ZUM THEMA : USA verfolgen bin Ladens digitale Spuren

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Live dabei. US-Präsident Barack Obama (2.v.l.) sieht mit seinem Sicherheitskabinett im Lagezentrum des Weißen Hauses auf einem Bildschirm den Einsatz, bei dem Elitesoldaten Osama bin Laden Sonntagnacht in Pakistan töten. Das vom Weißen Haus am Dienstag veröffentlichte Bild zeigt laut einem Regierungsvertreter den Moment, „als das Team am Ziel war“. Mit im Raum sitzen (v.l.): Vizepräsident Joe Biden, Brigadegeneral Marshall Webb, der stellvertretende Nationale Sicherheitsberater Denis McDonough, Außenministerin Hillary Clinton und Verteidigungsminister Robert Gates. Stehend (v.l.): Admiral Mike Mullen (der ranghöchste Soldat der US-Streitkräfte), der Nationale Sicherheitsberater Tom Donilon, Bill Daley (Stabschef des Weißen Hauses), Bidens Sicherheitsberater Tony Binken, Audrey Tomason (Direktorin der Nationalen Anti-Terror-Zentrale), der Anti-Terror-Berater John Brennan sowie der Nationale Geheimdienstdirektor James Clapper. Foto: dpa
Live dabei. US-Präsident Barack Obama (2.v.l.) sieht mit seinem Sicherheitskabinett im Lagezentrum des Weißen Hauses auf einem...Foto: dpa

Washington/London/Berlin - Die USA hoffen nach dem Tod des Al-Qaida-Chefs Osama bin Laden auf neue Erkenntnisse über die Pläne des Terrornetzwerks. US- Geheimdienste analysieren die Inhalte mehrerer Festplatten, die sie beim Sturm auf bin Ladens Unterschlupf in Pakistan erbeutet haben. Sicherheitsexperten sagen, die Terrorgefahr bleibe auch nach dem Tod des meistgesuchten Mannes der Welt hoch. Parallel wächst das Misstrauen zwischen den USA und Pakistan. Washington hatte die Regierung in Islamabad nicht vorab in die Pläne zur Militäroperation innerhalb Pakistans eingeweiht, sagte Präsident Obamas Anti-Terror-Berater John Brennan. Der Umstand, dass bin Laden dort leben konnte, werfe einige Fragen auf. CIA-Chef Leon Panetta sagte dem Magazin „Time“: „Man hat entschieden, dass alle Versuche einer Zusammenarbeit mit den Pakistanern die Mission gefährden könnten.“ Die USA hätten befürchtet, dass „sie die Ziele alarmieren könnten“.

Die US-Regierung hat zentrale Angaben zum Ablauf der Kommandoaktion revidiert. Bin Laden sei bei seiner Tötung nicht bewaffnet gewesen, teilte das Weiße Haus am Dienstag mit, er habe sich aber „auf andere Weise“ gewehrt. Außerdem sei seine Ehefrau bei dem Sturm auf das Versteck im pakistanischen Abbottabad nicht getötet, sondern nur durch einen Beinschuss verletzt worden. Allerdings seien andere Männer in dem Anwesen bewaffnet gewesen und hätten Widerstand geleistet. Bin Laden sei bei einem „unberechenbaren Schusswechsel“ ums Leben gekommen.

Eine US-Eliteeinheit hatte bin Laden in der Nacht zum Montag in einem streng geheimen Spezialeinsatz auf einem Anwesen rund 60 Kilometer nördlich der pakistanischen Hauptstadt Islamabad aufgespürt und erschossen. Aus dem Haus nahmen die Soldaten einen Computer und Festplatten mit, berichtete das US-Onlinemedium „Politico“ am Dienstag. Sie seien ein wahrer Schatz für die Terrorabwehr. Die Datenträger würden nun an einem geheimen Ort in Afghanistan durch hunderte Experten ausgewertet.

Die USA hatten das Gebäude, wo Bin Laden sich versteckte, über Monate beobachtet und auf einem Übungsgelände nachgebaut. Dort übte die Eliteeinheit „Navy Seals“ den Zugriff. Unklar bleibt, welche Rolle Pakistan spielte. Der Zugriff sei „keine gemeinsame Operation“ amerikanischer und pakistanischer Sicherheitskräfte gewesen, schrieb Präsident Asif Ali Zardari in einem Beitrag in der „Washington Post“. Doch die „seit einem Jahrzehnt andauernde Kooperation und Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Pakistan“ habe zur Tötung des Terroristen-Chefs geführt. Zugleich gab Zardari zu, bin Laden sei an einem Ort gefunden worden, wo man ihn nicht vermutet habe. Unter Sicherheitsexperten gibt es starke Zweifel, dass sich bin Laden in Pakistan ohne Wissen von Geheimdiensten und anderen Behörden des Landes aufhalten konnte. „Die pakistanische Regierung wusste immer, dass er da ist, wollte das aber vertuschen“, sagte Afghanistans ehemaliger Handelsminister Mohammad Amin Farhang am Dienstag in Kabul dem Deutschlandfunk.

Die deutschen Sicherheitsbehörden kümmern sich nach der Tötung von bin Laden verstärkt um den Schutz von US- Einrichtungen in Deutschland. Die Bundesländer würden überprüfen, welche Gebäude gesichert werden müssten, sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) am Dienstag dem ZDF. Der Tod des Terroristenführers hat in den USA und in Europa eine Debatte über ein rasches Ende des Militäreinsatzes in Afghanistan ausgelöst. Die Bundesregierung erklärte, sie wolle an dem Zeitplan für den Rückzug bis 2014 festhalten. „Wir sind nicht nach Afghanistan gegangen, um einen bestimmten Terroristen auszuschalten“, sagte Außenminister Guido Westerwelle (FDP).

In der Nähe der britischen Atomanlage Sellafield wurden derweil fünf Männer unter Terrorverdacht festgenommen. Die Verdächtigen seien um die 20 Jahre alt und kämen aus London, teilte die Polizei am Dienstag mit. Nach Informationen des Senders BBC sollen die Männer aus Bangladesch stammen und die Anlage gefilmt haben. Die Festnahmen seien keinesfalls das Ergebnis langer Ermittlungen. Unter den britischen Anti-Terror-Gesetzen kann die Polizei jeden festnehmen, der unter „ausreichendem Verdacht“ steht, ein Terrorist zu sein. Nach Polizeiangaben waren die Verdächtigen einer Polizeieinheit aufgefallen, die zum Schutz der Nuklearanlage in Sellafield abgestellt ist. mit AFP/dpa

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