Zeitung Heute : Zum Leid der Mutter

Ursache für Kindstötungen sind oft psychische Störungen. Was kann in diesen Fällen getan werden?

Die Worte sind in solchen Fällen traurige Routine – und sie treffen doch die Wahrheit: „Die furchtbare Tat wirft viele Fragen auf, die wir zurzeit nicht beantworten können.“ Das sagte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, nachdem der Tod der fünf Geschwister im Landkreis Plön am Mittwoch bekannt geworden war.

Insgesamt 202 Kinder wurden im vergangenen Jahr in Deutschland getötet. Die Zahl der Fälle ging 2006 – anders, als es die öffentliche Wahrnehmung nahelegt – um fast ein Drittel zurück. Wie viele Kinder von ihren Müttern getötet wurden, lässt sich aus der Kriminalstatistik der Polizei nicht gesondert herauslesen.

Bei der Suche nach Antworten tauchen im Zusammenhang mit Kindstötungen immer wieder Worte auf, die mit „psy-“ beginnen: Auch die Mutter aus Schleswig-Holstein wirkte nach ersten Berichten „psychisch verwirrt“ und wurde nach der Tat in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Psychische Erkrankungen der Eltern, gerade von Müttern, gelten als besonders riskant. Sie sind die häufigste Ursache für Kindstötungen. Dagegen wird das Problem der Vernachlässigung von Psychologen meist mit Beziehungsdefiziten oder bestimmten krisenhaften Situationen in Verbindung gebracht.

Erst vor zwei Wochen trafen sich beim Psychiatrie-Kongress in Berlin Experten zu einem Symposium, das unter der Überschrift „Kinderschutz beginnt bei den Eltern“ stand. Christiane Hornstein vom Psychiatrischen Zentrum Nordbaden in Wiesloch machte dort klar, wie wichtig es für den Start der Kinder ins Leben ist, wenn psychische Erkrankungen ihrer Mütter früh behandelt werden.

Die schlimmste, glücklicherweise seltene Folge ist die Tötung des eigenen Kindes. „Kindstötungen werden in der Regel von Patientinnen mit schweren Psychosen begangen, die eine wahnhafte Verkennung der Welt haben“, sagt die Charité-Psychiaterin Isabella Heuser. Sie hören demnach zum Beispiel Stimmen, die ihnen den Befehl geben, die Kinder zu töten. Frauen mit schweren Depressionen begehen dagegen eher erweiterten Suizid: Sie nehmen das Kind dann mit in den Tod.

Etwa die Hälfte aller Mütter weiß vom „Baby Blues“ her, wie sich eine leichte psychische Störung anfühlt. Diese tritt häufig nach der Geburt auf und dauert meist nur wenige Tage. Immerhin 15 Prozent der jungen Frauen leiden aber länger und stärker unter einer echten Depression.

„Die Frauen schämen sich, weil doch eigentlich erwartet wird, dass man sich über das Baby freut“, sagt Iris Hauth, Chefärztin am St.-Joseph-Krankenhaus in Berlin-Weißensee. In dieses Krankenhaus können psychisch kranke Mütter zusammen mit ihren Babys kommen. „Wir behandeln die Mutter, parallel dazu wird aber auch die Mutter-Kind-Beziehung behandelt“, sagt die Psychiaterin. Die Ärzte und Psychologen, die die Mutter betreuen, kennen sich dann auch später gut aus, wenn es um die Frage der Erziehungsfähigkeit geht. Voraussetzung für die frühe Behandlung ist allerdings, dass das Problem erkannt wird – zum Beispiel von der Hebamme, die die Familie nach der Geburt des Kindes betreut.

Genauso wichtig ist es auch, alle Hilfsangebote, die eine Familie später braucht, sinnvoll zu koordinieren. „Das Jugendamt muss die Gesamtsituation kontinuierlich verfolgen“, fordert Oliver Bilke, Chefarzt der Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie an den Vivantes-Kliniken Humboldt und Hellersdorf. Viele Probleme könne man dann voraussehen. So sei es auch eine Form des vorausschauenden Kinderschutzes, wenn denjenigen Kindern früh geholfen werde, die durch ihre Unruhe für Eltern anstrengend seien. „Tatsache ist, dass die nach außen gerichteten Störungen sich überdurchschnittlich häufig bei Jungen finden“, sagt Bilke.

Die Psychologin Heuser warnt allerdings vor generellen Rückschlüssen. Die Tatsache, dass es häufig psychisch kranke Frauen seien, die ihre Kinder töten, lasse sich nicht auf Tötungsdelikte allgemein übertragen: „Insgesamt werden Morde sogar seltener von psychisch Kranken begangen als von der Allgemeinbevölkerung“, sagt sie.

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