Zeitung Heute : Zwei im Sinn

Warum die FDP von Anfang an eigene Kandidaten ins Gespräch gebracht hat – und warum sie diese selbst gar nicht unbedingt will

Robert Birnbaum

Zwei Namen hat die FDP von Anfang an zum großen Kandidatenlotto beigetragen: Wolfgang Gerhardt, Fraktionschef im Bundestag, und Cornelia Schmalz-Jacobsen, ehemalige Ausländerbeauftragte der Regierung Kohl und davor FDP-Generalsekretärin unter dem Parteichef Otto Graf Lambsdorff. Gerhardt galt von Anfang an als jemand, der möglicherweise Kompromisskandidat gemeinsam mit der Union werden könnte. Der 60-jährige hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass ihm eine Rückkehr des bürgerlichen Bündnisses am Herzen liegt. Die „Unabhängkeitsstrategie“ des Möllemann’schen „Projekt 18“ hat er immer nur widerwillig mitgemacht. Gerhardt kommt noch aus der Generation, die erlebt hat, welche Erschütterungen die Wende Hans-Dietrich Genschers von der sozial- zur christliberalen Koalition durch die Freien Demokraten geschickt hat. Aber auch persönlich hat der Wiesbadener nichts dagegen, ein Bürgerlicher genannt zu werden.

Trotzdem war führenden Liberalen, Gerhardt eingeschlossen, von Anfang an klar, dass er nur eine Außenseiterchance haben würde. Nur in dem eher unwahrscheinlichen Fall, dass CDU und CSU sich nicht auf einen gemeinsamen Bewerber verständigen könnten, wäre Gerhardts Stunde gekommen. Dass er im Konfliktfall nicht als reiner „Zählkandidat“ in einen aussichtslosen ersten Wahlgang etwa gegen Wolfgang Schäuble antreten würde, hatte er seinen Parteichef Guido Westerwelle wissen lassen.

Ganz anders die Lage für Schmalz-Jacobsen. Der Freidemokratin geht der Ruf einer eher Linksliberalen voraus – einerseits wegen ihrer Tätigkeit als Ausländerbeauftragter, einem in der üblichen politischen Geographie eher „links“ verorteten Gebiet, andererseits aus ihrer Zeit als Lambsdorffs Generalin. In der Tat war Schmalz-Jacobsen damals eher dem Bürgerrechtsflügel ihrer Partei zugeordnet – was freilich auch damit zusammenhing, dass der „Marktgraf“ als Chef die bürgerlich-wirtschaftsliberale Seite voll abdeckte. Vollends das Siegel „Links“ hat die FDP-Frau erst im Zuge der Präsidentendebatte aufgeprägt bekommen. Denn es waren der schleswig-holsteinische Fraktionschef Wolfgang Kubicki und seine Freunde, die den Namen aus der FDP als erste ins Spiel brachten – und zwar ausdrücklich mit der Begründung, dass dies eine FDP-Bewerberin sein könnte, die mit Stimmen von SPD und Grünen ins höchste Staatsamt kommen könnte. Dass andere Freidemokraten diskret versuchten, Schmalz-Jacobsen als überparteiliche Kandidatin zu etablieren, scheiterte an dieser Vorgeschichte. Dass Kubicki im Ruf steht, seinem Parteichef Westerwelle herzlich abgeneigt zu sein, belastete die Eventual-Kandidatin zusätzlich. Trotzdem hat der FDP-Chef in Gesprächen mit Kanzler Gerhard Schröder und Grünen-Chef Reinhard Bütikofer nachgefragt und die erwartete Antwort bekommen: Wenn Ihr das ernst meint, würden wir Schmalz-Jacobsen mitwählen. Aber ernst gemeint war es von Westerwelle und den Seinen nie. Allzu offensichtlich ist die Schröder-Müntefering-SPD als Koalitionspartner für 2006 ausgeschlossen. Allzu offensichtlich wäre ein solches Manöver für den bürgerlichen Teil der FDP-Wählerschaft völlig unverständlich. So wie die Karten gemischt sind, wird es diesmal wohl nichts mit einem FDP-Präsidenten. Und es scheint, dass das die FDP auch sehr gut weiß.

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