Zeitung Heute : Zum Ritter gehen

Heike Jahberg

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Kinder neigen dazu, die Dinge des Lebens ein wenig auszuschmücken – vor allem, wenn sie noch klein sind. Sie fliegen durch die Nacht, kämpfen gegen Drachen, bezwingen feuerspeiende Monster oder bringen Räuber hinter Schloss und Riegel, ohne dass wir Eltern von diesen Heldentaten irgendetwas bemerkt hätten. Schulkinder beweisen schon größere Bodenhaftung. Statt Prinzessinnen zu retten, lassen sie eher mal missliebige Schularbeiten verschwinden oder verschweigen Hausaufgaben.

Eltern haben für Geschichten am Rand der Wahrheit meist nur wenig Verständnis. Statt ihre kleinen Helden zu loben, tun sie die großen Taten als Lügerei ab. Und für die Wahrheitsbeugungen der großen Geschwister haben sie noch viel weniger Verständnis.

Erziehungsberechtigte, die ihren Nachwuchs pünktlich zum Beginn des neuen Jahres auf den Pfad der Redlichkeit zurückholen wollen, können einen kleinen Ausflug ins Umland machen und nach Kampehl fahren. Dort liegt in der Gruft der alten Wehrkirche seit fast 300 Jahren der Ritter Kahlbutz – nahezu unversehrt. Selbst Zähne, Nägel und Haare der Leiche sind noch zu sehen, obwohl der Mann nie einbalsamiert worden ist. Warum der Ritter nicht verrottet, ist wissenschaftlich nie geklärt worden, doch die Leute aus dem Dorf wissen Bescheid. Der Ritter vergammelt nicht, weil er gelogen hat.

Zu Lebzeiten war Kahlbutz nämlich Besitzer eines Ritterguts. In dieser Eigenschaft pochte er bei allen jungen Bräuten auf das Recht der ersten Nacht. Bis er auf einen Schäfer traf, der Nein sagte. Der Junge wurde darauf hin ermordet, Zeugen gab es nicht. Kahlbutz schwor den „Reinigungseid“, es nicht gewesen zu sein. Falls doch, solle sein Leichnam im Grab keine Ruhe finden und niemals verwesen. Jetzt liegt er da, der alte Schwerenöter, ganz braun, ganz verschrumpelt und ganz hässlich.

Und die Moral von der Geschicht’? Keine Ahnung. Aber wenn Sie vom Ritter genug haben, können Sie in die Edelstein-Therme von Bad Wilsnack fahren und alle unguten Gefühle im warmen Salzwasser abwaschen. Oder ein „Mord-und-Totschlag-Bier“ trinken. Es sei denn, Abstinenz gehört zu Ihren guten Vorsätzen.

Kampehl liegt rund 75 Kilometer von Berlin entfernt an der B 5 Richtung Neuruppin.

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