Zeitung Heute : Zurück zum guten Geschmack

Die Finanzkrise hat auch ihr Gutes. Zumindest für die Musikbranche, findet Tim Renner. Warum der Chef von Motor Music keine Angst um sein Label hat.

Sebastian Leber
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Tim Renner im Grünen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Krisenstimmung ist er gewohnt. Tim Renner arbeitet schließlich in der Musikindustrie – und die steckt schon seit bald zehn Jahren in der Krise, seit Hörer ihre Lieblingsplatten lieber illegal aus dem Internet runterladen, anstatt sie im Laden auf CD zu kaufen. Nein, er habe keine Angst, sagt Renner. Zumindest nicht um sein eigenes Unternehmen.

Das heißt Motor Music, hat seinen Sitz in der Brunnenstraße in Mitte und gilt deutschlandweit als Vorbild in der Branche. Weil Tim Renner es in wenigen Jahren geschafft hat, sich mit einer Reihe von cleveren Geschäftsideen ein kleines Imperium aufzubauen: Motor bringt nicht nur die Platten auserwählter Pop- und Rockbands wie Polarkreis 18 heraus, es betreibt auch den Radiosender „Motor FM“, den man in Berlin und Stuttgart im Vollprogramm, ansonsten übers Internet empfangen kann. Dazu gibt es die Booking-Agentur „Motor Tours“, das Online-Musikfernsehen „Motor TV“ und das jährliche Festival „Motor im Grünen“ in der Zitadelle Spandau. Wie gut der Ruf des 44-Jährigen ist, hat sich vorigen Herbst gezeigt: Als sich die deutsche Rockband Selig neun Jahre nach ihrer Auflösung wieder zusammenraufte, standen die großen Plattenfirmen Schlange. Aber Selig wollten unbedingt zu Motor.

30 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen inzwischen, und Tim Renner hat nicht vor, in den nächsten Monaten Personal einzusparen. Im Gegenteil: Letztlich könne Motor sogar von der Krise profitieren. In harten Zeiten machten sich die Menschen schließlich bewusst, dass „die Fixiertheit auf Zahlen und Erlöse nicht alles ist. Sie besinnen sich auf Qualität.“ Und das komme allen Musiklabels zugute, die ihre Künstler nicht verschleißen, sondern aufbauen – wie Motor. „Ein einzelner schneller Hit bringt Dir gar nichts. Wenn das nächste Album Mist ist, spielt der Künstler live ganz schnell wieder vor leeren Rängen.“

Die Probleme der Finanzmärkte ähnelten denen der Musikwirtschaft erstaunlich, sagt Renner: „Belohnt wurde bisher, was schnell funktioniert, und nicht das, was Werthaltigkeit schafft.“ Motor nehme dagegen nur Künstler unter Vertrag, die „Substanz haben und an denen wir hoffentlich auch langfristig Spaß haben werden“. Manchmal stellt sich der Erfolg trotzdem schnell sein. Zum Beispiel bei Polarkreis 18, der Band, die im Dezember mit dem Ohrwurm „Allein Allein“ auf Platz Eins der Charts stand. Am 10. Juni darf das Sextett nun vor Depeche Mode im Olympiastadion spielen. Der Riesenerfolg von Polarkreis 18 ist Renner „fast ein bisschen unheimlich“. Auch das neue Album von Selig, das am heutigen Freitag in die Läden kommt, wird weit oben in den Charts landen. Alle Konzerte der aktuellen Tour sind ausverkauft, wer keine Karten bekommen hat, kann die Band am 27. Juni sehen. Da spielt Selig bei „Motor im Grünen“ in der Zitadelle.

Seit 22 Jahren ist Renner jetzt im Musikgeschäft. Die meiste Zeit hat er für große Konzerne gearbeitet, unter anderem hat er die Band Rammstein entdeckt. Als Renner 2004 beim Riesen Universal ausstieg, schrieb er ein Buch über den Niedergang der Musikbranche. „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“, hieß es.

Motor hat auch den Soundtrack zur Finanzkrise herausgebracht. Bloß drei Jahre zu früh. Das 2006er Album des Kölner Sängers Peter Licht trug den Namen „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ – und enthielt so vielsagende Zeilen wie „Der Kapitalismus, der alte Schlawiner, hat uns lang genug auf der Tasche gelegen.“ Tim Renner überlegt, wie er das Album jetzt noch mal ins Bewusstsein der Leute zurückbringen kann. Es wird ihm schon was einfallen.

In der Krise wird den Menschen bewusst, dass die Fixiertheit auf Zahlen und Erlöse nicht alles ist. Sie besinnen sich wieder auf Qualität, und davon profitieren dann diejenigen, die inhaltlich substanzielles zu bieten haben. Motor Music gehört hoffentlich dazu.“

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