Zeitung Heute : Zwei behelmte Muskelmänner stöckeln auf albernen Kothurnen

SANDRA LUZINA

Schwül-schwulstige Männerphantasien - eine Orgie des schlechten Geschmacks beim Ballettabend in der Deutschen Oper mit italienischen ChoreographenSANDRA LUZINALänderporträts hat sich Richard Cragun, der Ballettdirektor der Deutschen Oper, ausgedacht, um sein Haus auch für jüngere Choreographen zu öffnen.Nach den Brasilianern waren nun die Italiener an der Reihe.Mit "Turnpike" von Mauro Bigonzetti kommt der Abend gut in Fahrt.Amerikanische Highways regten den Römer zu seiner Produktion an.Bigonzetti huldigt dem Rausch der Geschwindigkeit - und der Tanz hat wirklich drive.Die 16 Tänzer in gelb-grauen Trikots agieren athletisch und kraftvoll, mit dem Charme des Androgynen.Die zugrundeliegende Bach-Musik, die ja sehr motorisch ist, dient vornehmlich dazu, die Tänzer anzutreiben.Selbst wenn die Musik abbricht, sausen sie noch über die Bühne - der Tanz wird zur Manifestation eines immensen Elans. Duos und Trios zeigen eine einfallsreiche Partnerarbeit.Das neoklassische Vokabular wird ausgedehnt und ausgeweitet, die Körper bis an die Grenzen der Bewegungsmöglichkeiten getrieben.Bisweilen läßt Bigonzetti sich aber zu Manierismen verführen.In den gelungensten Momenten tobt der Tanz der Nike-Generation über die Bühne, doch eine neue Gangart wird hier nicht versucht. "Apollon" von Massimo Moricone wiederum entpuppt sich als schwül-schwulstige Männerphantasie, als Orgie an schlechtem Geschmack.Nebel wallt, im Orchestergraben liegt der vergoldete Torso einer Götterstatue.Zwei behelmte Muskelmänner mit nackten Hintern, in Ledercorsagen geschnürt, stöckeln auf albernen Kothurnen herum.Zwischen golden-aufragenden Obelisken verbiegen kajaläugige Lustknaben in Glitzerstrumpfhosen ihre geschmeidigen Leiber.Die Wiedergeburt des Apollon soll hier mit Pomp zelebriert werden - sieh an, der Kugel entsteigt eine Frau. Tamako Akiyama wirkt allerdings eher geschlechtslos.Moricone vergreift sich schonmal an Balanchines Schlüsselwerk "Apollon Musagète", doch der Tanz um den goldenen Phallus ist choreographisch nicht von Belang.Von der Versöhnung von Apollinischem und Dionysischem ist wenig zu erkennen, hier feiert der testosteronumnebelte Männlichkeitswahn Triumphe.Wie dieser monumentale Kitsch zur Aufführung gelangen konnte, bleibt ein Rätsel.Der Choreograph wurde jedenfalls kräftig ausgebuht. Renato Zanella, Chefchoreograph und Ballettdirektor in Wien, ist mit seinen 36 Jahren ein shooting-star.In " ...schatten von sehnsucht ..., Last Blues" versucht er eine Annäherung an Leben und Werk von Cesare Pavese.Der Autor, der 1950 Selbstmord beging, ist in Italien ein Monument.Zanella interessiert nun weniger die Literatenexistenz als das Mannesdrama.Pavese litt unter Liebesdebakeln.Ein Rosen-Prospekt von erlesener, aber auch kalter Schönheit prangt über dem Geschehen.Die beiden Rosenfrauen in knappen Trikots sind betörende Traumgeschöpfe.Doch für Pavese waren die Frauen "bitter wie der Tod" und so schuf Zanella eine Elegie um Lieben und Sterben. Der Dichter, verkörpert von Yannick Boquin, wird von vier schwarzgekleideten Schatten begleitet.Während der Protagonist oft erstarrt wirkt, deuten die Schatten seine Sehnsucht an, geben seiner Zerrissenheit Gestalt.Mit Romantizismen hält Renato Zanella sich nicht auf, er zeigt, wie die Idealisierung der Frau in Gewalt gegen die leibhaftige Geliebte umschlägt.Die aggressiven Pas de deux sind denn auch der Höhepunkt des Stückes.Der Gedichtzyklus "Der Tod wird kommen, und er wird deine Augen haben" regte Wilfried Maria Danner zu seiner Auftragskomposition an - vom Orchester der Deutschen Oper unter Leitung von Arturo Tamayo aufgeführt.Danner schwelgt in Klangfarben, versucht dramatisch zuzuspitzen - doch die Komposition wirkt in keinem Moment markant.Auch der Choreographie mangelt es bei aller Kraft und Eleganz an Prägnanz.Am Ende rieselt aus den Folianten nicht nur der Staub, Literatur verwandelt sich in Herzeleid, so fließt denn das Blut des Dichters - doch die Marter und Qualen des Vereinsamten finden kaum zu bewegendem Ausdruck.

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