Zeitung Heute : Zurück zur Romantik

ISABEL HERZFELD

Christian Thielemann und Elisabeth Glass im Schauspielhaus ISABEL HERZFELDChristian Thielemann ist der neue Dirigierstar der Hauptstadt; zunächst umstritten, werden seinen Pfitzner- und Wagner-Aufführungen an der Deutschen Oper Berlin doch einige Suggestionskraft und Klangsinn bescheinigt.Die 26jährige Elisabeth Glass, seit Jahren als "Berliner Wunderkind" gehandelt, gewann 13jährig "Jugend musiziert" und konzertierte mit einigen bedeutenden europäischen Orchestern.Doch der Auftritt der jungen Stars im vollbesetzten Schauspielhaus enttäuschte.Bei Beethovens Violinkonzert, Prüfstein für reife und unspektakuläre technische Souveränität, blieben sie gewissermaßen vor verschlossenen Türen, statt in seine geistige Substanz tiefer einzudringen.Dabei scheint das auf Anhieb ganz anders: Das Orchester der Deutschen Oper beginnt gemächlich, doch kommt die Musik mit dem pochenden Paukenrhythmus und im intimen Holzbläserthema ins Schwingen, wachsen thematische Entwicklungen organisch auseinander hervor.Doch mit dem ersten Einsatz der Geigerin geht das in buchstäblicher "Unstimmigkeit" verloren.Fast scheint die Violine ein wenig hochgestimmt und kann sich dadurch auch klanglich kaum entfalten.So bleibt nur ein grobes Gerüst an Interpretation, die mit Macht, alle Erfahrungen der jüngsten Zeit negierend, zurück zur Romantik will - nichts dagegen, wenn das Larghetto nicht gar so verschleppt und rhythmisch ungenau in Bruckner-Nähe geriete und das überdrehte Finale zum Ritt über den Bodensee, dem viele Details zum Opfer fallen. Gleichwohl brach danach frenetischer Jubel aus - Beethoven zieht immer.Bravos auch nach Schönbergs "Pelleas und Melisande".Verständlich: Die während Schönbergs erstem Berliner Aufenthalt 1902 entstandene Sinfonische Dichtung überwältigt durch eine ungeheure Klangfülle, Dramatik und Farbigkeit der Instrumentation.Und Thielemann macht es dem Zuhörer leicht.Mit starker Betonung der an Wagner orientierten Leitmotivik - des breit ausgesponnenen, sämig schwelgenden "Liebesthemas", des im übermäßigen Dreiklang wie ein Fallbeil herabsausenden, blechbläsergeschärften "Unheilsmotivs", des depressiv verdämmernden oder drohend herankriechenden Themas des betrogenen Königs Golaud - schafft er Übersicht.Doch auf der Strecke bleibt Schönbergs zweifellose Modernität, die vielstimmige, dissonante Komplexität, die hier zum bloßen Farbwert verkümmert.Da gerät alles zur äußerlichen, recht undifferenzierten Richard-Strauss-Attitüde, die auch emotional nicht sonderlich zu berühren vermag.

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