu Beginn immer sehr genau: Was interessiert uns gerade, wo liegt der gesellschaftlich-politische Fokus“, beschreibt Peter Meining den norton.commander-Ansatz. Hernach wird das Thema lustvoll zerlegt, werden „homöopathische Essenzen aus Diskursen gewonnen, die man anreißen möchte“. Der Impuls muss von ihnen selbst kommen. Als man den Meinings vor Zeiten vorschlug, sich für ein „Transformation“ getauftes Festival des Themas Ost und West anzunehmen, widmeten sie sich lieber der Schauergeschichte „Frankenstein“ und erzählten unterm scharf gestellten Theatermikroskop von Verwandlungsprozessen, die sich in den Körper einschreiben. Erst später, als gefühlige Stasi-Filme wie „Das Leben der anderen“ Erfolge feierten, reichte es den in der DDR geborenen Künstlern, und sie inszenierten „Kommunistenfresser“, auf der Basis der Verhörprotokolle des Bürgerrechtlers Jürgen Fuchs.

Es gibt keine bequemen Gewissheiten in der norton.commander-Welt. Vor allem glauben sie nicht an das Schwarzweiß-Bild des Künstlers, der gesinnungsmäßig per se auf der Seite des Guten steht. Eine Inszenierung wie „Das kalte Herz“ klagt entsprechend nicht einfach die kapitalistische Vereisung da draußen an, sondern reflektiert mit, „dass unsere Arbeit ja auch gefördert wird und es Luxus ist, beim Glas Sekt über Kulturtheorie zu fabulieren.“ Patrick Wildermann

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