Zeitung Heute : Zurück in die Zukunft?

Deutschland muss sich ändern. Und manche sprechen gar von einem kompletten Neuanfang. Den gab es schon mal. Unsere Autorin erinnert sich an die erste wichtige Reform der Nachkriegszeit: Die Währungsreform 1948. / Von Ursula Friedrich

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„Zum Schlussball war ich dann doch komplett entlaust. Wir Mädchen brachten alle einen Kuchen mit zu dem Fest, die Knaben jeder ein Fläschchen Wein. Mein Geliebter stiftete drei Flaschen roten Sekt. Auf dem Schwarzmarkt kostete so eine Flasche 400 Reichsmark.“

Deutschland gehe in das „schwierigste Halbjahr seiner Geschichte seit 1948“, sagte Hessens Ministerpräsident Roland Koch vor zwei Wochen. In den Feuilletons war darauf – lobend und hämend – von der „Agenda 1948“ die Rede. 1948: Das heißt Neuanfang, Währungsreform, Flüchtlingsströme, Ludwig Erhard. Hat ein solcher Vergleich Sinn? Ist es heute so wie damals? Unsere Autorin war 1948 17 Jahre alt, und sie erzählt, wie es war.

Silvester langweilig. Furchtbarer Punsch. Mutti um halb zwölf ins Bett. Vati und ich stoßen um zwölf an. Tanzmusik im Radio. Von der Terrasse schauen wir in den Himmel. Kein Stern. Es ist kalt. Drinnen ist der Ofen ausgegangen. Frohes Neues Jahr.“

Das ist der erste Eintrag in meinem kleinen Taschenkalender für 1948. In drei Monaten werde ich 17.

Seit mein Bruder gleich nach Kriegsende von einer liegengebliebenen Granate vor unserem Haus zerrissen wurde, wird bei uns nicht mehr fröhlich gefeiert. Bei meiner Freundin Irene ist es genauso. Der älteste Bruder ist in Russland gefallen, der zweite noch immer vermisst. Bei denen gibt es nicht mal einen Punsch. In vielen Familien ist diese Trauer. Ich hasse sie. Ich will nicht mehr trauern. Ich will leben. Der Krieg ist vorbei. Es fallen keine Bomben mehr. Irgendwann wird alles, muss alles besser werden.

Zu essen haben wir alle nicht viel. Für zwei Salzheringe als Sonderzuteilung stehen wir fünf Stunden an. Ich drei Stunden, dann löst mich meine Mutter ab. Zwei Salzheringe, Zwiebeln und viel Kartoffeln ergeben einen Heringssalat. Das Öl dazu haben meine Mutter und ich in den Buchenwäldern vor der Stadt gesammelt. Zehn Kilo Bucheckern sind 1 Liter Bucheckernöl. Es schimmert schön grünlich und schmeckt gut, aber man darf es nur tropfenweise verwenden. Sonst kriegt man Bauchweh wegen der Blausäure.

Also, die Fresslage ist scheiße. Aber manches ist doch schon besser geworden. Die Sperrstunde um zehn Uhr abends ist aufgehoben. Im Kino gibt es wieder Filme, lauter amerikanische mit deutschen Untertiteln. Die Oper spielt wieder. Ich gehe oft ins Theater. An jeder Ecke macht ein kleines mit ein paar halbverhungerten Schauspielern auf, auf den großen Bühnen spielen sie auf leeren Brettern den „Lebenden Leichnam“ von Tolstoi, AntiKriegsstücke von Romain Rolland, „Unsere kleine Stadt“ von Thornton Wilder. Die Eltern einer Freundin haben eine Bäckerei und müssen am Monatsende alle abgelieferten Brotmarken auf große Bögen kleben. Dabei helfe ich und stibitze Marken, die ich in Schauspielergarderoben abliefere. Im Winter muss jeder Besucher Holz oder Briketts mitbringen.

Ach, aber meine Theaterbegeisterung war groß. Und dann gab es noch einen Lichtblick, die Tanzstunde. Sie findet im kalten Festsaal einer halb zerbombten Gaststätte statt. Unser Tanzlehrer ist streng. Er war im Krieg Hauptmann der berittenen Artillerie gewesen. In Wintermänteln tanzen wir Walzer, Foxtrott und Swing nach amerikanischen Platten auf einem leicht quietschenden Koffergrammophon. Winter 47/48.

Erste Liebe, alles überstrahlend. Daran erinnere ich mich gern. Mein Angebeteter war der Sohn einer ausgebombten Sektkellerei, aber sie fingen schon wieder an zu produzieren. Der Wein wuchs ja wieder. Er hieß Gerd, küsste mich nie, aber er fragte mich, ob ich mit ihm den Schlussball machen wolle. Ein weiteres Mitglied unseres Kurses war ein Sohn des Generals Manteuffel. Ich fand ihn sehr arrogant, aber seine Hosen waren genau so schlabberig wie die der anderen.

Eintrag 14. Februar 1948: „Katastrophe. Ich habe Kopfläuse. Heute ist mir in der Schule eine Laus aufs Heft gefallen. Ich möchte sterben.“

Mein Gott, ja: Am nächsten Sonntag hatten wir Schlussball. Ich weiß, heute bringen Kinder auch manchmal Läuse aus dem Kindergarten heim – aber es gibt Mittel dagegen in der Apotheke. Damals gab es nur Petroleum. Stinkendes schwärzliches Petroleum. Meine Mutter rieb mir damit den Kopf ein. Jetzt wollte ich erst recht sterben. Läuse sind schlimm, aber Petroleum auf der Kopfhaut mit achtstündiger Einwirkung ist noch viel schlimmer.

Zum Schlussball war ich dann doch komplett entlaust. Wir Mädchen brachten alle einen Kuchen mit zu dem Fest, die Knaben jeder ein Fläschchen Wein oder dergleichen. Mein Geliebter stiftete drei Flaschen roten Sekt. Auf dem Schwarzmarkt kostete so eine Flasche 400 Reichsmark. Ich bettete mein Haupt an seine Brust und hoffte, dass keine einzige Laus von mir zu ihm flüchtete.

Ich sah ihn dann nicht mehr oft. Er ging als Austauschstudent in die USA, so was gab es schon für Privilegierte. Irgendwas muss ja auch wohl in dieser Zeit in der Politik los gewesen sein. Aber das interessierte mich kaum. Wir wohnten in Stuttgart. Zuerst waren wir von den Franzosen besetzt, dann von den Amerikanern. Die Amerikaner beschlagnahmten viele Häuser in unserer Gegend und auch Wohnmobiliar, zum Beispiel das Birnbaumschlafzimmer meiner Eltern. Ich habe heute noch einen Schrank, auf dessen Rückseite der Stempel ist: „Property of US-Military Government“. Wir hatten gelernt, alles nicht so ernst zu nehmen. Es kommt, wie es kommt. Schlafen wir halt auf dem Boden. Von diesem Gefühl ist mir ein kleines bisschen was geblieben. Ich bin froh darum.

In Prag fand ein kommunistischer Umsturz statt. Die Tschechen hatten meine ganze Verwandtschaft mütterlicherseits hinausgeworfen. Es war mir ziemlich egal, was da jetzt los war. Die Russen verließen den alliierten Kontrollrat in Berlin. Mein Vater machte ein bedenkliches Gesicht. Aber wir waren doch nicht in Berlin. Sondern hier, wo Theodor Heuss, der magerste Schwabe, eine Rede im Haus der Staatsoper hielt. Parteien wurden gegründet.

Über Politik sprachen wir in der Schule nicht. Auch nicht über die zurückliegende Nazizeit.

Schulbücher gab es nicht, unsere Hefte machten wir uns selber aus alten einseitig bedruckten Formularen. Unsere früheren Lehrer waren fast alle Parteimitglieder gewesen, sie durften uns nicht mehr unterrichten. Der Ersatz bestand hauptsächlich aus alten Jahrgängen oder im Krieg Verwundeten, die eigentlich keine Lehrer waren. Wir hatten einen einbeinigen Mathelehrer, der im Sommer immer Kreislaufzusammenbrüche bekam. Einen Lateinprofessor mit einer schwarzen Augenklappe. Eine Französin als Französischlehrerin, die im Krieg einen deutschen Offizier geheiratet hatte und aus Frankreich nach Deutschland floh, als man ihr die Haare abschnitt in ihrem Dorf. Sie konnte Französisch, aber kaum ein Wort Deutsch, was auch etwas schwierig war. Unsere frühere Handarbeitslehrkraft, fast 70, war unsere Direktorin.

Eintrag 30. März 1948: „17. Geburtstag. Von Mutti ein paar echte Nylonstrümpfe bekommen!!“

Echte Nylons. Ich weiß heute noch, wie sie rochen. Einfach unbeschreiblich. Mit schwarzen Nähten. Eine Tante hatte sie besorgt. Von ihr wurde so im Familienkreis eigentlich nicht gesprochen. Sie war nämlich mit einem Ami befreundet, noch dazu mit einem Schwarzen, sie, die Kriegerwitwe – allgemeines Schütteln des Kopfes. Sie existierte jedenfalls nicht für uns. Außer man brauchte was.

Cadbury Schokolade oder Zigaretten, ein bisschen Kaffee. Sie besorgte alles, wohl weil ihr daran lag, dass sie mal angesprochen wurde. Sie hieß Thekla. Ich mochte sie gern, sie war einfach zu hübsch für eine Kriegerwitwe. Die Moral der damaligen Zeit hatte mindestens zwei Seiten, wenn nicht noch mehr. Auch das habe ich fürs Leben gelernt: schlechte Zeiten machen die Menschen nicht besser.

Darüber, dass es bald neues Geld geben würde, munkelten im Frühjahr 1948 viele. Die alten Leute hatten das ja damals nach der Inflation schon einmal erlebt. Sie fürchteten Schlimmes. Ihre Ersparnisse würden weg sein. Andere versprachen sich davon bessere Zeiten. Der Schwarzmarkt würde verschwinden, die Wirtschaft wieder in Gang kommen.

Ich machte mit meiner Freundin stundenlange Spaziergänge in den Weinbergen. Es war ein heißer Sommer. Ich hatte Liebeskummer, weil mein Schwarm aus den USA nichts von sich hören ließ. Sie hatte sich in einen Botanikstudenten verguckt und trug sich in ihrer Verzweiflung als Gasthörerin an der Universität Hohenheim ein. Bereits sieben Vorlesungen über Morphologie der Leguminosen hatte sie besucht, sie saß sogar neben ihm, er war immer sehr nett, aber sonst nix. Nix! Wir redeten auf diesen Spaziergängen nicht von Geld.

Eintrag am 20. Juni 1948: „Im Radio wird gesagt, dass es heute neues Geld gibt. Vorläufig können wir 40 Mark pro Kopf umtauschen. Wir gehen zu dritt mit unseren Ausweisen zur Geldausgabe in unserer Bank. Weitere 20 Mark sollen wir in 14 Tagen bekommen. Dann können wir unser ganzes Geld, das momentan auf den Banken gesperrt ist, umtauschen. Zu welchem Verhältnis, wissen wir noch nicht. Man redet von 1:10. Wir wissen alle überhaupt nichts, auch mein Vater sagt nicht viel. Meine Mutter fragt, wie man von 40 Mark leben soll.

Die Aktion ist in den USA unter der Codebezeichnung „Operation Bird Dog“ schon länger vorbereitet worden. Streng geheim. Jetzt ist es also da, das neue Geld. Brandneu. Glatt und grün. „20 Deutsche Mark“ steht drauf. Es war die Geburt der D-Mark, an der wir später so hingen. Es gab 20 DM-Scheine, 10 DM, 5 DM, 2 DM, 1 Deutsche Mark, alles in Scheinen, ferner 50 Pfennig, 10 und 5 Pfennig ebenfalls in Papier.

Der 20. Juni war ein verregneter Sonntag. Das Geld war nur zum Anschauen da. Gedruckt in den USA. Am Montag, dem 21. Juni, erlebten wir ein Wunder. Unser knauseriger Bäcker hatte Wecken, Brezeln, Weißbrot in der Auslage. Unser Metzger, der einmal in der Woche absolut fettfreie Metzelsuppe gnädig ohne Marken verkauft hatte, schmückte seine Theke mit Aufschnitt, und Leberwurst, Salami hing von der Decke. Beim Schuhmacher gab es Schuhe mit Ledersohlen, im Modehaus Fink Damenpullover. Blöd nur, dass diesmal auf der Kundenseite Mangel herrschte.

Auch als die Umstellung vollzogen war, konnte man keine Sprünge machen. Ein Ei kostete 35 Pfennig auf dem Markt, ein Pfund Schweinefleisch 4 Mark, ein Pfund Kirschen 8 Mark. In der Zeitung stand, dass etwa die Hälfte der Arbeitnehmer in der so genannten Bi-Zone (Amerikanisch/Britische Zone) etwa 300 Mark Brutto verdiente. Außerdem gab es über zwei Millionen Arbeitslose. Ich weiß nicht, was mein Vater verdiente, darüber sprach man in Bürgerkreisen nicht. Ich sah nur, dass meine Mutter dauernd deprimiert war. Es gab öfter Krach ums Geld. Mein Vater behauptete, sie habe früher besser wirtschaften können. Sie schrie, dass sie sich scheiden lasse.

Es gab viel Unruhe. Demos auf den Straßen. „Wir fordern die Todesstrafe für Preiswucher!“ „Nieder mit dem Preiswucher!“ stand auf den Transparenten. Ich nahm Abschied von einem Paar roter Wildledersandalen in einem Schaufenster. Preis: 150 Mark. Die brauchte ich mir gar nicht erst zu wünschen.

Einmal stand sogar ein politischer Eintrag in meinem Tagebuch: „Die Russen sperren die Zufahrt nach Berlin. Viele reden von Krieg.“ In der „Neuen Deutschen Wochenschau“ im Kino sah man Panzer auffahren. Zwei Tage später richteten die Amerikaner die Luftbrücke nach Berlin ein. Die „Rosinenbomber“ landeten in Tempelhof.

Eintrag am 6. Juli 1948: „Mit den Eltern in einem Gasthof. Aßen Spiegeleier mit Kartoffelpüree ohne Marken. Jeder drei Stück.“ War das nichts? Das war wohl was, nach jahrelangem Stammgericht. „Saure Kartoffelrädle“ auf halben Marken. Ich denke heute manchmal daran, wenn jeder vom Cholesterin redet. So gesehen waren die Kartoffelrädle total gesund. Ich habe sogar noch das Rezept dafür. Wer es will, kann es haben.

Es gab den Dicken. Obwohl der eigentlich noch gar nicht dick war, höchstens nicht so dürr wie die andern. Ich rede von Ludwig Erhard, Wirtschaftsprofessor und Chef der westdeutschen Wirtschaftsverwaltung. Noch am Tag der Währungsreform verkündete er übers Radio den Anfang vom Ende der staatlichen Bewirtschaftung, den Anfang vom Ende der Bezugsscheine und Markenwirtschaft, die Gewerbefreiheit. Er hatte sich vor dieser Ankündigung nicht mit den Militärgouverneuren abgesprochen und bekam deswegen erhebliche Schwierigkeiten. Aber er hatte das Wirtschaftswunder eingeläutet.

Erhards Verdienste habe ich erst viel, viel später erkannt. Seinen großen Mut. Damals war ich traurig, dass so viele Theater und Kabaretts eingingen, weil die Leute ihr Geld lieber fürs Essen ausgaben. Die 68er haben uns später unseren Materialismus vorgeworfen. Okay. Man muss wohl selber Hunger gehabt haben, um zu begreifen, dass eine Butterbrezel besser schmeckt als eine Konzertkarte.

Im Herbst ’48 treffen die ersten Marshallplanlieferungen und Gelder in Deutschland ein. Wir werden langsam selbstständig. Jeder kann seinen eigenen Laden aufmachen, seine eigenen Ideen verwirklichen. Zu den „Männern aus dem Nichts“, die mit Mut zum Risiko ihre Chance nutzten, gehörten die Herren Grundig, Neckermann und auch der Thierfelder mit seiner Strumpfwirkmaschine.

Das Wirtschaftswunder lag noch vor uns. Aber der Aufbruch zog. Im nächsten Jahr würde er sich noch steigern. Im ersten Halbjahr 1948 war alles wie erstarrt. Im zweiten Halbjahr begann etwas Neues. Es war schön, jung zu sein. Offenbar hatten meine Eltern auch mehr Geld in der Tasche. Denn sie erfüllten mir zu Weihnachten meinen aller- größten Wunsch.

Eintrag 25. Dezember ’48: „Ich habe die roten Schuhe bekommen. Wildleder mit Knöchelriemen, Keilabsätzen. Unglaublich.“ Dabei hatte meine ferne Liebe mir aus USA nicht mal eine Weihnachtskarte geschrieben. Nächstes Jahr, aber das wusste ich natürlich noch nicht, werde ich mich in einen französischen Studenten verlieben, mit dem ich im Rahmen eines Jugendprogramms nach Amerika fahre, per Schiff. Die Welt wird jeden Tag größer und weiter – mit diesem Gefühl entlässt mich das Jahr 1948.

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