ZUHAUSE : Auf der Walz

Wenn sie ihr Bündel geschnürt haben, dürfen sie sich drei Jahre und einen Tag zu Hause nicht blicken lassen: So will es die Tradition. Eine Begegnung mit drei Wandergesellen

Katja Reimann
Zimmerleute ohne eigenes Zimmer: Michael Dreizler, Henry Krüger und Andreas Bretzler (von links). Foto: Paul Zinken
Zimmerleute ohne eigenes Zimmer: Michael Dreizler, Henry Krüger und Andreas Bretzler (von links). Foto: Paul Zinken

Mit Sicherheit wird er seine Kamera dabei haben. Dann ein bisschen Unterwäsche, ein, zwei T-Shirts, den Schlafsack, vielleicht ein Buch. Mehr nicht. Mehr passte auch gar nicht hinein in sein geschnürtes Bündel, sorgsam eingeschlagenes bedrucktes Tuch, gewickelt um einen Holzknüppel. An dessen Enden ist ein Lederband befestigt, das er sich über die Schulter legen wird.

Und was er mitzubringen gedenkt von seiner Reise, unterwegs aufgelesen, dafür reicht ohnehin kein Platz. Nicht in der größten Tasche der Welt und schon gar nicht im handlichen „Charlottenburger“, wie sein Bündel offiziell heißt. Lebenserfahrung ist nicht messbar in Litern.

Henry Krüger, 24 Jahre alt, mittelgroß und schlank, geboren und aufgewachsen in Berlin, ausgebildeter Zimmerer, begibt sich auf die Walz. Für die kommenden drei Jahre und einen Tag – so lang muss er es mindestens sein – ist er ein Wandergeselle, der Heimat „fremd geschrieben“.

Seit dem späten Mittelalter gibt es diesen Brauch, früher war die Reiserei gar Voraussetzung dafür, die Prüfung zum Meister überhaupt antreten zu dürfen. Heute sind die Gesellen freiwillig unterwegs, deutschlandweit vielleicht ein bisschen mehr als 500. In ihren Überlegungen, warum sie losgehen wollen, unterscheiden sie sich kaum von Rucksacktouristen und anderen modernen Reisenden: Fernweh, Ungebundenheit genießen, wenn nicht jetzt, wann dann?

Henrys Besitz steht bei den Eltern in seinem alten Zimmer. Möbel, Bücher, Computer, Lieblingskleidung, alles wird dort auf ihn warten. Wenn er es nach der Wanderschaft noch wird haben wollen. Wenn er dann nicht feststellen wird, dass man zum Leben, zum Wohnen hier und dort, doch im Grunde erstaunlich wenig braucht. Was ja an sich das Herrlichste überhaupt ist, sagen die Wandergesellen.

„Guck dir die Welt an“, sagen ihm Mutter und Vater.

„Zieh's bloß durch“, sagt der Michi.

Der sitzt neben Henry an einem runden Tisch in der Ruhlebener Klause in Berlin-Spandau. Michael Dreizler, 22, losgewandert in Schorndorf bei Stuttgart, gemeinsam mit dem Freund Andreas Bretzler, 23, vor etwa zwei Jahren. Er kennt eine Menge Geschichten, lustige vor allem. Aber auch die von dem, der nur ganze elf Stunden auf der Walz war. Dann ging er wieder heim. Warum, das weiß man nicht. Aber so was kann passieren, sagt der Michi. Der Henry lächelt. Da hat er die Abreise noch vor sich, in Richtung Bielefeld will er los in einer guten Woche.

Es ist ein Mittwoch Ende April, und mittwochs treffen sie sich in der Klause zum Stammtisch. Diejenigen, die nicht aus Berlin kommen, müssen erscheinen, damit die Wirtin dieser offiziellen Anlaufstelle für Wandergesellen weiß, dass es sie noch gibt in der Stadt. So ungebunden sie auch sein mögen, ein Lebenszeichen sollen sie schon ab und an hinterlassen.

So sitzen sie also da und trinken ein Bier zusammen. Andreas, der etwas argwöhnisch durch die Brillengläser schaut, lächelnd der Michi, der gern erzählt und Bilder zeigt, der rundum mit sich im Reinen scheint, so fern von daheim. Und ruhig der Henry, ein bisschen abwartend noch, zögerlich, nicht so forsch wie die zwei, die auf ihrer Wanderschaft schon so viele Menschen kennen- lernten.

Sie sind zünftig gekleidet. Auf den Köpfen schwarze Hüte, ein Zylinder ist's bei Andreas, ein breitkrempiger Schlapphut bei Henry, beim Michi ein klassischer Herrenhut. Vier Zentimeter breit muss die Krempe sein, das ist die Regel – eine von vielen.

Rund 800 Euro kostet die maßgeschneiderte Kluft, die Kleidung der Gesellen. Schwarz und aus Cord ist sie für die Zimmermänner und andere Holzberufe, beim Maurer wäre sie grau oder sandfarben, beim Schneider rot. Acht Knöpfe tragen sie auf der Weste, für acht Stunden Arbeit am Tag; sechs schließen die Jacke, für sechs Tage Arbeit die Woche; drei zieren die Ärmel, kurz überm Handgelenk. Drei Lehrjahre, drei Wanderjahre. Fällt einer ab, nähen sie ihn schleunigst wieder dran. Soll ja kein falscher Eindruck entstehen.

Über der Brust ist schmal und schlank die Ehrbarkeit befestigt, ein schwarzer Schlips. Der wird bei der Arbeit nicht abgelegt, ist deshalb innen im Kragen nur mit einem Knopf befestigt. Damit den Herren, wenn die Ehrbarkeit flöten geht - was nicht zu hoffen ist, aber passieren kann bei Arbeit mit Maschinen – nicht gleich die Luft wegbleibt, sondern nur der Knopf abreißt.

Ob der ganze Aufzug praktisch ist? Mit dem „Stenz“, dem gedrehten Wanderstock noch dazu? Schwer zu sagen. Schick aber schon, irgendwie. Die Kluft macht sie erkennbar in der Menschenmenge, wenn auch nicht immer alle gleich wissen, was sie wirklich bedeuten soll. „Neulich“, sagt Henry und grinst, „haben sie mich mit einem Schornsteinfeger verwechselt.“

Für drei Jahre nun wird ihm die Kluft zu Hülle und Schneckenhaus, nichts wird ihm so nah sein wie die eigenen Klamotten, nichts so heimelig wie der grobe Cord. Die Wanderschaft erlaubt eben keinen Rückzug in gewohnte Umgebung, sondern nur Heimkehr zu sich selbst. Wer mit sich nicht klarkommt, der sollte lieber nicht tippeln gehen. Denn vor sich selbst versteckt es sich schlecht.

„Zu sein, wer man zu sein behauptet, zu tun, was man zu tun ankündigt“, das gehört auch zu den Regeln der rechtschaffenen fremden Zimmerer- und Schieferdeckergesellen, dem „Schacht“, dessen Mitglieder die drei in der Klause sind. Der Schacht ist eine von sechs traditionellen Gesellenvereinigungen in Deutschland, ähnlich einer Studentenverbindung, mit Symbolen und Regeln gleich haufenweise. Die meisten erlauben zum Beispiel keine Frauen. Wandern darf nur, wer die Gesellenprüfung bestanden hat, ledig, kinderlos und schuldenfrei ist. Öffentliche Verkehrsmittel sollten sie meiden, sich so ursprünglich wie möglich fortbewegen. Also zu Fuß gehen oder trampen.

Letzteres sei in Deutschland erstaunlich leicht, sagen die beiden, die schon lange unterwegs sind. Aber Geschichten gibt's! Vom Trip mit einem Freund erzählt Michi, schon bei der Erinnerung daran muss er lachen. In den verliebte sich ein Mops, der auch auf der Rückbank im Auto saß, dessen Fahrerin sie zu dritt mitnahm. Das heißt, nur kurz saß der Mops da, denn bald kletterte er dem Freund auf den Schoß, leckte ihm durchs Gesicht. Der konnte sich kaum wehren, weil der Wagen so voll war, nur ein Arm beweglich, der andere unter Gepäck vergraben.

Bei Schaffhausen, unten im Süden, haben sich Michi und Andreas mal ein Floß gebaut, sind damit rheinabwärts gefahren, bis sie die Schifffahrtsbehörde herausfischte, bei Karlsruhe ungefähr. Und oben im Norden schliefen die beiden auf einem Friedhof. Nachts, zwischen Gräbern, wie war das denn? „Ruhig.“

Dass sie mal keine Unterkunft finden, während sie unterwegs sind, kann passieren. Haben sie Arbeit, hängt aber meistens auch ein Bett daran. Dann schlafen sie beim Meister, bei Kollegen oder deren Bekannten. Sechs Wochen muss mindestens in einem Betrieb gearbeitet werden, schließlich sind die Gesellen dann auch ordentlich angestellt, verdienen tariflich geregelt ihr Geld. In Deutschland müssen die Wandergesellen nur das erste Jahr bleiben, dann dürfen sie raus, wohin auch immer. Die meisten Menschen allerdings, hier wie dort, begegnen ihnen freundlich. Einmal, in Österreich war das, sagt der Michi, stürzte sich ein Malermeister geradezu auf sie, wollte unbedingt, dass sie bei ihm übernachteten. So was gibt's.

Michi und Andreas waren in Norwegen, bevor sie nach Berlin kamen. Auf dem Chip der Digitalkamera – die dürfen sie bei sich tragen, ein Handy aber nicht – hat Michi Bilder gespeichert von Fjorden und grünen Hügeln, von Felsen und einem Holzhaus, bei dessen Bau sie halfen. In Berlin wollten sie nicht lange bleiben, doch dann lief dem einen eine Frau über den Weg und – was soll man da machen? – es wurden doch fast sechs Monate. Nun aber weiter, nach Kanada.

Mal Heimweh gehabt? Nö, sagen die Männer. Vermisst habe er höchstens seine Freunde, sagt Michi. Aber die kommen auch mal hinterher gereist für einen kurzen Besuch. Denn das Reisen, die Flüge, sind ja heute nicht mehr unbezahlbar. Umso lieber aber halten die Wandergesellen an der Tradition des Fußmarsches fest. Weil er ein Beweis dafür ist, dass auch der pure Wille weit tragen kann. Weil dieses Gefühl, ein kleiner Triumph, auch dann bleibt, wenn man wieder sesshaft ist. Nur bei richtig weiten Reisen führt der Fußmarsch doch irgendwann zum Flughafen.

Auch Henry hat Wunschländer, Dänemark, Norwegen, Irland und Kanada, auch Australien und Neuseeland. Arbeit für Zimmerer gibt’s fast überall und wenn nicht: Vier Monate am Stück ist ihnen das bloße Reisen erlaubt. Wer tippeln geht, will schließlich etwas sehen von der Welt. „Versuch macht klug“, ist ein Spruch, der am Abend in der Klause mehrmals fällt. Und Henry, der behauptet, gar nicht aufgeregt zu sein, der werde schon noch sehen, sagen sie und grinsen.

„Die Bannkreis-Träume, die kriegst du auch noch“, sagt der Michi zu ihm. Bannkreis, herrje, die Angst, eine unsichtbare Grenze zu überschreiten, die im Radius von 50 Kilometern um die Heimatstadt gezogen ist. Näher dürfen sie nicht heran, wenn sie erst mal losgetippelt sind.

Vermutlich merkte zwar nicht mal jemand, wenn es passierte. Aber was, wenn doch? Dann würde derjenige aus dem Schacht geworfen und das will natürlich niemand. Hat auch etwas mit Ehre zu tun, sagen sie.

Später dann setzt sich in der Klause einer mit an den Tisch, der ist seit zwei Jahren wieder sesshaft, mit Frau und Kind. Auch schön, erzählt er, „eine eigene Couch, ein Fernseher, jeden Tag mit Sicherheit etwas zu essen“. Die anderen drei lachen. So eine eigene Wohnung ist ein Luxus, natürlich. Aber gleich aus der Tür der Kneipe zu treten, nach links gehen zu können – oder doch lieber nach rechts, wie viel luxuriöser ist das!

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