ZUR PERSON : „Firmengründer brauchen die Nähe zur Uni“

Ingenieure, Künstler und Kreative: Der Campus um den Ernst-Reuter-Platz soll Treffpunkt für Ideen werden

Herr Schmitz, als Manager des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandortes Adlershof wenden Sie sich jetzt einem neuen Projekt zu. Sie wollen den urbanen Raum Charlottenburg vitalisieren. Was heißt das?

Wir wollen einen großen Schatz heben. Denn wir haben es mitten in der Stadt mit einem außerordentlichen innovativen Kraftfeld zu tun. Auf dem Charlottenburger Campus ist die Wissenschaftsdichte dank der TU Berlin, der Universität der Künste (UdK), der Fraunhofer-Institute, der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt und ihren jeweiligen Ausgründungen fast sechsmal so hoch wie in Adlershof. Nur scheint man mit diesem Stadtteil weniger die Wissenschaft und die Kreativwirtschaft zu verbinden, als den angrenzenden Ku’Damm. Auch Leerstand und Brachen sind nicht zu übersehen. Dieser Widerspruch ist eine Herausforderung für den Bezirk, die Stadtentwicklung und die Immobilienwirtschaft – und gleichzeitig eine einmalige Chance für die Wissenschaftseinrichtungen und das Gründerklima in der Stadt.

Wie beschreiben Sie aus heutiger Sicht den Standort?

Am Spreebogen im Norden gibt es ein Areal, das unseren Vorstellungen von einem lebendigen Wirtschafts- und Wissenschaftscampus sehr nahe kommt. Hier finden wir viele wichtige Firmen aus der IT- und Entwicklungsbranche, ein starkes Fraunhofer-Institut sowie Teile der TU Berlin. Südlich davon stoßen wir zwischen Helmholtz- und Franklinstraße auf ein Gelände mit Autohäusern und kleinen Firmen, die inhaltlich nicht mit dem Forschungskomplex verknüpft sind. Leider fehlen hier öffentliche Wege. Das Gelände wirkt deshalb wie ein Pfropfen auf dem TU-Hauptcampus, der sich südlich mit einem weiteren Fraunhofer-Institut anschließt. In Richtung Zoo stoßen wir dann auf den Campus der Universität der Künste. Entlang der Gutenbergstraße gibt es viele Brachflächen und am Ernst-Reuter-Platz Geschäftshäuser mit einem hohen Leerstand. Wir haben es also mit einem gewachsenen Standort ohne besonderes Profil zu tun.

Was sind Ihre Hauptziele?

Wir wollen zunächst das wirkliche Profil des Standorts herausarbeiten. Wir identifizieren Entscheidungsträger und ihre Pläne. Wir sprechen mit den Bauverantwortlichen und Professoren der Universitäten, den Immobilienbesitzern, wichtigen Unternehmern und Entscheidern bei Verbänden, der IHK und Berlin Partner. Hieraus wollen wir realistische Projekte entwickeln, die eine nachhaltige Wirkung zur wirtschaftlichen Belebung bringen. Über eine Markenbildung möchten wir auch die Immobilienwirtschaft zu gemeinsamen Aktionen bewegen. Außerdem sprechen wir potenzielle Forschungspartner an, um weitere Ansiedlungen zu erreichen. Vielleicht gelingt es uns, die Qualität des Standorts im Straßenbild sichtbar zu machen. Wir werden sicher auch städtebauliche Impulse geben können.

Wie wollen Sie das angehen?

Zunächst, indem wir Schwachstellen aufzeigen. Die Hochhäuser am Ernst-Reuter-Platz wurden für Großkonzerne gebaut. Wir aber benötigen kleine flexible Lösungen für junge Start-ups oder Kooperationsbüros großer Firmen.

Inwieweit spielt dabei der neue Masterplan City West eine Rolle?

Wir erweitern die Konzepte des Masterplans, der die Ideen zur Campusgestaltung beider Universitäten bereits aufgegriffen hat. Getrieben durch die hohen Mieten will die TU Berlin viele ihrer Fachgebiete auf dem eigenen Campus unterbringen und somit Ausgaben sparen. Die UdK spielt ebenso mit dem Gedanken, sich zwischen Jebens- und Fasanenstraße zu konzentrieren. Die Herausforderung für beide wird sein, sich nicht abzuschotten, sondern trotz der Verdichtung stadtplanerisch die Anknüpfungspunkte nach außen zu gestalten. Es ist kontraproduktiv, die Wissenschaft hinter den Mauern der akademischen Welt zusammenzuziehen. Ein offener Campus sollte das Ziel sein. Kreativer Austausch, kurze Wege und ein Quartier mit einer hohen europäischen urbanen Qualität wären dann die Markenzeichen und gleichzeitig die Vorzüge für die Bürger, die dort wohnen.

Können Sie Beispiele für Projektideen nennen?

Der Campus Charlottenburg hat im Vergleich zu anderen deutschen Standorten eine sehr hohe Dichte im IT-, Kommunikations- und Engineering-Bereich. Die Forscher hier sind bei vielen Themen ganz vorn dabei. Diese Projekte sind oft verknüpft mit klassischen Ingenieurdisziplinen wie Maschinen- und Autobau oder Elektrotechnik. Das ist das Feld der TU Berlin und der drei Charlottenburger Fraunhofer-Institute. Dafür steht auch die Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr, eine TU-Ausgründung und heute eines der führenden Entwicklungsunternehmen im Automobilbau mit weltweit mehr als 3000 Mitarbeitern. Oder die „T-Labs“, die Forschungslabore der Telekom am Ernst-Reuter-Platz, die eng verbunden sind mit der TU Berlin. Sie sind ein Hotspot für Ingenieur-Kreative. Das auszubauen und sichtbar zu machen, wird ein Kernpunkt des Projektes sein.

Woran denken Sie bei der UdK?

Im Herbst 2010 wird Charlottenburg für sieben oder acht Jahre der Standort mit der höchsten Operndichte Deutschlands sein. Erst zieht die Staatsoper und dann die Komische Oper in das Schiller-Theater ein. Das wird den Ernst-Reuter-Platz beleben und ist eine großartige Kooperationschance für die UdK.

Wo sehen Sie Kontaktpunkte zwischen den beiden Universitäten?

Wir sind erst am Anfang des systematischen Zusammenspiels von UdK und TU. Gemeinsame Gründerunterstützung, interdisziplinäre Ausbildungsgänge, Forschungsprojekte, Praktika und Transferprojekte werden derzeit von uns untersucht. Der Reiz liegt auf der Hand: Wo sonst können sich die Fähigkeiten der größten Kunsthochschule Kontinentaleuropas und einer der führenden Technischen Universitäten der Republik zu einer Innovationsallianz von Ingenieurs-, Kommunikations- und Gestaltungskreativität zusammenfügen?

Gründungen spielen in Ihrem Konzept eine wichtige Rolle. Was planen Sie in diesem Bereich?

Die TU und auch die UdK bringen viele kreative Gründer hervor. Allein 800 kennt die TU aus ihren Reihen. Für diese ist gerade anfangs die Nähe zur Uni wichtig, da sie Labore oder Geräte nutzen. Deshalb benötigen sie kleine und flexible Flächen zu moderaten Preisen in Campusnähe. Die gibt es heute kaum. Hier muss eine Lösung gefunden werden. Außerdem haben wir beobachtet, dass die Unterstützung für Gründer verstreut über die Stadt angeboten wird. Gelingt uns weiterhin eine erfolgreiche Gründungspolitik an den beiden Universitäten, dann könnte der Campus Charlottenburg der Ort sein, wo möglicherweise die meisten Gründer aus Wissenschaft und Kultur ihren Ursprung haben. Was liegt da näher, als diesen Standort mitten in der Stadt zu einem echten Berliner Leuchtturm für Gründungen zu machen, an dem alle Unterstützungen beispielhaft zusammengeführt werden? „One stop shopping“ sozusagen.

Wer sind Ihre Partner im Projekt?

Natürlich sind es die beiden Universitäten, ebenso Vertreter des Bezirks und der Immobilienwirtschaft. Die Finanzierung ermöglichen uns der Charlottenburger Bezirksstadtrat für Wirtschaft Marc Schulte und die Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer. So haben wir Wissenschaft, Wirtschaft und die Politik an einem Tisch.

Das Gespräch führten Kristina R. Zerges und Stefanie Terp.

DER MANAGER

Hardy Rudolf Schmitz (58) studierte Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurwesen. Nach Stationen bei der BMW AG und Boston Consulting Group in München und London wurde er Unternehmer in der IT-Branche in der CompuNet Gruppe. 2002 wurde er zum Geschäftsführer der WISTA Management GmbH berufen, die für den Wissenschaftspark Berlin-Adlershof verantwortlich ist.

DAS PROJEKT

Schmitz befasst sich nun auch mit dem Campus Charlottenburg. Das Gebiet wurde kürzlich im EU-Projekt „Innovation Circus“ untersucht. Im Fokus standen innovative Milieus europäischer Städte.

Im aktuellen Projekt „Nachhaltige Vitalisierung des kreativen Quartiers um den Campus Berlin-Charlottenburg“ kooperieren die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, der Wirtschaftsstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, die Adlershof Projekt GmbH, die TU Berlin und die UdK Berlin.

Die TU Berlin will bis 2012 ihre Gebäude und Fachgebiete auf dem Charlottenburger Campus konzentrieren. Grundlage hierfür ist der Masterplan TU Berlin/UdK Berlin, der zu einem Campus der kurzen Wege führen soll. Die TU eröffnet damit Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft die Chance, sich in Campusnähe anzusiedeln.tz/stt

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