ZUHAUSE : Zimmer mit Seeblick

Unser Autor wohnte lange mit Aquarien und sollte darüber schreiben. Wir fragten ihn: Kann man mit Fischen Frauen betören? Wie reagieren Gäste? Und nun wird in diesem Artikel viel geküsst

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Sie wollen eine Frau betören? Stellen Sie ein Aquarium auf!
Sie wollen eine Frau betören? Stellen Sie ein Aquarium auf!Foto: mauritius images

Erstaunlich viele Jahre meines Lebens habe ich in der Gesellschaft von Zierfischen verbracht. Als ich ein Kind war, besaß ich ein riesengroßes Aquarium, gebraucht gekauft. Es gehörte vorher einem anderen Kind, das andere Kind weinte bei der Übergabe.

Meine Lieblingsfische waren fleischfarben und hießen „Küssende Guramis“. Die küssten sich die ganze Zeit! Eines Tages lief das Aquarium aus und tropfte, während die Guramis sich einen langen Abschiedskuss gaben, den Bewohnern der Wohnung unter uns auf den Abendbrottisch. Da musste ich das Aquarium weggeben. Ein anderes Kind holte es ab. Ich habe geweint bei der Übergabe.

Später kamen andere Aquarien, mit Skalaren, lebendgebärenden Zahnkarpfen, Panzerwelsen, auch mit Feuerschwänzen. Seit dem letzten Umzug bin ich sozusagen fischlos oder unbefischt, ich schwöre, dieser Zustand kann sich schon morgen ändern. Das mit den Fischen und mir geht so tief rein, das wird nie zu Ende sein.

Dann sollte ich etwas über Aquarienliebhaber schreiben. Ich verfasste eine Art Essay über Helmut Kohl, den berühmtesten deutschen Aquarianer, mit dem ich, glaube ich, nur diese eine Leidenschaft teile. Es kam viel über den sozialen und psychologischen Hintergrund der Aquaristik vor, ich brachte auch Zahlen – zwei Millionen Aquarien in Deutschland, 80 Millionen Fische, Tendenz stabil, während die Ziervögel weniger werden.

Dann schickte der Redakteur eine Mail. Er wolle nichts Reflektierendes, sondern etwas Persönliches. Human Touch. Am meisten interessiere ihn, was Aquarien betrifft, die folgende Frage: „Kriegt man Frauen damit rum?“

Was soll ich bloß darauf antworten, mein junger Freund? Natürlich nicht. Vielleicht machen Sie ein paar Punkte bei Frauen, die auf verschrobene Sonderlinge stehen, einer eher kleinen Gruppe, wie ich vermute. Mag sein, dass einem Aquarianer das Zuhören leichter fällt. Frauen mögen angeblich Männer, die zuhören. Sie können, während sie zuhören, unauffällig den Panzerwelsen beim Herumschwimmen zuschauen. Das ist nur ein Tipp. Aber, wissen Sie, allein schon diese Frage zeigt, dass Sie von der Aquaristik nichts verstanden haben.

Ein Aquarium ist schön – verstehen Sie? Es ist ein Zimmerschmuck. Bestimmt gibt es auch in dem einen oder anderen Klub, den Sie nachts besuchen, ein Aquarium. Schauen Sie hin. Es ist schön, oder? Es bewegt sich. Es lebt. Es ist bio, so sagt man doch.

Gleichzeitig stellen die Fische keine emotionalen Forderungen. Man kann sie nicht streicheln. Aber sie wollen auch gar nicht gestreichelt werden. Der Fisch ignoriert den Menschen, er genügt sich selber und ist deswegen, vermute ich, glücklicher als andere Haustiere. Die meisten Aquarianer sind Männer, und diese Männer … aber ich merke, dass ich wieder zu theoretisch werde.

Ein Aquarium ist in der Anschaffung nicht teuer, mit 100 Euro geht schon was, und die Arbeit hält sich in Grenzen. Saubermachen? Hin und wieder. Algen abkratzen, Filter wechseln. Kein Vergleich mit dem Katzenklo. Zwei, drei Tage kannst du ruhig mal verreist sein. Sogar eine Woche. Es gibt Füttermaschinen. Die lebendgebärenden Zahnkarpfen kriegen oft Junge, fressen ihre Jungen dann aber auch gern wieder auf. Tja. Die Natur kann verdammt hart sein.

Echt, den Bewohnern deines Aquariums bist du egal, so egal, wie du es nicht einmal der eigensinnigsten Katze sein kannst. Nur gefüttert wollen sie werden. Aber wenn du sie nicht fütterst, dann schreien sie nicht, sie sterben einfach, stumm und ohne Umstände zu machen. Es dauert aber, wie gesagt, ziemlich lange.

Klar, man freut sich, wenn von den Jungfischen welche durchkommen. Vor allem, wenn sie schön bunt sind. Aber man hat keine emotionale Bindung zu ihnen. Fische sind interessant, aus, fertig. Ist das so schwer zu begreifen? Nein, ich glaube nicht, dass ich gefühlskalt bin. Zwischen meinem Kind, meiner Gefährtin, den Freunden und den Fischen kann ich schon unterscheiden. Aber wenn sie im Fernsehen mal wieder voll auf das Gefühlspedal drücken, dann ist es gut, einfach mal in so ein Aquarium hineinzuschauen, vielleicht sogar genau in dem Moment, in dem ein großer Fisch einen kleinen Fisch frisst, und dabei zu denken: „Die Natur kann verdammt hart sein.“ Oder, im seltener werdenden Falle einer humanistischen Bildung: „Vae victis.“

Das Aquarium steht meist in der dunkelsten Ecke der Wohnung, da kommt es am besten zur Geltung. Wie reagieren Besucher darauf? Ich würde mal sagen: gefasst. Sie erkennen die Schönheit. Aber sie wissen nicht, wie sie das einordnen sollen. Ist dieser Typ ein Spießer oder extrem hip oder einfach nur Individualist? Irgendwas stimmt nicht mit dem. Aber was? Ein Hund, da können die meisten sich vorstellen, worum es geht, das begreift man. Freundschaft. Teamgeist. Spielen und Spazierengehen. Fische lösen Ratlosigkeit aus oder Spott. Ich kann damit umgehen.

Darf ich doch was über Helmut Kohl erzählen? Als Kind wollte er gerne ein Krokodil haben, die Eltern weigerten sich. Als er abgewählt wurde, fragte Kohls Büroleiterin Juliane Weber einen Mitarbeiter, ob er das Aquarium mitnehmen wolle, der Ex-Kanzler hatte kein Interesse. Der Mitarbeiter schenkte das Kanzleraquarium weiter, an einen Verein in Bad Neuenahr, Rheinland-Pfalz. In den ersten Jahren nach Kohls Abgang war es die vielleicht größte Attraktion von Bad Neuenahr. Touristen kamen, Journalisten, sogar das Deutsche Historische Museum verhandelte über einen Ankauf.

Kohls Fische wurden immer älter. Meistens leben Zierfische etwa fünf Jahre, manche Arten schaffen 15. Wenn ein Fisch senil wurde, was man daran merkt, dass er taumelnd schwimmt, wie ein Betrunkener, und immer wieder gegen die Scheibe knallt, dann holte ihn der ehemalige Mitarbeiter Kohls, der in der Nähe wohnte, mit dem Netz heraus und stach ihn ab. Hinter den Kiemen muss man ansetzen, es geht blitzschnell. Einen Fisch seines Chefs nach dem anderen hat der Mitarbeiter abgestochen, bis alle hinüber waren.

Der Evolutionsbiologe Axel Meyer, der in Konstanz lehrt, hat hunderte Aquarien, in den meisten leben Buntbarsche. Wer etwas über Artenentwicklung erfahren will, also über den Weg, der zum Menschen führt, der schaut sich am besten die Barsche an. Sie sind Raubtiere. Wenn sie ein neues Gewässer erobern, dann passen sie sich innerhalb weniger Generationen perfekt an. Gibt es nur wenige kleine Beutetiere, dann fressen sie halt großen Fischen die Schuppen vom Leib. Leben in dem Gewässer Fische, die ihren Nachwuchs im Mund aufziehen, dann lernen die Buntbarsche, diese Fische von unten so zu rammen, dass sie ihre Kinder ausspucken müssen, die Barsche fressen dann die Brut.

Fische sind nicht dumm, ihre Intelligenz funktioniert nur anders als unsere. Fische sind, wie auch Außerirdische sein könnten, ein anderer Aggregatzustand von Intelligenz. Ob Sie mit dieser Information eine Frau herumkriegen, müssen Sie selber beurteilen.

Ach, Sie werden mich sicher nach den Küssenden Guramis fragen. Hey, die küssen sich doch. Stimmt, aber man weiß nicht genau, was es zu bedeuten hat. Es ist eine Form der Kommunikation, so viel steht fest. Was die Fische dabei empfinden, weiß kein Mensch. Es kann auch eine Form des Revierkampfs sein. Erzählen Sie der Frau einfach irgendeine Geschichte.

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