Zeitung Heute : Zur Westfalenhalle paßt der Finne wie Westbam in die Bar jeder Vernunft

HEIKO HOFFMANN

Jimi Tenor, Elektronik-Musiker Ein Star, so der Duden, ist eine berühmte Persönlichkeit.Jimi Tenor ist nicht berühmt.Nicht wirklich jedenfalls.Er füllt keine großen Hallen, sondern kleine Clubs, er verkauft nicht Millionen von Platten, sondern wenige Tausende und wenn er die Straßen entlangläuft, drehen sich die Leute vielleicht um - erkennen tun sie ihn nicht.Ein Star ist Jimi Tenor trotzdem.Man braucht sich den Finnen, der sein Alter gerne geheim hält, nur einmal anzuschauen.Mit seinem blassen, schmalen Gesicht, dem fahlblonden Haar und schwarzen Rollkragenpullover könnte er ein prima Warhol-Double abgeben, seine Brillengestelle sehen hingegen so aus, als stammten sie aus dem Fundus von Elton John.Jimi Tenor gehört weniger in die triste Welt von Aki Kaurismäki, sondern vielmehr in die von John Waters - bunt, bizarr und auch schon mal geschmacklos, nie aber albern. "Ich bewege mich von meiner Plastikjaêken-Periode weg.Für mich hat die Las Vegas-Phase angefangen", hat Tenor einmal gesagt.Gerne würde der Musiker einmal in die Haut des legendären Entertainers Liberace schlüpfen, noch lieber aber in die von Sun Ra, jenem afro-amerikanischen Komponisten mit Sinn für außergewöhnliche Arrangements, Kostüme und Weltallphantasien."Ich habe Sun Ra mal live in New York gesehen", berichtet Tenor mit glänzenden Augen, "er war zwar bereits an den Rollstuhl gebunden, doch seine Show - komplett mit Big Band und Raumschiff-Dekoration - war phantastisch.So eine Karriere würde ich mir auch wünschen.Er war nie in Gefahr, zum Mainstream überzutreten und hatte dabei ein geniales Marketing-Konzept: er gestaltete seine Cover extra konventionell, weil dann die Musik desto abgefahrener sein konnte." Als Kind kam Jimi Tenor in den Genuß einer strengen klassischen Musikausbildung.Die Zeit auf der Musikakademie war ihm ein Greuel, sagt er, aber immerhin beherrsche er heute Instrumente wie Saxophon, Flöte und Klavier.In den späten Achtzigern, als Tenor erste Platten mit seiner Band, den Shamans, aufnahm, half das allerdings nicht sehr.Er legte die Instrumente beiseite und machte atonale Industrial-Musik.Das letzte Album spielte man 1992 sogar in den Berliner Hansa-Studios ein.Seinen Lebensunterhalt mußte sich Jimi Tenor in dieser Zeit mit allen möglichen Gelegenheitsjobs verdienen.Irgendwann zog er nach New York, lebte dort eine Weile in Brooklyn mit dem heute ebenfalls anerkannten Elektronik-Musiker finnisch-türkischer Abstammung, Khan, zusammen.Tagsüber jobbte er als Touristenfotograf auf dem Empire State Building, nachts schrieb er neue Songs.Auf dem finnischen Kleinstlabel Sähkö (deutsch: elektrischer Strom) veröffentlichte er in den letzten Jahren schließlich die beiden Soloalben "Sähkömies" und "Europa", auf denen viele Tracks zunächst nicht mehr als den Charme minimaler Heimorgelmusik besaßen.Der Durchbruch gelang Tenor erst, als sein vier Jahre alter Song "Take Me Baby" letztes Jahr bei der Abschlußkundgebung der Love Parade gespielt wurde und in der Folgezeit zum Partyhit avancierte. Mittlerweile hat Tenor einen Fünf-Album-Vertrag beim renommierten Sheffielder Techno-Label Warp Recors unterschrieben und ist auch nach England gezogen.Mit dem Stil der ebenfalls dort veröffentlichenden Musiker wie Autechre, Sequarepusher oder Aphex Twin haben seine Songs jedoch nichts zu tun.Gerade ist Tenors neues Album "Intervision" erschienen und die Fachpresse überschüttet den Finnen nur so mit Lob.In der Tat ist die LP außergewöhnlich.Es ist wohl die erste finnische Funk-Platte überhaupt, harmonische Bläserarrangements begleiten trockene Beats aus dem Drumcomputer, und zwischen den Noten klingt durch, daß Tenors Brüder im Geiste weniger Kraftwerk und Detroit-Techno, sondern vielmehr Barry White und Money Mark sind.Und "Wiping Out" ist das beste Prince-Stück, das Prince in den letzten fünf Jahren nicht komponiert hat.Aus unerklärlichen Gründen stellt Tenor diese eigenwillige Mixtur auch auf der diesjährigen Mayday in der Dortmunder Westfalenhalle vor.Da paßt er ungefähr genauso gut hin wie Westbam in die Bar jeder Vernunft.Aber Tenor weiß, was er tut: "Wer weiß, vielleicht kann ich ja einige Kids an der Nase herumführen und sie dazu bringen, meine Platte zu kaufen.Popstar zu sein, wäre auf jeden Fall mal eine interessante Erfahrung."HEIKO HOFFMANNKonzert - mit kleiner Band - heute, 20 Uhr 30, im Loft.

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