Zeitung Heute : Zum Leben erweckt

Masterstudierende der TFH arbeiten an Mikrochips, die Robotern das „Denken“ beibringen

Christian Schnohr

Ein Roboter auf vier Rädern wuselt mit seiner Saugschnautze über den Boden des Forschungslabors. Ein anderer balanciert einen Ball auf der Nase, wie eine Robbe. Von den Sitzreihen aus staunen die Masterstudierenden von der Technischen Fachhochschule Berlin (TFH) über den Technik-Zirkus. Sieht aus, als hätten Dr. Frankenstein und Dr. Caligari im Vollrausch einen draufgemacht. Dabei kommen die Roboter ganz ohne Hokuspokus aus: Sie funktionieren mit „Embedded Systems“, kleinsten Mikrorechnern, die Bewegungen und Vorgänge steuern wie ein menschliches Gehirn.

Wenn beispielsweise die Waschmaschine oder der Kaffeeautomat auf eine notwendige Entkalkung hinweist, sind Embedded Systems am Werk. Bionische Handprothesen, Hifi-Geräte, Mobiltelefone mit Bluetooth sowie Antiblockiersysteme oder Airbags im Auto – fast überall sind die intelligenten Systeme versteckt. In der Medizin retten sie sogar Leben: In Herzschrittmachern oder Röntgengeräten. Im Masterstudiengang Embedded Systems tüfteln Diplom-Ingenieure oder Bachelor der Informatik an immer perfekteren, kleineren Rechnern.

Der Studiengang liegt auf der Schnittstelle zwischen Informatik und Elektrotechnik. Maximal 20 Studierenden nimmt die TFH pro Semester auf. Da es den passenden Bachelor für Technische Informatik erst seit dem Sommersemester 2006 gibt, nahmen an den Kursen bislang nur Diplomingenieure teil.

Einer der Absolventen ist Andreas Döpkens. „Ich hab den Master gemacht, weil ich promovieren möchte", sagt der 30-Jährige. „Mein FH-Diplom reichte dafür nicht.“ An dem jungen Studiengang gefiel ihm besonders die klare Struktur. Während das letzte Fachsemester für die Masterarbeit reserviert ist, wechseln in den ersten beiden Halbjahren Theorie und Praxis einander ab. Hard- und Software werden auf dem Papier erklärt, Modelle für Prototypen entwerfen die Studierenden selbst.

Dabei können die Studierenden Schwerpunkte setzen. Zum Beispiel in den Fachbereichen „Maschinelles Sehen“ und „Autonome mobile Systeme“. In diesen Kursen beschäftigen sie sich mit der Bildverarbeitung von Robotern. Die intelligenten Maschinen sollen sich in Zukunft selbstständig bewegen und in einer fremden Umgebung zurecht finden. So können sie später als vollautomatische Staubsauger eingesetzt werden. „Im Gegensatz zu den bereits kommerziell erhältlichen Modellen scannt unser Prototyp vorher die Konturen des Raumes, um selbstständig eine Saugroute zu planen“, erklärt Volker Sommer, Professor für angewandte Informatik und mobile Robotik an der TFH. „Ein doppelter Weg ist somit ausgeschlossen.“

Embedded Systems sind nicht nur Zauberworte für die Zukunft: Auch Sicherheitsroboter, wie sie bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland eingesetzt wurden, sind mit den Mikrorechnern ausgestattet. Im Olympiastadion streiften die elektronischen Wachleute nachts zwischen den VIP-Shuttles in der Garage umher, um die Fahrzeuge vor Manipulationen zu schützen. Erkennen solche Roboter mit ihrem eingebauten Infrarotsensor einen Eindringling, geben sie per Funk Alarm – und warten auf Verstärkung aus der Leitzentrale.

Da nicht alle Masteringenieure später Wach- und Saugroboter entwerfen wollen, sind im Semesterplan neben technischen Vertiefungsfächern auch fachübergreifende Kurse vorgesehen. „Unsere Studierenden können zusätzliche Module auswählen und sich Kenntnisse in Betriebswirtschaft oder Fremdsprachen aneignen", erklärt Sommer. Wenn die Studierenden sich ihren Master selbst finanzieren müssen, bleibt dafür keine Zeit: Das Studium ist auf 24 Semesterwochenstunden angelegt, verteilt auf drei Tage. Eigentlich sollen die Studierenden nebenbei ihren Lebensunterhalt verdienen können. „Aber das habe ich nicht geschafft“, sagt Absolvent Andreas Döpkens. „Auch neben den Vorlesungen und Seminaren muss man viel Zeit aufbringen. Für den, der kein Geld gespart hat und keine Förderung mehr bekommt, ist es nicht einfach.“

Dafür sind die Berufsaussichten für die Masteringenieure hervorragend, besonders wegen ihrer breiten Ausbildung und dem boomenden Markt für Fachkräfte. Einige Absolventen bleiben an der Hochschule oder streben wie Döpkens eine Promotion an. Die meisten jedoch zieht es in die Industrie. „Bei den Unternehmen kommt der Master gut an“, erklärt TFH-Wissenschaftler Volker Sommer. „Momentan bekommen alle Absolventen einen Job.“ Ein Umzug ist aber oft obligatorisch, da nur wenige High-Tech-Firmen in Berlin sitzen. Die Einstiegsgehälter bewegen sich bei etwa 40 000 Euro im Jahr. Außerdem besteht mit dem Masterabschluss die Chance auf eine Anstellung im höheren Beamtendienst.

Doch der Abschuss ist wertlos, wenn die Qualität nicht stimmt. Ein Fall für die Vereinigung ASIIN, die unter anderem vom Verein deutscher Ingenieure (VDI) ins Leben gerufen wurde. Sie bewertet und akkreditiert naturwissenschaftliche Studiengänge. Der Studiengang Embedded Systems an der TFH Berlin schnitt bei der Prüfung positiv ab. Insbesondere lobten die Gutachter das große Engagement der Lehrenden sowie die konsequente Einhaltung der überschaubaren Gruppengrößen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben