Zukunft Berlins : Arm, aber talentiert

Bundesweit hat Berlin das beste Wachstumspotenzial, besagt eine neue Studie. Was zeichnet die Stadt aus?

Christian Tretbar
168316_3_xio-image-470bbd73c8ba9.heprodimagesgrafics82220071010neu_pol_deutschland_karte.jpg

Die gute Nachricht zuerst: Berlin ist spitze – deutschlandweit. Es hat das größte Entwicklungspotenzial und verantwortlich dafür sind die kreativen Köpfe der Stadt. Das ist zumindest das Ergebnis der Studie „Talente, Technologien und Toleranz – wo Deutschland Zukunft hat“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Nun die weniger gute Nachricht: Bei dem, was Berlin aus seinen Möglichkeiten macht, also den handfesten Ergebnissen, hapert es. „Berlin hat die besten Startbedingungen, nur wird das Potenzial noch nicht ausgenutzt“, sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts.

Hintergrund der Studie sind die Überlegungen des amerikanischen Ökonomen Richard Florida zur „kreativen Ökonomie“. Demnach entstehen Innovationen vor allem dort, wo kulturelle Vielfalt und Kreativität herrschen. Die Menschen wanderten nicht zu den Arbeitsplätzen, sondern umgekehrt. „In Deutschland vollzieht sich dieser Wandel von einer Industriegesellschaft zu einer kreativen Wissensgesellschaft allerdings langsamer als in anderen Ländern“, sagt Klingholz. So liege der Anteil kreativer Berufe hierzulande erst bei rund 18 Prozent aller Erwerbstätigen, in Ländern wie den USA oder Finnland bereits bei 30 Prozent.

Das Neue an der Studie ist, dass die Zukunftsfähigkeit der Bundesländer nicht durch die bisher üblichen Indikatoren wie Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder Pro-Kopf-Einkommen gemessen wurde, sondern durch weiche Faktoren wie Toleranz und Kreativität. Messinstrument war der „TTT-Index“. TTT seht für Talente, Technologie und Toleranz. Vor allem aus dem Zusammenspiel dieser drei Faktoren generiere sich wirtschaftliches Wachstum, so die These der Studienautoren. Indikator für Talent war unter anderem der Anteil kreativer Berufe an allen Erwerbstätigen. Dazu zählten Architekten, Ärzte und Künstler, aber auch Artisten und Minister. Der Index Technologie wurde zum Beispiel über den Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am BIP und die Zahl der Patentanmeldungen je 100 000 Einwohner bestimmt. Zur Messung des Faktors Toleranz wurden beispielsweise Stimmanteile rechtsextremer Parteien herangezogen. Erstellt wurden die Indizes für 2000 und 2005.

Seine Spitzenposition eroberte sich Berlin vor allem durch den hohen Anteil kreativer Berufe (rund 19 Prozent) und den höchsten Toleranz-Index. Das heißt, Berlin hat einen der höchsten Ausländeranteile (13,7 Prozent), einen niedrigen Stimmanteil rechtsextremer Parteien (2,1 Prozent) und die geringste Zustimmung zu fremdenfeindlichen Äußerungen (36,9 Prozent) sowie den größten Anteil künstlerisch tätiger Personen an allen Erwerbstätigen, dem Bohemian-Index (5,5 Prozent). Nur der Technologie-Index sieht nicht gut aus. Zwar gibt Berlin bundesweit das meiste Geld für Forschung und Entwicklung aus (vier Prozent des BIP), doch ist gemessen daran die Zahl der Patente (32,4 je 100 000 Einwohner) zu gering. Baden-Württemberg investiert etwas weniger (3,9 Prozent des BIP), hat aber deutlich mehr Patente (112,2). „Berlin hat eine hohe Lebensqualität und viele Forschungsinstitute, aber zu wenig große Unternehmen. Zudem verhindert die Bürokratie die Entfaltung der Potenziale“, sagt Petra König von der Industrie- und Handelskammer Berlin.

Ein solches Problem hat auch Ostdeutschland, Thüringen beispielsweise. Dort werde viel in Forschung und Entwicklung investiert, aber es entstünden daraus zu wenig wirtschaftliche Produkte. Hinzu kommt, dass sich kaum Kreative niederließen. Der Anteil der kreativen Klasse liegt nur bei rund 13 Prozent. Grund seien vor allem die Vorbehalte gegen Fremde. Wie ausgeprägt die sind, darüber gibt der Toleranz-Index Auskunft. In Sachsen beträgt er 35 Punkte. Zum Vergleich: Berlin kommt auf 184. Laut Klingholz beeinflusst Fremdenfeindlichkeit die Entwicklung: „Auch auf Boomregionen, wie zum Beispiel Sachsen, hat so etwas negative Auswirkungen.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben