Zeitung Heute : Zwei-Klassen-System im Netz

GUNTER BECKER

Die Reaktionen schwanken zwischen Empörung und Beifall.Seit Yahoo - der weltweit meistgenutzte Internet-Katalog - angeboten hat, ein 2-Klassen-System bei der Anmeldung von URLs (Internet-Adressen) einzuführen, streitet sich die Online-Community wieder über Sellout und Kommerz im Netz.Kommerziellen Websites garantiert Yahoo künftig bei Zahlung eines Betrags von 199$ eine Bearbeitung ihrer Anmeldung binnen sieben Tagen.Doch über die Kundenfreundlichkeit dieser Geschäftsidee gehen die Meinungen auseinander.

"Der unbefangene User glaubt, von Yahoo zu den relevantesten Sites seines Interesses gesteuert zu werden und erhält nun statt der gewichtigen, die nach Dollar gewichteten Informationen", kritisiert Leopold Bergmmann in der "Networker"-Mailingliste.Andere verteidigen die Strategie des internationalen Netz-Konzerns als clevere und durchaus zulässige Marketingaktion.

In einer Meldung der Nachrichtenagentur Reuters im Februar hatte das Unternehmen angekündigt, mit einem speziellen Servicepaket verstärkt auf kleine und mittlere E-Commerce-Firmen zugehen zu wollen.Bestandteil des Angebots ist eine sogenannte "Express Consideration", eine beschleunigte Aufnahme der Firmen-URL ins Hauptverzeichnis des Suchdienstes.Da alle beim Internet-Katalog Yahoo gemeldeten Netzadressen erst einzeln von einer Redaktion aus "menschlichen" Experten gesammelt, bewertet und gelistet werden, kann es Wochen oder Monate dauern, bis eine URL veröffentlicht wird.Diese Wartezeit kann sich ein Unternehmen jetzt durch die einmalige Zahlung von 199$ beträchtlich verkürzen.

"Es gibt Leute, deren Lebensader es ist, Dinge online zu verkaufen.Diesen Menschen bieten wir jetzt den Service, daß wir uns innerhalb von sieben Tagen garantiert um ihren Link kümmern", wird Tim Brady, Vizepräsident Produktion bei Yahoo Inc.im Branchendienst ZDNet zitiert.Einige Zeilen weiter stellt Brady dann auch klar, wie mit der nichtzahlenden Kundschaft verfahren wird: "Die Leute können sich doch immer noch in der Anmeldungs-Schlange anstellen."

Ob der gekaufte Yahoo-Link nur schneller gelistet wird, oder ob er plötzlich auch weiter oben in den Ergebnisseiten mit den Fundstellen zum Thema auftaucht, darüber wird jetzt wild spekuliert.Beispiel einer solchen Variante ist der Internet-Katalog GoTo.Der hatte bereits 1997 sein System auf käufliche Links umgestellt.Kunden, die den Link zu ihrer Site auf www.goto.com sehen wollen, geben bei GoTo ein Gebot ab, wieviel sie für jeden Klick auf ihre URL zu zahlen bereit sind.Wer die höchste Summe bietet, taucht in der thematischen Katalogseite ganz oben auf.Daß dieses Verfahren nicht unbedingt konsumentenfreundlich ist, zeigt ein willkürliches Beispiel: Wer bei GoTo in der Rubrik Football nach allgemeinen Infos, etwa über die National Football League (NFL) oder seine Lieblingsmannschaft sucht, der muß erstmal scrollen.Den obersten Listenplatz der Ergebnisliste belegt nicht etwa die NFL oder eine Vereinsmannschaft, sondern ein Buchladen für Sportbücher.Der zahlt GoTo für diese Toplazierung immerhin 0,31$ für jeden erfolgten Klick auf seinen Link.Die für Fans möglicherweise ungleich wertvollere Online-Bestellmöglichkeit von Football-Eintrittskarten folgt erst auf Platz 16 - für 0,06$ pro Besucher war nicht mehr drin.

Ob sich die Yahoo-Initiative ähnlich entwickeln wird, ist zur Zeit noch reine Spekulation.Deutsche Suchkatalog-Betreiber jedenfalls beobachten die Entwicklung aufmerksam, verneinen offiziell aber ähnliche Marketing-Pläne."Die Eintragung bei Lycos erfolgt ausschließlich nach technischen Kriterien, eine bevorzugte Listung innerhalb der Suchergebnisse ist nicht möglich.Es sind keinerlei Aktivitäten in Richtung VIP-Service geplant", bekräftigt Volker Jacob, der bei der Hamburger Agentur Text 100, für die Pressearbeit des Suchdienstes Lycos.de verantwortlich ist.Auch der Göttinger Internet-Katalog Dino will frei von bezahlten Links bleiben."Wir sollten den Usern und den Anmeldern einen kostenlosen Service zur Verfügung stellen und diese Dienstleistung durch Werbung refinanzieren", sagt Dino-Geschäftsführer Holger Kayser.Trotzdem will Kayser die Yahoo!-Initiative nicht kritisieren: "Aber als Bestandteil eines speziellen Servicepakets für kleinere und mittlere E-Commerce-Firmen kann ich daran nichts Verwerfliches entdecken." Klare Absage dagegen beim FOCUS-Suchservice Netguide.Manfred Klaus, Direktor Marketing & Sales bei der Münchner FOCUS Online GmbH, schließt bezahlte Listungen bei seinem Unternehmen definitiv aus: "Bei FOCUS Online war es bisher und wird es auch weiterhin nicht möglich sein, gegen Zahlung von Geld Eingang in den redaktionellen Inhalt zu finden."

Allerdings sind solche Grundsatzentscheidungen bei der rasanten Dynamik des kommerziellen Internets möglicherweise nur von kurzer Halbwertzeit.



Links zum Thema unter

www.zdnet.com/zdnn/stories/news/0,4586,2206436,00.html

www.goto.com

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