Zeitung Heute : Zum Fahrerwechsel wird gar nicht erst angehalten

CHRISTOPH MIESKES,IVO BRANDAU

Auf uralten Handelswegen der Seidenstraße zu den mythischen Stätten des zentralasiatischen OrientsVON CHRISTOPH MIESKES UND IVO BRANDAU

Die Araber brachten ihre reiche Kultur und den Islam, die Mongolen unter Dschingis Khan erst Zerstörung und später unter Timur Leng die größte Blüte.Usbekistan zeigt sich heute in einem spannenden Gemisch aus Historie und Gegenwart. Timur Leng ruht sich noch aus.In seiner lose anliegenden Plastikrüstung sitzt er breitbeinig auf einem winzigen Schemel, blinzelt versonnen in das warme Licht dieses Spätnachmittags.Einsam ziehen ein paar Schwalben ihre Bahn.Tanja und Londa, die beiden verschleierten Prinzessinnen, packt plötzlich eine Unruhe.Freundlich winken sie uns nochmal zu, laufen dann rasch zu den anderen Edeldamen und jungen Kriegern."Wie oft soll ich noch sagen, daß alle, die mit der Aufführung nichts zu tun haben, endlich hinter die Absperrungen gehen sollen?" herrscht uns ein dürrer, nervöser Russe aus seinem krächzenden Mikrophon an.Schnell wird noch die Riege eingeölter Ringkämpfer umgruppiert, dann setzt auch schon eine alles überstrahlende Fanfare ein.Hunderte von Wimpeln, Fahnen und Tüchern werden gleichzeitig hochgehalten: Auf dem Reghistan in Samarkand hat die Generalprobe zur Feier der fünfjährigen Unabhängigkeit Usbekistans begonnen. Seit der Abnabelung von Moskau gilt Usbekistan als das wirtschaftlich und politisch stabilste Land Zentralasiens.Die Knute des Staatspräsidenten Islam Karimov hält das Land mit diktatorischer Härte und einigem Erfolg auf recht stabilem Kurs Richtung Privatwirtschaft.Souverän greift das Regime auf die vorsowjetische Vergangenheit zurück und verklärt sie zu einem nationalen Mythos.Das Volk der Usbeken leiht dem Land den Namen, doch fast ein Drittel der Bevölkerung gehört anderen Ethnien und Sprachgruppen an.Tadschiken, Kirgisen und Russen bilden die stärksten Minderheiten. Die Geschichte der Region ist entlang der Seidenstraße gewoben und all ihre Städte erzählen von ihr.Ihre zentrale strategische Lage ließ immer wieder begehrliche Blicke der großen Mächte auf das uralte Kulturland zwischen den zwei Strömen Syr Darya und Amur Darya fallen.Die arabischen Invasoren brachten ihre reiche Kultur und den Islam, die Mongolen unter Dschingis Khan erst Zerstörung und später unter Timur Leng die größte Blüte.Er und seine Nachkommen machten das Gebiet des heutigen Usbekistans zum Kernland ihres riesigen Reiches und Samarkand zu seiner Hauptstadt. Auch der heutige Besucher reist auf den uralten Handelswegen der Seidenstraße zu den mythischen Stätten des wenig bekannten zentralasiatischen Orients.Die Ankunft in Taschkent jedoch ist gut geeignet, allzu romantische Erwartungen vorerst zu zerstören.Wenn sich die Ankömmlinge durch den maroden Terminal des Flughafens gequält haben, befinden sie sich schon im Sog der Zwei-Millionen-Metropole, die außer riesigen administrativen Hochhäusern und Wohnplatten auf den ersten Blick wenig zu bieten hat.Nach dem verheerenden Erdbeben von 1966 tobten sich hier die Moskauer Stadtplaner aus.Nur ein kleiner Bereich der Altstadt wurde wieder hergerichtet. Der geduldige Spaziergänger findet allen Bausünden zum Trotz einige Oasen in den weiten Straßenzügen.In den Parks im Stadtzentrum lassen sich fröhlich kreischende Kinder von einem künstlichen Wildbach mitreißen.Dichte Rauchschwaden von Schaschlikständen hüllen die Fußgängerzone ein, in der westliche, russische und usbekische Popmusik aus den Lautsprechern brüllt und sich zu einem grotesken Klangbrei mischt. Das eigentliche Herz Taschkents schlägt in seinen Bazaren.An der U-Bahnstation Tschorsu stehen seit Jahren die Bretterbuden und Stände aus dem begrenzten, blaukuppeligen Betonrondell der Sowjetzeit.Es fällt schwer, sich einen Weg durch die engen Gassen zu schlagen.Bunt gekleidete Frauen sind aus der Umgebung angereist.Mit makellosen Goldzähnen werden Auberginen, eingelegte Gurken, Kartoffeln und Zentnersäcke Reis angepriesen.Ein Greis portioniert eine riesige Honigmelone in eßbare Stücke.Die kleinen Sum-Geldscheine in der einen, seinen übergroßen Krummdolch in der anderen Hand, arbeitet er den ganzen Tag lang in dem süßlich-betörenden Duft seiner Früchte. Irgendwo hinter den Miniaturlandschaften aufgeschütteter Gewürze finden wir einen Platz, trinken Tee.Fliegen machen sich über die Zuckerstücke her.Später laufen wir zum zentralen Busbahnhof.In den abgewetzten Sitzen der Überlandbusse läßt sich die Vielfältigkeit Usbekistans am besten erfahren.Und eine eintägige Fahrt von Taschkent nach Chiwa in der nordwestlichen Wüstenprovinz Karakalpakestan hält fast immer ein kleines Abenteuer bereit. Randvoll gepackt mit Autoreifen, Passagieren, guter Laune und Gepäckstücken unbekannten Inhalts brummen die rollenden Warenlager auf den Betonpisten.Die vorwiegend türkischen und iranischen Lastwagen voll mit Konsumartikeln knüpfen heute, nach dem Zusammenbruch des zentralistischen Sowjetreiches, wieder an das transkontinentale Handelsnetz an. Im Bus sind die westlichen Reisenden schnell im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.Scheue Blicke der Frauen streifen uns ebenso wie kreisende Wodkaflaschen.Zum Fahrerwechsel wird gar nicht erst angehalten: Mit einem schnellen Sprung ergreift der Ersatzfahrer das Steuer.An den verstaubten Fenstern ziehen majestätische Ausläufer des Pamir vorbei, der karge Reiz der Steppenlandschaft macht langsam endlosen Baumwollfeldern Platz.Auch das unabhängige Usbekistan lebt mit und von seinem "Weißen Gold".Spät in der Nacht tappen wir etwas mitgenommen durch die ausgestorbenen Gassen Chiwas.Der Patron der örtlichen Pension schläft auf der Veranda.Er läßt uns noch rein. Am nächsten Morgen klettern wir zuerst die Treppenstufen der Befestigungstürme in der Residenz der Herrscher des Khanats, dem Kuchna-Palast, hinauf.Ein phantastischer Überblick.Zu Füßen das ockerfarbene Chiwa mit seinen schimmernden Fliesen in den Innenhöfen der Paläste und am mächtigen Kalta Minor Minarett aus dem 19.Jahrhundert, das nie fertiggestellt wurde, beenden die grün, braun und türkis schimmernden Kacheln ihren Himmelsturm schon nach 15 Metern, weil den Bauherren ganz einfach das Geld ausging.Nach der Stadtmauer, die die winkeligen Gassen noch vollständig umschließt, beginnt das satte Grün der Oase und dann das fahle Gelb der Sandwüste Karakum, eine der größten der Welt.Dieser Blick macht klar, weshalb das unzugängliche Khanat, das bis weit in das letzte Jahrhundert ein Zentrum des Sklavenhandels war, russischen Eroberern bis in unser Jahrhundert standhielt.Die Invasoren müssen von der Durchquerung der Wüste erschöpft spätestens beim Anblick der massigen Stadtmauer jeden Mut verloren haben. Auch die spätere Sowjetisierung konnte die Gesellschaft nur oberflächlich modernisieren.Dem einmaligen Wert der städtebaulichen Einheit leisteten in den 80er Jahren ganze Heerscharen von Restauratoren Folge, die aus Chiwa ein Freilichtmuseum für russische und westliche Touristen schufen.Die Mohamed Amin Khan Medressa wurde gar in ein Hotel umgebaut. Die Einwohner Chiwas bleiben eher unter sich.Auch ein kurzes Fußballspiel mit der Dorfjugend auf dem staubigen Platz vor der Rakim Khan Medressa wird vom örtlichen Polizisten schnell unterbunden, denn eine Hochzeitsgesellschaft rückt in die Festen Chiwas ein.Die traditionell gekleideten Familien posieren vor jeder Fassade für die Videokameras, mit denen die Zusammenführung der Clans festgehalten wird. Am Abend sammeln sich die wenigen Touristen in der einzigen Pension und schauen den Frauen beim Rupfen der Hühner zu.Hier gibt es, anders als in Taschkent, Samarkand und Buchara, noch kein Luxushotel einer indischen Investorengruppe.Die Rucksack-Touristen aus Skandinavien, der junge Forscher aus Paris, das New-Yorker Rechtsanwaltspärchen und der verschlagene Chef des Hauses: Beim Abendessen wird gesellig aneinander vorbeigeredet. Die Viertelmillionenstadt Buchara vereinigt Bauwerke aus über 1000 Jahren, vom arabischen Einfall im Jahre 709 bis zur Glanzzeit der Khanatshauptstadt im 16.Jahrhundert.Hier befindet sich die älteste Moschee Zentralasiens, Nachoki- Attar, hier reihen sich Karawansereien an Badehäuser und schattige Plätze.Am zentralen Labi- Haus Platz lauert der Müßiggang.Um ein Kühle spendendes Wasserbassin herum sind unter uralten Maulbeerbäumen die typischen, bettgestellähnlichen Sitzgelegenheiten aufgebaut.Ruhe- und Gesprächssuchende ziehen ihre Schuhe aus und lassen sich im Schneidersitz Tee und Schaschlik servieren. In der "Stadt der Edlen" steht das Kalan Minarett so sicher, daß es in 850 Jahren lediglich kosmetischer Reparaturen bedurfte.Die kunstvoll geschachtelten Ziegeln verändern ihren Farbton mit dem Einfall des Lichtes.Viele andere Bauwerke werden gerade vollständig renoviert.Wackelige Holzgerüste haben sich in einem wüsten Zickzack um das abgestufte Braun Bucharas gewunden.Darauf turnen abenteuerlich die Arbeiter herum, die Buchara für den 2500.Geburtstag der Stadt rüsten.Er wird in diesem Jahr gefeiert.Für viele der ungelernten Restaurateure stellt die halsbrecherische Arbeit einen willkommenen Nebenverdienst dar. Einen Zweit- oder Drittjob müssen usbekische Polizisten selten ausüben.Trotz des niedrigen Salärs von umgerechnet 32 Dollar fließt noch immer etwas zusätzlich in die Taschen der alten Uniformen mit den neuen Insignien auf den Schultern.Als wir den Bus nach Samarkand verpassen, nehmen sich zwei grinsende Gesetzeshüter unserer an: "In zwei Stunden kommt der nächste Bus, solange trinkt ihr Tee mit uns." Drei Stunden später erheben wir uns gemächlich und gehen auf die andere Straßenseite.Rasulow, so heißt der eine, setzt seine verspiegelte Sonnenbrille auf und hält mit einer kleinen Geste großer Autorität das klapprige Ungetüm an.Ein paar Worte zum Fahrer: wir werden eingelassen und sind ein wenig stolz, daß wir außer Schaschlik und Tee nichts für diese Dienstleistung bezahlt haben. Nach den Brauntönen des entlegenen Chiwa und der geruhsamen Eleganz Bucharas gehen in Samarkand steingewordene Geschichte und moderne Großstadt eine vitale, selbstverständliche Verbindung ein.Ob man seinen Tee im sowjetischen Vergnügungspark einnimmt oder die historischen Stätten im weitläufigen Bereich der Altstadt besichtigt, die Samarkandis sind vor allen Dingen stolze Bewohner ihrer Stadt. Timur Leng brachte von seinen Feldzügen, die ihn weit in die arabische Welt und nach Europa führten, nicht nur immense Reichtümer mit in ihre Stadt.Der grandiose und barbarische Schlachtenführer versammelte Baumeister, Gelehrte und Künstler und beauftragte diese Eliten zur Neuschaffung der Stadt.Sein Enkel Ulugbek setzte das Erbe fort.Beide Nationalhelden Usbekistans sind im Gur-Emir Mausoleum beerdigt.Es liegt heute zwischen dem historischen und dem modernen Stadtteil.Weitere Herrscher dieser Dynastie ruhen in der grandiosen, doch leider langsam verfallenden Totenstadt Schah-i Zinda im Osten Samarkands. Die weithin strahlenden, türkisfarbenen Kacheln der Kuppeln und Minarette; die sich nicht wiederholenden abstrakten Muster an den Außenfassaden und Innenhöfen der Koranschulen, die perfekten Proportionen der Eingangsportale, die Mosaike; jedes Detail im Gesamtkunstwerk versinnbildlicht eine der produktivsten kulturellen Perioden Zentralasiens.Der Reghistan, der vom Ensemble der drei Medressen Ulug-Bek, Schi-Dar und Telle-Kari an drei Seiten umschlossen wird, eröffnet dem Betrachter eine schier endlose Zentralperspektive in die glorreiche Vergangenheit der Stadt.Einer der schönsten Plätze der Welt, vollgesogen mit Geschichte. Die Generalprobe zur Unabhängigkeitsfeier ist jetzt in vollem Gange.Jede Bevölkerungsminderheit darf ein repräsentatives Tänzchen einlegen.Am Rande der Bühne haben Soldaten der usbekischen Grenztruppen ihre Gewehre geschultert.Das ist das Startsignal für den Darsteller von Timur Leng, sich zu erheben und würdevoll in das Scheinwerferlicht zu schreiten.Die Nationalhymne setzt ein.Timur steht einfach da, in der Mitte der Bühne.Er hebt beschwörend die Hände.Mehr muß er nicht tun. Tips für Usbekistan Reisezeit: Frühjahr und Herbst empfehlen sich als die besten Reisezeiten.Im kontinentalen Hochsommer steigen die Temperaturen auf bis zu 50 Grad; die Winter können empfindlich kalt sein. Anreise: Lufthansa fliegt dreimal wöchentlich non-stop von Frankfurt nach Taschkent (1700 Mark ermäßigt, 2265 Mark regulär), ebenso Usbekistan Airways (1195 Mark).Der Direktflug dauert sechs Stunden.Ab Berlin bietet die russische Transair auch drei Flüge pro Woche an, allerdings müssen Wartezeiten beim Umsteigen in Moskau in Kauf genommen werden (1100 Mark).Turkish Airlines fliegt einmal in der Woche von Berlin über Istanbul nach Taschkent (1380 Mark). Einreise: Individualreisende benötigen für ein usbekisches Touristenvisum entweder eine Einladung oder Hotelvoucher für die gesamte Reise.Private Visavermittler können weiterhelfen.Ein 15tägiges Visum kostet bei der Usbekischen Botschaft 82 Mark.Bei einer Pauschalreise entfallen diese Vorbereitungen. Geld: Landeswährung ist der Sum.100 Sum entsprechen zur Zeit etwa 50 Pfennigen.Der Bar-Umtausch von Dollars ist am unkompliziertesten.Wenige Banken und die Luxushotels tauschen Traveller-Schecks in Dollar oder Sum.Kreditkarten sind nahezu nutzlos. Gesundheit: Zu Impfungen gegen Cholera, Typhus und Hepatitis B wird geraten.Eine Malaria-Prophylaxe ist nicht unbedingt nötig.Mittel gegen Durchfall wie beispielsweise Kohletabletten lindern die körperliche Umstellung auf das zwar schmackhafte, aber doch ungewohnte Essen. Verkehrsmittel: Busse sind das gängigste Transportmittel.Sie verkehren in hoher Frequenz zwischen allen größeren Städten und sind sehr günstig, aber zumeist nicht besonders komfortabel.Zahlreiche Zwischenstopps müssen einkalkuliert werden.Die wenigen Bahnverbindungen können trotzdem ungleich länger dauern.Angesichts der Größe des Landes lohnen sich Flüge sehr.Buchara-Taschkent kostet circa 100 Mark und dauert zwei Stunden, während die Strecke mit dem Bus nur in 14 Stunden bewältigt werden kann.Die Einwohner von Taschkent nutzen gerne ihre Metro.Überall im Land ergänzen zahlreiche private und staatliche Taxis die bestehenden Verkehrsmittel, wenn der Zielort oder der Zeitpunkt etwas außergewöhnlicher sein sollten. Veranstalter: Usbektourism, Oberhöchstädter Straße 10, 61440 Oberursel; Telefon: 06171/583636, Fax: 06171/583669.Olympia-Reisen, Siegburgstr.49, 53229 Bonn; Telefon: 0228/4000353, Fax: 0228/4000355.Visum-Service, Sibyllenstr.18, 53173 Bonn; Telefon: 0228/956980, Fax: 0228/365630. Literatur: "Central Asia" von John King und John Noble bietet detailreiche praktische Informationen über den gesamten zentralasiatischen Raum.Für Individualreisende ein unverzichtbarer Begleiter in Usbekistan.Lonely Planet Verlag, 1996, 539 Seiten, um 40 Mark.Klaus Panders "Zentralasien" wendet sich vor allem an den kulturgeschichtlich Interessierten.DuMont Kunst-Reiseführer, 1996, 384 Seiten, 49,90 Mark

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