Zeitung Heute : Zukunft mit Schattenseiten

Imke Meier

Das einzige, was wirklich stört, sind die ersten zwei Seiten. Autoren sollten doch darauf vertrauen, dass ihre Bücher für sich selbst sprechen. Muss in Vor- oder Nachworten noch etwas erklärt werden, so ist das oft kein gutes Zeichen. Die Vorrede in Lois Lowrys Roman "Die Suche nach dem Blau" ist eindeutig ein Fehlgriff: blumig, gestelzt und mit scheinbarem Misstrauen in die eigene Geschichte. Dabei gelingt es der Handlung doch mühelos, ein vollständiges Universum zu erschaffen, das keinerlei Erklärung bedarf.

"Die Suche nach dem Blau" erzählt die Utopie von einer Gesellschaft, in der das Mädchen Kari wegen ihrer besonderen Gabe zu sticken eine herausgehobene Position einnimmt. Zunächst erscheint ihr das wie ein uneingeschränktes Glück. Hatte sie nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter noch befürchtet, aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen zu werden, genießt sie jetzt ungeahnte Privilegien und bekommt eine ehrenvolle Aufgabe zugeteilt: Sie soll den Mantel des Sängers ausbessern und vollenden. Die kunstvollen Stickereien erzählen die Geschichte der Menschheit und gehören zum höchsten Gut der Gemeinschaft. Kari ist stolz auf ihre neue Aufgabe. Doch bald erkennt sie, dass die scheinbar so gut organisierte Gesellschaftsordnung einige grausame Geheimnisse birgt.

Spätestens hier schließt sich der Kreis zu Lois Lowrys bislang bekanntestem Buch "Der Hüter der Erinnerung". Auch dort ging es um eine Gesellschaftsutopie, auch dort wird ein Kampf geführt zwischen einer rationalen straffen Ordnung und der Welt der spontanen Bilder und Gefühle. In beiden Geschichten gelingt es der Autorin, spannende Zukunftsszenarien zu entwerfen und trotzdem nachdenklich zu stimmen. Dabei ist "Die Suche nach dem Blau" noch vielschichtiger als "Der Hüter der Erinnerung" und verwebt noch mehr unterschiedliche Aspekte zu einer Gesamtgeschichte. Sprachlich sehr bildhaft und behutsam wird von Karis Suche nach dem Blau erzählt, von einer schönen Freundschaft zu dem einfachen Jungen Matt und von dem unerwarteten Wiedersehen mit ihrem Vater. Das ist Fantasy light, gut konsumierbar auch für diejenigen, die Fantasy-Geschichten nicht mögen.

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