Zu GAST : Jaan Valsiner

Leonard Fischl
Foto: Privat
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Der Mensch ist kein Tier. Er hat die Möglichkeit, sich für oder gegen eine Sache zu entscheiden. Jaan Valsiner, Psychologieprofessor an der Clark University in Worcester, USA, erklärt diesen Unterschied mit einem Beispiel: „Eine Katze frisst eine Maus, ohne darüber nachzudenken, welche Bedeutung der Vorgang hat. Der Mensch wiederum sieht Schokolade und denkt darüber nach, ob er sie essen soll oder nicht. Er weiß, dass sie gut schmeckt, aber auch, dass sie dick macht. So wird ein semiotischer Regulationszirkel in Gang gesetzt.“

Dieses Beispiel beschreibt die Voraussetzungen der Entwicklungspsychologie, mit denen sich Jaan Valsiner beschäftigt. Der gebürtige Este ist als Alexander-von-HumboldtStipendiat drei Monate lang in Deutschland gewesen, um mit Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin, der Hochschule Magdeburg-Stendal und der Universität Erlangen-Nürnberg zusammenzuarbeiten. Während seiner Zeit an der Freien Universität Berlin gehörte Valsiner dem Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie von Professor Herbert Scheithauer an. Hier beteiligte er sich unter anderem an der Forschung zum Thema Mobbing.

Valsiner, dessen Schwerpunkt die kulturelle Entwicklungspsychologie ist, geht es um die Schnittstellen zwischen Sozial- und Entwicklungspsychologie. Das Regulationsbeispiel sei auch für Mobbingfälle anzuwenden. „Die Frage ist: Was bringt ein Kind dazu, ein anderes zu mobben – und wie kann ich diesen Vorgang stoppen?“ Ähnlich dem Schokoladenbeispiel, bei dem der Mensch entscheidet, ob er die Süßigkeit isst oder nicht, sei auch hier die Möglichkeit gegeben, soziale Kontroll- und Regulationszirkel aufzubauen, die erste Schritte zum Mobbing hin unterbinden. Es gehe darum, aggressive Gefühle zu steuern und Mitgefühl für andere zu entwickeln, sagt Valsiner.

Der Wissenschaftler vermutet, dass die Kontrollsysteme an deutschen Schulen nicht ausreichend ausgearbeitet sind. Er vergleicht die menschliche Psyche mit einem komplizierten, modernen Flugzeug, in dem verschiedene Schaltsysteme miteinander verbunden sind. Auch in einem Flugzeug würden unterschiedliche Kontrollsysteme parallel eingesetzt, damit es nicht zum Absturz kommt. Ebenso könne man sich die Präventionsmaßnahmen beim Mobbing vorstellen: Erst wenn verschiedene Gruppen zusammenarbeiteten – Lehrer, Eltern, Schüler –, lasse sich das Risiko minimieren: „Trotzdem wird es absolute Sicherheit niemals geben.“

Berlin, Sachsen-Anhalt, Bayern – Reisen und das ständige Wechseln von Orten ist für den Alexander-von-Humboldt-Stipendiaten kein Problem, schon aus biografischen Gründen nicht: 1951 wurde Valsiner in Estland geboren, wo er 1979 an der Universität von Tartu promoviert wurde.

1980 emigrierte er und trat 1981 an der US-amerikanischen University of North Carolina seine erste Assistenzprofessur an. 1997 wechselte er an die Clark University in Worcester, USA. Dort lehrt und forscht er seither. Bis heute ist Valsiner unterwegs – regelmäßig auch in Deutschland. 1995 erhielt er hier für seine herausragende wissenschaftliche Arbeit den Alexander-von-Humboldt-Preis. „Ich verbringe viel Zeit im Flugzeug“, sagt der Wissenschaftler. Das werde sich so schnell auch nicht ändern.

Leonard Fischl

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