Zeitung Heute : Zukunft Kirche

BEATRICE VON WEIZSÄCKER

Die erste Amtszeit des gesamtdeutschen Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) geht zu Ende.Der Rat kann mit Fug und Recht behaupten, die wichtigste seiner Aufgaben gelöst zu haben, die Gräben in der ev.Kirche zwischen Ost und West sind weitgehend überwunden.VON BEATRICE VON WEIZSÄCKEREigentlich geht es der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gar nicht schlecht.Wenn mit ihrer morgen beginnenden Synodaltagung die sechsjährige Amtszeit des ersten gesamtdeutschen Rats nach der Vereinigung zu Ende geht, kann er mit Fug und Recht behaupten, die wichtigste seiner Aufgaben gelöst, nämlich die Gräben zwischen Ost und West weitgehend überwunden zu haben.Das war keineswegs selbstverständlich und nicht immer leicht.Die Verstrickungen einiger Kirchenleute mit der Staatssicherheit der DDR hat zu tiefen Verunsicherungen und Verwerfungen geführt.Doch jene, die der Kirche Kumpanei mit der Stasi vorgeworfen haben, blieben in der Minderheit - zu Recht.Von einem solchen Ausmaß an Zusammenarbeit konnte zu keinem Zeitpunkt die Rede sein. Zu einer innerkirchlichen Zerreißprobe führte auch die Zukunft der Militärseelsorge.Nach jahrelangem Ringen wurde eine Zwischenlösung gefunden, die den Bedenken vieler Kirchen im Osten Rechnung trägt.Was aus ihr werden wird, steht dahin, doch die Diskussionen darüber waren wichtig für das Zusammenwachsen von Ost und West.Problematisch war die Übernahme des westdeutschen Kirchensteuersystem.Inzwischen ist die Ost-West-Skepsis einer gesamtdeutschen Debatte über den Sinn von Kirchensteuern gewichen.Schwierig blieb die Einführung des Religionsunterrichts an staatlichen Schulen.Die Einrichtung des Unterrichtsfaches Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER) in Brandenburg lehrt, daß das Thema nicht abgeschlossen ist.Aber auch hier zeigt sich: Es ist nicht mehr ausschließlich ein Streit zwischen Ost und West, sondern eine Debatte quer durch alle Reihen.Dieser Wandel - weg vom Ost-West-Konflikt, hin zu einer allgemeinen Auseinandersetzung - ist wohl das größte Verdienst des Rates und des nun scheidenden Ratsvorsitzenden Bischof Klaus Engelhardt. Und doch will sich die rechte Zufriedenheit nicht einstellen.Das hat seinen Grund.Denn auch das ist in den letzten sechs Jahren geschehen: Der Buß- und Bettag wurde als gesetzlicher Feiertag abgeschafft, das verpflichtende Gebot, Kruzifixe in Klassenzimmern anzubringen, für verfassungswidrig erklärt, der Streit um LER vor das Bundesverfassungsgericht getragen.Die Kirche ist in die Enge geraten.Und sie fühlt sich in der Enge - so sehr, daß sie es für nötig hielt, vor wenigen Tagen in einer 37seitigen Erklärung auf ihre besondere Stellung in der Gesellschaft hinzuweisen.Sie weiß, ihr Einfluß schwindet.Für die Politik ist es inzwischen viel ungefährlicher, sich mit den Kirchen anzulegen als mit den Arbeitgebern oder den Gewerkschaften, brachte es der Berlin-Brandenburger Bischof Wolfgang Huber, der als aussichtsreicher Kandidat für die Engelhardt-Nachfolge gilt, im Frühjahr auf den Punkt.Doch nicht nur die Wirkung auf die Politik, auch der Einfluß auf die Menschen verblaßt.Anders als früher ist die Kirche nur noch ein Angebot unter vielen.Die Gottesdienste sind schlecht besucht, Kirche kommt nicht mehr an. Hier muß der nächste Rat neu ansetzen, will er die Kirche aus ihrem Tief herausholen.Daß die Kirche bei den Menschen nicht mehr ankommt, liegt ja keineswegs daran, daß die Menschen weniger Interesse an Glaubens- und Sinnfragen haben.Und daß die Kirche in der Politik auf Schwierigkeiten stößt, hat doch mitnichten den Grund, daß es keine Probleme mehr gibt.In beiden Fällen ist das Gegenteil der Fall.Die Schwierigkeiten werden von Tag zu Tag existentieller, entsprechend die Suche der Menschen und der Politik nach Antworten.Das ist und bleibt die Chance der EKD.Die sollte sie nutzen, unbeirrbar - und bescheiden.Denn auch das muß die Kirche wissen: Den Stellenwert, den sie einmal hatte, wird sie nicht mehr wiederbekommen.

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