Zeitung Heute : Zuschauerqualen

SANDRA LUZINA

"Ein Tag eine Frau ein Mann" vom Theater Kokotovic-OsmaninSANDRA LUZINAFrauen und Männer sind doch verschieden - soweit herrscht Einigkeit.Freilich lassen sich daraus unterschiedliche Lehren ziehen.In den Sophiensälen müssen Frauen und Männer räumlich getrennt voneinander Platz nehmen, und auch auf der Bühne wird die eingehalten.Mit der Produktion "Ein Tag, eine Frau, ein Mann" beginnt eine kleine Werkschau des tko.Das Theater Kokotovic-Osman ist ein Zusammenschluß der beiden Theaterensembles Koreodramatheater und Romano Theatro aus Köln.Gegründet wurden sie von den Bürgerkriegsflüchtlingen aus Ex-Jugoslawien, der Kroatin Nada Kokotovic und dem Roma Nedjo Osman.Kroatin, Grenzgängerin zwischen Tanz und Sprechtheater, hat das Frauendrama in Szene gesetzt.Ingeborg Bachmann wird als Kronzeugin zitiert für eine problematische weibliche Existenz, die sich zuletzt selbst zum Verschwinden bringt.Außerdem kommen Texte von H.C.Artmann und Günter Grass - beide bekanntermaßen keine weiblichen Autoren - zum Vortrag.Doch Nada Kokotovic zielt wohl eher auf ein Drama der Körper.Ein Tisch, Stühle, ein Herd und ein Bügelbrett - die weibliche Lebenswelt ist beschränkt auf die häuslich-private Sphäre.Dagegen darf ein Frauentrio ordentlich anwüten.Da ist die Furie im blauen Nachthemd, die gegen den Schrank anrennt und mit Töpfen schmeißt.Die schwarzlockige Schöne im Unterkleidchen wirft ihre Glieder von sich, wälzt sich auf und unter Tischen.Die an der Liebe Verzweifelnde weiß nicht, ob sie den Revolverlauf gegen sich selbst oder gegen andere richten soll.Das Unbehagen an der Frauenrolle wird immer wieder thematisiert, doch die beschworenen Abgründe weiblicher Liebeserfahrung nicht ausgelotet, das weibliche Aufbegehren bleibt im Gezappel stecken. Die Männer haben weitaus mehr Text zu bewältigen.Sind sie deshalb auch Meister der Sprache, Herr des Diskurses und ihrer selbst? Immanuel Kant, Charles Bukowski und Albert Camus werden als Gewährsmänner bemüht für die Mann-Problematik, die immer zugleich Menschheitsproblematik ist.Im Schlafanzug räsonieren die Schauspieler über universale Themen und geben dabei natürlich eine lächerliche Figur ab.Sie proben die Tyrannen-Pose, reden den eigenen Tod herbei, alles mündet in der Erkenntnis der Absurdität der Existenz.Weibliche Exaltation wird mit männlicher Exaltation beantwortet.Ob Männerqualen oder Frauenpein - beides ist für die Zuschauer gleich strapaziös.

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