Zeitung Heute : Zwang zur Selbstzensur

IWAN ZINN

Eberhard Lämmert spricht über das Schreiben unter DiktaturenIWAN ZINNLiteratur als Reflexion der Wirklichkeit hat es in Diktaturen schwer, denn eine realistische Wiedergabe des bestehenden Unrechts muß die Diskrepanzen zur offiziellen Selbstdarstellung und ideologischen Leitlinie der Machthabenden aufzeigen.Über "beherrschte Literatur" unter den beiden deutschen Diktaturen sprach am Dienstag abend der Literaturwissenschaftler Eberhard Lämmert in der Staatsbibliothek.Ausgehend von der Idealvorstellung, daß eine vollkommene Unabhängigkeit des Schriftstellers von allen obrigkeitlichen Instanzen bestehen müsse, schlägt Lämmert einen Bogen zu der Analyse der Bedingungen des Schreibens in den totalitären Regimen des Nationalsozialismus und der DDR.Er konstatiert, daß es neben den Publikationen, die sich eindeutig in den Dienst des jeweiligen Systems stellten, reiner Unterhaltungsliteratur und der kriminalisierten offenen Widerstandsliteratur Formen des Schreibens existiert hätten, deren Einordnung schwieriger sei.Einerseits habe es die, wie Alfred Andersch formulierte, "totale Introversion" bzw."innere Emigration" jener Schriftsteller gegeben, die aus Angst vor potentieller staatlicher Vereinnahmung oder Zensur nur für sich und Freunde oder völlig verschlüsselt schrieben.Hier sei von Kritikern oft der Vorwurf eines Eskapismus laut geworden, der sich von jeder politischen Mitverantwortung freisprechen wolle.Der Rückzug in eine eigene Kunstwelt könne andererseits auch als ganz persönliche Gegenwehr der Literaten eingeschätzt werden, so Lämmert. Im Kontrast zu Exil-Autoren, die sich freier mit den Vorgängen in ihrer Heimat auseinandersetzen konnten, sei bei den nicht-konformen "Zurückgebliebenen" der Gebrauch einer metaphorischen Sprache, insbesondere in der Naturlyrik, verbreitet gewesen, die sich in ihrer Distanz und artistischen Doppeldeutigkeit dem repressiven Zugriff der Tyrannen habe entziehen können.Mit dieser Methodik der Camouflage sei meist die Hoffnung verbunden gewesen, an der Zensur vorbei von den Rezipienten in dem eigentlichen, oppositionellen Sinne verstanden zu werden.Allerdings sei die interpretatorische Dehnbarkeit oft so groß gewesen, daß man beispielsweise auch die "Marmorklippen" Ernst Jüngers als Widerstandsliteratur bezeichnen könne.Der Naturmetaphorik und den verkappten Wertungen - etwa in der Verwendung des Genres des historischen Romans - fehlten nach Lämmert die notwendige Festlegung sowie die Bereitschaft der Schriftsteller, als Stimmführer der Unterdrückten zu fungieren.Auch die für den Leser leichter zu durchschauende Flucht in den Konjunktiv von DDR-Autoren wie Christa Wolf und Reiner Kunze sei meist über Anspielungen nicht hinausgegangen.Die Angst vor staatlicher Verfolgung habe zu einem Zwang der Selbstbeherrschung und Selbstzensur geführt, wobei die unterschiedlichen Lebenssituationen in den beiden deutschen Diktaturen berücksichtigt werden müßten.Das Postulat ideologischer Gleichschaltung sei durch den Arier-Nachweis im NS-Regime noch verstärkt worden, während in der DDR unvorhersehbar kulturpolitische Liberalisierungsphasen auftraten. Es wäre interessant gewesen, in dem insgesamt sehr reflektierten Vortrag Lämmerts mehr über mögliche Ursachen der verinnerlichten Selbstzensur zu hören.So ist die These diskussionswürdig, daß sich viele DDR-Autoren aus dem NS-Trauma heraus mit dem antifaschistischen Selbstverständnis der DDR identifizierten und die klassische Lagertheorie internalisierten.

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