Zeitung Heute : Zunächst drücken Eltern die Bank

Die Finanzierung einer freien Grundschule ist das eine – entscheidend für die Zulassung ist das Konzept.

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Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch (SPD) schaut Schülern einer 3. Klasse während des Unterrichts über die Schulter. Nach Angaben des Landesverbandes Deutscher Privatschulen Berlin/Brandenburg e.V. erhält eine Schule in freier Trägerschaft in Berlin-Brandenburg nur ca. sechzig bis siebzig Prozent der Gesamtkosten vom Land als Zuschuss. Foto: Robert Schlesinger/dpa
Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch (SPD) schaut Schülern einer 3. Klasse während des Unterrichts über die Schulter....Foto: ZB

Sie hatten sich so in das Konzept ihrer neuen Grundschule vertieft, dass sie darüber fast die Finanzierung vergessen hätten. Eine Elterninitiative beschloss vor rund zehn Jahren, in Köpenick eine Montessori-Schule zu gründen. „Montessori lag mir sehr am Herzen“, sagt Gabi Dietrich, die damals die Aufgabe der Finanzierung übernommen hatte. Die 50-Jährige hat zwei Söhne, inzwischen 19 und 21 Jahre alt, die 2004 unter 15 anderen Kindern in die neu gegründete Freie Montessori-Schule kamen.

Eine Privatschule zu gründen ist eine Herausforderung. In der Hauptstadt gibt es dennoch mehr als 60 Grundschulen in freier Trägerschaft, mit mehr als 8000 jungen Schülern. Das Interesse an privaten Grundschulen wachse in den vergangenen Jahren beständig, sagt Florian Becker, Pressesprecher des Verbands deutscher Privatschulen. Immer mehr wird davon ausgegangen, dass schon ganz früh der Grundstein für den späteren Erfolg gelegt wird. „Ganz nach dem Motto: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“, sagt Becker. Das haben sich mit aller Wahrscheinlichkeit auch die Väter des Grundgesetzes gedacht, deshalb haben sie dort eine besondere Qualitätssicherung für Grundschulen festgehalten. Laut Grundgesetz brauchen diese im Gegensatz zu weiterführenden allgemeinbildenden Schulen die Anerkennung eines besonderen pädagogischen Konzepts durch die zuständige Schulverwaltung. Davon ausgenommen sind konfessionelle Schulen. Hier wird besonderes Interesse von vornherein unterstellt. Das Konzept der neuen Grundschule muss sich zum einen an den staatlichen Lehrplan halten, zum anderen aber etwas bieten, das von staatlichen Schulen bisher noch nicht angeboten wird.

Bei den Montessori-Schulen droht das Montessori-Konzept allein nicht mehr auszureichen, seit es auch staatliche Montessori-Einrichtungen gibt. In Metropolen wie Berlin spielen meist bilinguale Konzepte eine große Rolle, auf dem Land sind es oft Umweltschwerpunkte. Es können aber auch musische Schwerpunkte sein oder Waldorf-Schulkonzepte, für die ein besonderer Bedarf geltend gemacht werden kann. „Das Konzept muss nicht total ausgefallen sein, es kann auch in einer besonderen individuellen Förderung bestehen“, sagt Florian Becker.

Volker Symalla, Geschäftsführer des Landesverbands deutscher Privatschulen Berlin/Brandenburg, findet es „verrückt“, dass die Schulverwaltung, die selber Schulen hat, die Konkurrenz beurteilt. „Das ist wie wenn ein Bauunternehmer im Bauamt sitzen würde und die Genehmigung für andere Bauträger erteilt.“ Seiner Ansicht nach sollte das Konzept von einer unabhängigen Arbeitsgruppe beurteilt werden, nicht durch die Schulverwaltung selbst. In Berlin wird die Beurteilung des pädagogischen Konzepts laut Symalla „großzügig und tolerant“ gehandhabt. In anderen Bundesländern wie Brandenburg hingegen werde häufig durch eine Nichtanerkennung die Neugründung von Schulen in privater Trägerschaft verhindert.

Nach Angaben der Berliner Schulverwaltung wurde in den vergangenen fünf Jahren keinem Antrag auf eine freie Grundschule die Anerkennung des besonderen Konzepts verweigert. „Es haben aber einige Gründungsinitiativen das Genehmigungsverfahren in unterschiedlichen Stadien der Bearbeitung nicht weiterverfolgt“, sagt Beate Stoffers, Pressesprecherin der Schulverwaltung. Es gibt viele Gründe aufzugeben. Zum Beispiel wenn kein geeignetes Schulgebäude oder nicht genügend Personal gefunden wird, wenn die finanzielle Unterstützung nicht zustande kommt oder Eltern fehlen, die sich auf das Experiment einlassen wollen. Fünf Jahre muss man in Berlin nach der Genehmigung und Gründung der freien Grundschule warten, bis sie endgültig anerkannt wird – bei weiterführenden allgemeinbildenden Schulen sind es drei Jahre. Erst dann gibt es eine staatliche Finanzierung, die 93 Prozent der Personalkosten deckt. Träger einer anerkannten Privatschule, sogenannte „bewährte Träger“, erhalten bei Neugründungen mit gleichem Ansatz schon in den ersten Jahren eine Finanzierung von 75 Prozent der Personalkosten. „Wenn man die Anerkennung haben möchte, muss man sich an die Spielregeln des eigenen Konzepts halten“, sagt Gabi Dietrich. Die Freie Montessori-Schule in Köpenick hat diese Probezeit inzwischen hinter sich. Dietrich hat mit Berlins Schulverwaltung gute Erfahrungen gemacht. „Uns wurde gut auf die Finger geguckt, aber wir haben das nicht als negativ empfunden.“

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