Zeitung Heute : Zur Evolution der Sitzkunst

KATRIN BETTINA MÜLLER

Tomas Schmit - Zeichner, Autor, BiologeKATRIN BETTINA MÜLLERDer Kaffee, den Tomas Schmit nachmittags um drei anbietet, ist sein erster an diesem Tag.Wachgehalten bis in die Nacht hat ihn die Fernsehübertragung eines Sportereignisses.Kunst und Sport? Kein Widerspruch für den Künstler, der einmal ausgerechnet hat: "otto rehagel verdient 2 000 000 und erfreut mit seiner arbeit 20 000 000 = 10 pf pro erfreuter person; ich verdiene 20 000 und erfreue 200 = 100 dm pro erfreuter person.100 mal mehr: das ist ungerecht." Angesprochen auf diese verblüffende Rechnung, führt er die Verunsicherung fort: "Der Mann macht Millionen Spaß.Was sind wir für Fürze, daß wir uns einbilden, mit unseren blöden Krakeleien irgend etwas in die Welt zu setzen.Andererseits kann man fragen, die rennen da um den Ball rum, was soll der Scheiß? Die eigentlichen Dinge passieren hier.Ich weiß oft selbst nicht, was mir näherliegt." Das Eigentliche: Zeichnen, schreiben, Bücher machen."Sitzkunst" nennt Schmit die Ergebnisse seiner Arbeit, denn die Bedingungen der Entstehung an der Tischplatte prägen auch die entspannte Haltung des Anschauens.Nicht preußische Ehrfurcht, sondern rheinisches Schmökern und Schmunzeln.Als Schmit, der vor über dreißig Jahren nach Berlin kam, mal auf einer Landkarte markierte, wohin er die Auflagen seiner Quaggahefte verkaufte - 64 Nummern entstanden zwischen 1988 und 1996 -, zeigte die Karte den Rhein, von Dinslaken bis Basel. Seit Jahren folgt der Künstler unbeirrbar einer Spur: der Evolutionsgeschichte der Sinne.Er fragt in Zeichnungen und Parabeln, wie sich Farben und Farbensehen herausgebildet, wie sich die Formen und die Organe der Wahrnehmung ausdifferenziert haben.Modelle von Zellteilungen deuten den Weg zu immer komplexeren Strukturen und Netzwerken an, den seine Gedanken spinnen.Andere Werkgruppen beschäftigen sich mit der Entwicklung der Sprache, semantischen und phonetischen Ähnlichkeiten und Unterschieden.Er skizziert die Wege vom Geordneten zum Ungeordneten in der Physik und die umgekehrten Entwicklungen in der Biologie.Ein Personal von kleinen Fischen, Vögeln, Kohlrabi, Schnecken und Männchen mit Hut hilft ihm bei der Visualisierung. Denn eigentlich sei er Biologe, stellt Schmit fest und beteuert, schon in der Jugend Käfer gesammelt zu haben.Tatsächlich ist die Kritik, die ihn am meisten ehrte, im "Spektrum der Wissenschaft" erschienen.Doch der Ort, an dem sein "biologisches Denken" sich entwickelt, ist das Feld der Kunst - Schmit forscht ohne Labor, Computer, Assistenten.Seine Lehrer waren Nam June Paik, George Macunias und Arthur Koepcke, die ihn - kaum war er dem Gymnasium entronnen - Anfang der sechziger Jahre in die Fluxuspraxis mitnahmen.Ob sein Konzept, Kunst und Naturwissenschaft zusammenzubringen, nicht auf historische Vorbilder der Romantik zurückgehe? Da winkt Schmit ab.Denn er gründet sein Selbstverständnis kaum auf die Kunstgeschichte. Wie er überhaupt lieber von praktischen Notwendigkeiten als von künstlerischen Konzepten redet.Durch seine Parabeln scheint immer der Wunsch durch, für jede Entwicklung einen logischen Grund zu entdecken: Warum ist die Welt farbig, warum sehen Tiere anders als Menschen? Doch gerade die Kunst lebt aus dem Widerspruch, nicht logisch begründbar und doch notwendig zu sein.Diese Spannung zwischen argumentativer Stringenz und einer Lust am Doppelbödigen prägt Schmits Werke.Dem Betrachter mag es da öfters dämmern, daß das Einfache als Tarnung von kunstphilosophischen Fragen dient.Aber nein, sagt der Autor, ihn interessieren tatsächlich die "elementaren Dinge" am meisten. Daß Schmit vom Berliner Kunstbetrieb nicht gerade begeistert ist, läßt eine Zeichnung ahnen, die auf den Stufen eines Tempels der "ars gratia chlöcher" Berliner Museumsdirektoren versammelt.Tatsächlich sieht Schmit mehr "tote Briefkästen" als lebendige Kunstorte in der Stadt.In Berlin waren seine Zeichnungen zuletzt 1996 bei Springer zu sehen.Kontinuierlich kann man seine Arbeiten in Wiens Laden verfolgen.Seiner Ausstellung im Frankfurter Portikus 1997 folgt dieses Jahr im Mai eine in München. Katalog 3, Tomas Schmit im Portikus, Frankfurt 1997.Ebenso wie die Quaggahefte in Wiens Laden, Gleditschstr.37, 10781 Berlin, erhältlich.

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