Zeitung Heute : Zurück in die neue Mitte

Matthias Thibaut[London]

Der frühere US-Präsident Bill Clinton wirbt für den britischen Premierminister Tony Blair. Inwiefern könnte der Amerikaner Blair nutzen?

„Danke, Amen, jetzt schnappt sie euch!“, mit diesen Worten beendete Bill Clinton seine Ansprache bei einer Labour-Wahlkampfkundgebung mit mehr als 1000 geladenen Labouranhängern im Londoner Old Vic Theater. Auch wenn er nur als Kopf auf einer großen Video-Leinwand erschien und sich als „politischer Rentner“ bezeichnete, dem Charmeur mit seinen blauen Augen flogen die Herzen der Labourgetreuen nur so zu. Nur Nelson Mandela oder der Papst hätten die Stimmung der Gefolgsleute auf eine ähnliche Weise heben können.

Anlass der Versammlung war der Weltarmutstag. Es gab eine leidenschaftliche Rede über die Armut in Afrika von Tony Blair. Und es gab eine noch leidenschaftlichere Rede von seinem Schatzkanzler Gordon Brown. Aber kein Name schmückt, wenn es um progressive internationale Politik geht, wie der von Bill Clinton, dem Urvater der „neuen Mitte“. Und wer wäre besser geeignet als der ehemalige US-Präsident, die Distanz aufzuzeigen, die doch zwischen Blair und seinem Kriegsfreund George W. Bush liegt. Das ist genau das, was Blair jetzt so sehr braucht, um das Verhältnis zu den USA nicht zu belasten, die „special relationship“ zwischen Großbritannien und den USA, und zugleich der wachsenden Kritik am Irakkrieg entgegenzukommen.

Clinton half 2002 beim Labourparteitag in Blackpool schon einmal aus, als Blair vor dem Krieg in Bedrängnis war. Er hielt eine feurige Rede zur Unterstützung des Premierministers – und wurde mit einer Einladung zu Fish & Chips belohnt. Auch diesmal ließ sich Clinton Blairs Sorgen über die Apathie enttäuschter Labouranhänger ins Manuskript diktieren. „Wir“, sagte er und meinte die Progressiven, „wissen, wie man Schuldenerlasse macht, wie man faire Handelsgesetze macht, wie man Hilfe für Gesundheit, Erziehung und Entwicklung gibt. Wenn ihr das zu schätzen wisst, müsst ihr von eurem Wahlrecht Gebrauch machen.“

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