Zeitung Heute : „Zuckerbrot statt Peitsche“

Warum ein US-Ökonom für mehr Großzügigkeit wirbt

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IRWIN COLLIER (52)

lehrt seit 1994 an der Freien Universität Berlin

Volkswirtschaftslehre.

Zuvor unterrichtete

der Amerikaner in

Houston, Texas.

Foto: R/D

Die rot-grüne Regierung plant neue Geldstrafen für alle, die ihre Haushaltshilfe nicht anmelden. Ist das sinnvoll?

Nicht jedes Gesetz, dass eine Beschäftigung illegal macht, ist auch sinnvoll. Ein Grund für die Attraktivität der Schwarzarbeit ist ja die Überregulierung auf dem regulären Arbeitsmarkt. Wenn ich neben meinem Steuerberater jetzt auch noch einen Haushaltshilfenberater brauchte, erscheint mir das übertrieben. Wer das zu rigoros reguliert, vernichtet letztlich Einkommen generierende Arbeitsplätze. Denn auch Schwarzarbeit ist bezahlte Arbeit.

Kann der Staat Schwarzarbeit einfach tolerieren?

Es kommt auf die Schwelle an. Geringfügige Einkommen sollte der Staat zulassen. In den USA dürfen Haushaltshilfen 1400 Dollar im Jahr verdienen, hinzu kommt eine Kostenpauschale von 100 Dollar im Monat. Insgesamt darf eine Familie also bis zu 2600 Dollar im Jahr für eine Haushaltshilfe ausgeben, bevor sie angemeldet werden muss. So wird eine Überregulierung vermieden.

Es gibt bereits eine deutsche Greencard für Computerspezialisten und Pflegekräfte. In Zukunft auch für Putzfrauen?

Es dürfte ohnehin in vielen Fällen schwer sein, eine klare Grenze zwischen Pflege und Haushaltshilfe zu ziehen. Die Greencard ist eine pragmatische Lösung zur Legalisierung von Arbeit in Bereichen, die stark nachgefragt werden. Und offensichtlich gibt es einen starken Bedarf für Arbeitskräfte im Haushaltsbereich.

Die USA planen, illegale Einwanderer, die einen Job haben, zu legalisieren. Ein Modell für Deutschland?

So eine Amnestie muss man im Rahmen der amerikanischen Einwanderungsdebatte sehen. Solche Maßnahmen hat es ja auch früher schon gegeben. In Deutschland muss man die Debatte eher im Zusammenhang mit der Haushalts- und Sozialpolitik betrachten. Allerdings kann man fragen, warum nicht auch Deutschland über Anreize nachdenkt. Man muss ja nicht immer zur Peitsche greifen, es gibt ja auch Zuckerbrot.

Die Fragen stellte Alexander Visser.

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