• ZUR PERSON Der alte VW-Bus ist immer noch sein Lieblingsauto. Aber im Red-Bull-Boliden fährt er allen davon. Er ist enorm ehrgeizig und detailversessen. Und trotzdem jedermanns Liebling.: Wer ist Sebastian Vettel?

ZUR PERSON Der alte VW-Bus ist immer noch sein Lieblingsauto. Aber im Red-Bull-Boliden fährt er allen davon. Er ist enorm ehrgeizig und detailversessen. Und trotzdem jedermanns Liebling. : Wer ist Sebastian Vettel?

von und Karin Sturm

GEBURT

Sebastian Vettel wird am 3. Juli 1987 in Heppenheim geboren. Er hat drei Geschwister.

FAHRANFÄNGE

Mit dreieinhalb Jahren sitzt er zum ersten Mal in einem Kart, als Siebenjähriger fährt er sein erstes Rennen. 2001 gewinnt er die deutsche und europäische Kartmeisterschaft.

WELTMEISTER

Am 17. Juni 2007 debütiert er in Indianapolis als Formel-1-Fahrer für BMW-Sauber. Seit 2009 für den österreichischen Rennstall Red Bull Racing startend, holt Vettel 2010 in Abu Dhabi den ersten Weltmeistertitel. Mit 23 Jahren und 134 Tagen wird er bisher jüngster Formel-1- Weltmeister. Er lebt in der Schweiz.

Am Sonntag hat Sebastian Vettel zum zweiten Mal in Folge den Weltmeistertitel in der Formel 1 gewonnen. Mit 24 Jahren und 98 Tagen – so jung hat das vor ihm noch niemand geschafft. Und anders als einst beim umstrittenen Michael Schumacher verneigt sich die Formel 1 vor ihrem neuen Herrscher.

Was zeichnet Vettel aus?

Kurz gesagt: sein Charakter. Vettel vermittelt schon in jungen Jahren den Eindruck einer sehr gefestigten Person. „Er ist ein lieber, lustiger Kerl, der sehr gut mit allem umgehen kann“, sagt Gerhard Noack. Er kennt Vettel seit dessen Kindheit und entdeckte sein Talent wie auch schon das von Schumacher auf der Kartbahn in Kerpen. Vettel sei „sehr bodenständig“, erzählt Noack, „das liegt, glaube ich, in der Familie.“ Mit Vater Norbert, einem Zimmermann und ehemaligen Bergrennfahrer aus dem hessischen Heppenheim, und der restlichen Familie zog Vettel schon als Kind im Wohnmobil von Kartbahn zu Kartbahn. Bis heute pflegt der inzwischen zum Weltstar aufgestiegene Vettel diese familiäre Campingplatzstimmung. Vater Norbert reist häufig im Wohnmobil zu den Großen Preisen, vor kritischen Rennen lädt Vettel auch immer wieder die restliche Familie und Freunde ein. Obwohl er von Sponsoren mit Wagen überschüttet wird und auch ein Exemplar seines diesjährigen Formel-1-Renners geschenkt bekommt, nennt er seinen alten VW-Bus mit Kühlschrankanschluss sein Lieblingsauto. Im Vergleich zur aufgemotzten Formel-1- Welt und seinem Arbeitgeber Red Bull, der ihn seit dem zwölften Lebensjahr sponsert, wirkt das fast schon spießig. Doch Authentizität ist Vettel wichtig. So lehnt er schon einmal PR-Aktionen seines Arbeitgebers ab, wenn er glaubt, dass sie nicht zu ihm passen.

Hinzu kommt eine Mischung aus unerschütterlichem Optimismus und Willensstärke, mit der er sich auch aus schwierigen Situationen zu retten weiß. „Seine Stärke ist, dass er niemals aufgibt“, sagt Noack. Im vergangenen Jahr holte Vettel aus fast aussichtsloser Position doch noch den Titel, weil er im Gegensatz zur restlichen Welt nie den Glauben an sich selbst verlor. Stark ist er auch darin, diese positive Einstellung auf andere zu übertragen. Formel 1 sei nicht nur schnell im Kreis zu fahren, sagt Vettel, es gehe vielmehr darum: „Wie schaffe ich es, dass 500 Menschen jeden Tag ihr Bestes geben, damit ich das schnellste Auto der Formel 1 habe?“

Dabei hat Vettel einen ganz anderen Ansatz als etwa sein Ferrari-Rivale Fernando Alonso, der dies über geschickte Hintergrundpolitik und ständigen Druck erreicht. Vettel schafft dies, indem er Gefühle mit Erfolgsstreben verbindet. Einerseits transportiert er eine lockere Surfermentalität, mit der aus Mitarbeitern Freunde werden. Andererseits ist er mit fast schon streberhaftem Ehrgeiz in die Planung jedes Details involviert und bleibt oft länger als nötig an der Rennstrecke. Mit ähnlichem Optimierungsdrang hat er seine Fähigkeiten hinterm Steuer sukzessive verbessert. Seit dem Titelgewinn 2010 macht er fahrerisch und renntaktisch kaum noch Fehler, hält auch starkem Druck stand. Die größte Auszeichnung ist aber wohl das, was seine Weggefährten über ihn sagen. Fast alle, die ihn schon länger kennen, betonen immer wieder, dass Vettel auch nach dem WM- Gewinn keinerlei Starallüren an den Tag legt.

Hat er auch Schattenseiten?

Bestimmt, bisher sind aber nur wenige bekannt. „Eine richtige Schwäche von Sebastian fällt mir nicht ein“, sagt Gerhard Noack. „Vielleicht hat er sie immer verheimlicht vor mir oder er hat keine, ich weiß es nicht.“ Man könnte Vettel vorwerfen, dass er kaum Ecken hat und wenig Angriffsfläche bietet. Wer angeblich noch nie richtig betrunken war, taugt eben nicht zum Bösewicht. Dass Vettel von sich sagt, ein schlechter Verlierer zu sein, ist kaum mehr als eine Sportler-Binse. Seine Sprecherin Britta Roeske sagt, er könne schon mal sehr ungeduldig sein und „auch mal laut werden“, wenn es nicht nach seiner Nase geht.

Interessanter ist, dass sich Vettel immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert sieht, sein Haus-und-Hof-Rennstall Red Bull würde ihn gegenüber seinem Teamkollegen bevorteilen. Beweise dafür gibt es nicht, nur Gerüchte, und die meisten davon entstammen eben dem Umfeld seines Stallrivalen Mark Webber. Unstrittig ist aber, dass Red-Bull-Motorsportdirektor Helmut Marko bekennender Vettel-Fan ist und das auch klar so sagt. Weitestgehend im Schatten bleibt in jedem Fall Vettels Privatleben. In dieser Hinsicht kennt er kein Pardon: Wer Familienmitgliedern auflauert, sich für sein Liebesleben interessiert (der letzte Stand ist, dass er weiterhin mit seiner Jugendfreundin Hanna zusammen ist) oder sich seinem Bauernhaus auf der Schweizer Seite des Bodensees zu sehr nähert, bekommt Ärger. Die bisher größte Kontroverse in Vettels Karriere spielte sich auch auf seinem Hof ab. Dort wollte er einen Swimmingpool und einen Tennisplatz bauen, obwohl das Gebiet als „Landschafts-Schutzzone“ deklariert ist. Es gab Streit mit der Naturschutzorganisation WWF, aber auch den löste er mit Charme: Er unterstützt ein Projekt zum Schutz von Kleintieren und schwimmt statt im Pool in einem Teich.

Wie viel ist Technik, wie viel ist Mensch bei Vettels Erfolgen?

Die Weisheit hat sich seit Schumachers Zeiten nicht verändert: In der Formel 1 macht das Auto den Weltmeister. Auch der beste Fahrer fährt nur hinterher, wenn sein Wagen nichts taugt. Einen großen Anteil an Vettels Triumphen hat also der geniale Chefdesigner Adrian Newey, der dem Deutschen zwei Jahre in Folge das schnellste Auto der Grand-Prix-Welt bauen ließ. So überlegen war der Red Bull bisweilen, dass Vettels Eignung als Weltmeister schon infrage gestellt wurde. Diese Zweifel widerlegte der Deutsche allerspätestens beim Rennen in Italien, als er den zweimaligen Weltmeister Fernando Alonso mit zwei Rädern im Gras überrumpelte. Und dass andererseits aber auch der schnellste Renner nichts nutzt, wenn der Fahrer ihn nicht zu steuern weiß, zeigt Vettels Teamkollege Webber. Anders ausgedrückt: Vettel versteht es meisterhaft, seinen schnellen Wagen auch als Erster ins Ziel zu bringen.

Welche Parallelen und Unterschiede gibt es zu Michael Schumacher?

Die Londoner „Times“ schrieb einmal: „Vettel ist wie Schumacher, nur netter.“ Das ist ein wenig verknappt, im Kern aber zutreffend. Nicht nur in Sachen Ehrgeiz, Mitarbeitermotivation und Fahrtalent gibt es Parallelen. Schon früh kreuzten sich die Wege der beiden, 1995 auf der Kartbahn in Kerpen war das, ein Foto von dieser Begegnung hing lange in Vettels Kinderzimmer. Als Idol sieht Vettel seinen Vorgänger nicht mehr, man sei jetzt vielmehr befreundet.

Gleich ist die Konsequenz, mit der sie ihre Karriere verfolgen. Wie einst Schumacher bahnt sich auch Vettel unbeirrt seinen Weg durch die Formel 1, doch er tut es nicht mit dem Ellbogen, sondern mit Intelligenz und dem Charme, der Schumacher immer abging. Beispielhaft ist, wie Vettel darauf hinarbeitet, bald wie Schumacher für das legendäre Ferrari-Team fahren zu können. Statt alle mit einem Nacht-und- Nebel-Wechsel zu überrumpeln, umgarnt er jetzt schon die Italiener. So verkündete er nach seinem Sieg in Monza mit Tränen in den Augen: „Das Einzige, was diesen Augenblick noch schöner machen könnte, wäre, wenn man einen roten Overall tragen würde.“ Außerdem spricht Vettel seit seinem Jahr im Toro-Rosso-Team passabel Italienisch. Schumacher lernte erst nach fünf Jahren auf Druck von Ferrari- Chef di Montezemolo ein paar Brocken.

So ist Vettel bereits gelungen, was Schumacher selbst als Ferrari-Fahrer nie geschafft hat: Die Italiener haben ihn in ihr Herz geschlossen. Der „Corriere dello Sport“ befand: „Vettel ist jetzt einer von uns“, und „Tuttosport“ erklärte Vettel zum „König Italiens, der sich wahrscheinlich mehr in Monza als in Deutschland zu Hause fühlt“.

Noch ein wichtiger Unterschied ist, dass Vettel seine Selbstironie nicht nur im Erfolgsfall pflegt, sondern auch zu seinen Fehlern steht. Im Zweifel entschuldigt er sich. Den Kontrahenten Jenson Button bat er nach dem Unfall in Belgien 2010 über Monate hinweg so oft um Verzeihung, dass ihn der Brite peinlich berührt bat, doch bitte endlich damit aufzuhören. So hat es Vettel im krassen Gegensatz zu Schumacher bisher geschafft, sich keine Feinde zu machen. Selten hat ein Pilot von Gegnern, Fans und Experten gleichermaßen derart viel Anerkennung erhalten. Und: Während Schumacher bis heute krampfhaft versucht, die letzten Reste seines rheinischen Dialekts aus seinem Wortschatz zu verbannen, zeigt Vettel seine Herkunft offensiv. Auf Pressekonferenzen spricht er schon einmal Hessisch.

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