Zeitung Heute : Zum Zuckerbrot etwas mehr Peitsche

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Die Garantiemächte haben den im Mai angekündigten Kurswechsel vollzogen.Für die Kooperationswilligen gibt es Aufbauhilfe.Kriegsverbrecher, wie in Prijedor geschehen, werden festgenommen.VON CHRISTOPH V.MARSCHALLMehr als anderthalb Jahre sind seit dem Abkommen von Dayton verstrichen.Doch ist der Frieden in Bosnien seither nähergerückt? Die Spannungen scheinen sich sogar wieder zu verschärfen, seit ein Machtkampf in der Führung der bosnischen Serben entbrannt ist und die SFOR mutmaßliche Kriegsverbrecher festzunehmen versuchte.Fast täglich sind Anschläge auf die Friedenstruppen zu vermelden.Und nur mit Ach und Krach konnten sich die Vertreter der drei Völker in Sarajevo gestern darauf einigen, die Minimalbedingungen der heute in Genf tagenden Geberkonferenz für das Hilfsprogramm für Bosnien zu erfüllen. Die Bewegung, die jetzt in die erstarrten Fronten gekommen ist, bringt einige Risiken mit sich, das ist nicht zu leugnen.Aber es eröffnen sich auch neue Chancen, dem Friedensprozeß endlich die Eigendynamik zu verleihen, die ihn dann immer weiter vorantreibt.Das Hauptproblem besteht nach wie vor darin, daß an der Spitze aller drei Völker keine unbelasteten Persönlichkeiten stehen, die den Neuanfang repräsentieren.Im Gegenteil, und das gilt am stärksten für die bosnischen Serben: Viele Führungsfiguren personifizieren die Absicht, die im Krieg erzwungene Teilung zu zementieren.So verharrt aber auch die Bevölkerung in alten Mustern - die meisten Flüchtlinge trauen sich nicht, zurückzukehren, viele Serben setzen weiter auf den als Kriegsverbrecher gesuchten Radovan Karadzic -, weil keine verläßliche Alternative in Sicht ist.Um das zu ändern, hätte man das ganze Land besetzen und die Kriegsgewinnler gewaltsam entmachten müssen, doch zu soviel Aufwand war die Außenwelt nicht bereit. Bisher hatten die Garantiemächte darauf gesetzt, mit dem Zuckerbrot der Aufbauhilfe alle drei Parteien dazu zu bringen, daß sie ihre Maximalziele aufgeben und am Friedensprozeß mitwirken.Wer sich verweigert, so die Hoffnung, würde Ärger mit seinem Volk bekommen, das nicht ohnmächtig zusehen will, wie es nur beim Nachbarn aufwärts geht.Doch der Erfolg war begrenzt.In der moslemisch-kroatischen Föderation werden Straßen, Brücken und Versorgungssysteme repariert, dorthin fließt der Löwenanteil der Aufbauhilfe.Aber schon in der zwischen Kroaten und Moslems umstrittenen Stadt Mostar stieß das Konzept an seine Grenzen.Und das serbische Bosnien verweigerte sich ganz, obwohl dort 80 Prozent arbeitslos sind - ohne daß dies politische Veränderung bewirkte.Über das gelenkte Fernsehen ist die Führung Herr der öffentlichen Meinung. Doch nun nutzte Präsidentin Biljana Plavsic die Perspektivlosigkeit zum Angriff auf ihren Vorgänger Radovan Karadzic.Plavsic ist kein Unschuldslamm, die verbohrte Nationalistin hat Kriegsverbrechen verbal gerechtfertigt, aber sie wird nicht vom Tribunal gesucht.Daß die USA sie jetzt unterstützen, um die Spaltung der Serben zu verstärken und so Bewegung in den gelähmten Dayton-Prozeß zu bringen, ist zu begrüßen.Karadzic und seine Clique müssen für alle sichtbar delegitimiert werden - am besten durch den Prozeß in Den Haag.Ob es aber möglich ist, den von Schwerbewaffneten bewachten Mann zu verhaften, ohne große eigene Verluste zu riskieren, kann nur die SFOR-Führung vor Ort beurteilen. Jedenfalls haben die Garantiemächte unter Washingtons Führung den im Mai angekündigten Kurswechsel vollzogen, kombinieren das Zuckerbrot der Aufbauhilfe für alle Kooperationswilligen mit etwas mehr Peitsche.Auch die Festnahme zwei gesuchter Kriegsverbrecher in Prijedor, bei der einer erschossen wurde, diente diesem Ziel.Anschläge auf die SFOR sind nicht die einzige Gefahr bei dieser Zuspitzung.Auch das im letzten Jahr gesunkene Risiko einer Teilung Bosnien-Herzegowinas steigt wieder: Karadzic, der östlich von Sarajevo in Pale sitzt, könnte versuchen, die östliche Hälfte des Serbengebiets mit dem angrenzenden Mutterland Serbien zu vereinigen.Die in Banja Luka, im Nordwesten, residierende Plavsic bliebe mit der westlichen Hälfte als kleine serbische Minderheit zurück und müßte sich mit der moslemisch-kroatischen Föderation über kurz oder lang Kroatien anschließen.Auch hierin zeigt sich: Die SFOR wird noch länger bleiben müssen.Dennoch: Trotz aller Risiken erhöht die neue Dynamik die Chance, daß der Friedensprozeß an Fahrt gewinnt und mit seinen Früchten die heute noch Zögernden für die Mitarbeit gewinnt.

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