Zeitung Heute : Zum Abgewöhnen

Rauchverbote haben in Europa Konjunktur – doch Deutschland dürfte zunächst außen vor bleiben

Cordula Eubel,Rainer Woratschka

Mit Spanien hat ein weiteres europäisches Land ein umfassendes Rauchverbot eingeführt. Wie wahrscheinlich ist ein solches Verbot auch in Deutschland?


Zigaretten zum Espresso sind in Italien seit einem Jahr tabu: Rauchen ist in Restaurants und Cafés nicht mehr erlaubt – es sei denn, es gibt spezielle Raucherzonen. Offenbar haben die strengen Gesetze gewirkt: Das Rauchverbot hat zum Rückgang des Zigarettenkonsums um acht Prozent geführt, heißt es in einer Studie. Seit Jahresbeginn ziehen nun auch die Spanier gegen öffentliches Rauchen zu Felde. In Firmen herrscht Rauchverbot, in großen Bars und Restaurants (über 100 Quadratmeter) ist Gästen das Qualmen nur noch in abgetrennten Bereichen erlaubt. Besitzer kleinerer Kneipen dürfen allerdings selbst entscheiden, ob sie Raucherzonen einrichten.

Dass Vater Staat auch in Deutschlands Gaststätten ein Machtwort sprechen wird, ist hingegen unwahrscheinlich. Regierung und Branche setzen lieber auf freiwillige Lösungen: Im März 2005 vereinbarten die damalige Drogenbeauftragte Marion Caspers-Merk (SPD) und der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), dass es innerhalb eines Jahres in mindestens 30 Prozent aller Speisebetriebe mindestens 30 Prozent Nichtraucherplätze geben soll. Im Jahr 2008 schließlich soll in 90 Prozent der Restaurants die Hälfte aller Plätze Nichtrauchern reserviert sein. „Wir sollten abwarten, wie sich das entwickelt“, sagt jetzt der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn.

Restaurants mit zusätzlichen Nichtraucherplätzen hätten positive Erfahrungen gemacht, freut sich Dehoga-Geschäftsführerin Ingrid Hartges. „Bei den Gästen kommt das gut an.“ In einer Zwischenbilanz kam der Verband zum Ergebnis, dass die vereinbarten Ziele wohl eingehalten werden können: Von 250 befragten Betrieben in Berlin habe bereits im Sommer 2005 jeder dritte 30 bis 40 Prozent der Plätze für Nichtraucher bereitgehalten. Aktuelle Zahlen will der Verband Anfang März vorlegen. Ein gesetzliches Verbot lehnen die Gastronomen ab. „Wir wollen den Beweis antreten, dass es auch mal ohne Verbote funktioniert“, sagt Hartges.

Krebsforscher sehen das anders. Durch Passivrauchen kämen pro Jahr mehr als 3300 Menschen zu Tode, ermittelte das Deutsche Krebsforschungszentrum. Gesetzlicher Nichtraucherschutz sei daher auch in der Gastronomie „dringend geboten“. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren (DHS) hingegen sieht Deutschland auch ohne Verbote „auf gutem Weg“. Er habe den Eindruck, dass „jetzt bei der Umgestaltung oder Neugründung von Restaurants stark auf Nichtraucher geachtet wird“, sagt DHS-Geschäftsführer Rolf Hüllinghorst. Allerdings spricht er von unnötiger Rücksichtnahme. Erfahrungen anderer Länder zeigten, dass Rauchverbote keine Umsatzeinbußen zur Folge hätten.

Dem widerspricht der Hotel- und Gaststättenverband. In Betrieben, in denen vor allem Getränke ausgeschenkt werden, sei es durch Rauchverbote zu Umsatzrückgängen von bis zu 30 Prozent gekommen. Auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten wehrt sich mit dem Verweis auf sinkenden Umsatz gegen Rauchverbote. „Wir plädieren für Freiwilligkeit“, sagt Sprecherin Karin Vladimirov. Und das Recht der Kellner auf einen rauchfreien Arbeitsplatz? „Jeder Beschäftigte weiß doch, worauf er sich einlässt“, sagt die Sprecherin.

Hüllinghorst fände es interessant, wie ein Gericht bei entsprechender Klage entscheiden würde. Abgehängt sieht er die Deutschen beim Nichtraucherschutz aber nicht. Zwar hätten sie noch immer die höchste Dichte an Zigarettenautomaten und keine Rauchverbote in Gaststätten. Dafür seien sie aber führend bei Prävention und Tabaksteuer. „Auf den Mix kommt es an, nicht auf die Einzelmaßnahme“, sagt er. Und im Kern seien sich Europas Regierungen einig. „Inzwischen haben alle begriffen, dass Rauchen gefährlich ist und die Gesellschaft mehr kostet, als es ihr etwa über Steuern einbringt.“

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