Zeitung Heute : Zur Normalität zurückkehren

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Markus Huber

Mein Mädchen mag Weihnachten, oh ja, und zwar wegen der Geschenke, der Geschenke, und ja, natürlich mag sie auch die Geschenke gerne. Schon nächtens, wenn sie aufwacht, sagt sie „Ch´istkind kommt bald“, die freudige Erwartung zieht sich dann bis zum Mittagsschlaf, und wenn sie gegen drei Uhr nachmittags ihre Schlafhöhle verlässt, hat sie bereits dieses Glitzern in den Augen. Bis sechs Uhr abends beschwört sie dann unverdrossen – und ununterbrochen - die Herausgabe weiterer Geschenke durch rythmisches Absingen ihrer Weihnachtshits „O Tannenbaum“, „Stille Nacht“ und „Kommet ihr Hi’ten“, spätestens um sieben tänzelt sie in immer kleineren Runden um den Weihnachtsbaum und hofft, dass irgendjemand den Baum ansteckt, und wenn sie gegen acht ins Bett muss, will sie nicht schlafen, weil sie noch „aufs Ch’istkind wa’ten muss.“

Kann irgendjemand der Gör sagen, dass Weihnachten für dieses Jahr vorbei ist?

Zugegeben, ich bin nicht ganz unschuldig daran, dass mein Mädchen denkt, Weihnachten wäre jeden Tag. Im Jahr des Herrn 2002 feierte meine kleine Kernfamilie an sieben aufeinanderfolgenden Tagen sieben Mal. Am 24. im kleinsten Kreis. Am 25. bei Urgroßeltern Eins. Am 26. bei Großeltern Eins. Dann folgten noch mal Urgroßeltern, noch mal Großmutter, dann war da noch eine Urgroßmutter und das letzte mal brannte der Baum beim Großvater zu einem Zeitpunkt, als anderswo schon die Silvesterknaller durchbrannten. So ist das eben bei Großfamilien mit etwas durchwachsenen Familienverhältnissen – aber wie erklärt man das einer Zweijährigen?

Dass das nicht normal ist, weiß sie, schließlich wurde in der Kita mehrmals angedeutet, dass es die Geschenke nur einmal, nämlich am 24. Dezember, gibt. Warum ist das also bei ihr anders? Mag sie das Christkind lieber als ihre Kita-Freunde und hat für sie speziell die bislang historisch und religiös unbekannte Weihnachts-Woche eingeführt? Hat sie einen leicht schusseligen Himmelsboten, der stets etwas vergisst und deswegen so oft kommen muss? Oder ist ihr Christkind vielleicht noch in der Ausbildung?

Normalität also. Jetzt ist Schluss mit festlich-feierlichem Frohsinn. Die Weihnachts-CD von und mit den Wiener Sängerknaben habe ich bereits versteckt. Der Adventskalender ist ebenso abmontiert wie die Tannenzweige, die ohnehin nicht mehr alle Nadeln in der Tanne haben. Gestern abend habe ich auch – vor ihren Augen und trotz ihres Protests, dass das „Ch’istkind das gar nicht mag“ – den Adventskranz in die Tonne getreten. Und heute Nachmittag wird die Frau an meiner Seite den Baum enthübschen, dann wird die Gör gepackt und muss zusehen, wie ich die Fichte – „das war gar keine Tanne, Mädchen“ – auf den Christbaumfriedhof fahre.

Und wenn sie auch um hässliches Brennholz herumtänzelt und „Stille Nacht“ singt, dann kann ich ihr auch nicht helfen.

Weihnachtsbäume kann man bei den Sammelstellen abgeben - oder einfach des nächtens vor die Tür werfen. So machen es die Schweden – sagt zumindest Ikea.

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