Zeitung Heute : Zwei Mal Berlin–Peking und zurück

Die Freie Universität Berlin erweiterte ihre fruchtbaren Partnerschaften mit China

Christian Bode

Gleich zwei Erfolgsgeschichten im China-Geschäft konnte die Freien Universität Berlin in diesem Sommer vermelden: Im August wurde sie von der chinesischen Regierung als Partner für die Einrichtung des ersten „Konfuzius-Instituts“ in Deutschland ausgewählt, eines den deutschen Goethe-Instituten vergleichbaren, allerdings stärker wissenschaftlich ausgerichteten chinesischen Kulturinstituts. Und am 27. September fand in Peking ein Festakt statt, bei dem die Präsidenten der dortigen Peking-Universität, die Freien Universität Berlin, die Humboldt-Universität sowie der Deutsche Akademische Austauschdienst die Gründungsdokumente für ein gemeinsam betriebenes und finanziertes „Zentrum für Deutschlandstudien“ unterzeichneten.

Eingerahmt war diese Festveranstaltung in eine Präsentation der Studien und Forschungsangebote von Freier Universität Berlin und Humboldt-Universität sowie eine wissenschaftliche Tagung zum Thema: „Deutschland und China – Gegenseitiges Verstehen im wissenschaftlichen Kontext“. Damit ist zugleich das Programm des neuen Pekinger Zentrums treffend beschrieben: Es geht – in Lehre und Forschung – um die interdisziplinäre wissenschaftliche Beschäftigung mit Deutschland. Ebenso wichtig wie die Germanistik sind dabei Fachgebiete wie Geschichte, Soziologie, Internationale Beziehungen, Recht und Wirtschaft, um zukünftige chinesische „Deutschlandexperten“ mit dem Handwerkszeug auszustatten, das sie für eine berufliche und wissenschaftliche Kooperation mit deutschen Partnern brauchen. Fachlich und organisatorisch wird das Pekinger Zentrum von den Berliner Partnerhochschulen betreut, die auch in den Entscheidungsgremien mitwirken. Ihr Partner, die berühmte Peking-Universität „Beida“ gilt in China als die in Geistes- und Sozialwissenschaften renommierteste Universität. Als nächstes großes Projekt ist der Aufbau eines deutschlandkundlichen Masterstudiengangs geplant, dessen ausgewählte chinesische Teilnehmer ein Studienjahr in Berlin verbringen.

Das neue Pekinger Zentrum komplettiert das weltweite Netzwerk solcher mit Mitteln des Auswärtigen Amtes geförderter Einrichtungen um ein wichtiges Partnerland. Die ersten „Centres for German Studies“ mit DAAD-Förderung entstanden Anfang der 90er Jahre in den USA in Harvard, Georgetown und Berkeley (UC) – und mit diesen Adressen war bereits ein Qualitätsmaßstab gesetzt. Inzwischen sind nach diesem Vorbild Institute in Kanada, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Japan, Russland, Bulgarien und Polen entstanden – eine „Internationale“ der Deutschlandforscher, die untereinander grenzüberschreitend eng zusammenarbeitet und mit ihrem wissenschaftlich geschärften „Blick von außen“ auf unser Land auch deutsche Fachdiskussionen bereichert. Dass die meisten Zentren zugleich einen Schwerpunkt auf praxisorientierte Ausbildung legen, ist eine Investition in die Zukunft unserer wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Außenbeziehungen – eine Investition, die übrigens auch nach der Anschubfinanzierung durch den DAAD Früchte tragen wird: Die Gastuniversitäten haben sich zu einer Fortsetzung aus eigenen Mitteln verpflichtet und die ersten haben das auch schon geschafft.

Die Gründung des Pekinger Zentrums trägt der Tatsache Rechnung, dass China mit seiner beispiellosen wirtschaftlichen Dynamik als Partnerland immer wichtiger wird. Mancher spricht von dem „chinesischen Jahrhundert“, in das die Welt soeben eingetreten ist. Nicht nur deutsche Politiker und Wirtschaftskapitäne berichten mit glänzenden Augen von ihren Reisen in ein Land scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten.

Auch Hochschulvertreter stehen staunend vor einem Universitätssystem mit 20 Millionen Studierenden, das die Zahl der Studienanfänger innerhalb von sechs Jahren von einer auf vier Millionen erhöht hat, in dem jährlich 250 000 Informatiker ihr Studium abschließen und dessen Spitzenhochschulen sich, dank großzügiger staatlicher „Exzellenzinitiativen“, schnell der Weltspitze nähern. Dass hier, wie in der Wirtschaft, auch Überhitzungserscheinungen mit Qualitätseinbußen ihre Preise fordern, ändert an der grundsätzlichen Richtung und Dynamik nichts.

Für die deutschen Hochschulen und den DAAD ist China zu einem der weltweit wichtigsten Partnerländer geworden: 25 000 Chinesen studieren bei uns, was der Studierendenschaft einer (mittelgroßen) deutschen Universität entspricht. 366 deutsch-chinesische Hochschulpartnerschaften hat die Hochschulrektorenkonferenz registriert. Der aktuelle Trend in der deutsch-chinesischen Hochschulkooperation geht – unterstützt durch entsprechende DAAD-Förderprogramme – von der individuellen Mobilität hin zum Aufbau strukturierter Ausbildungspartnerschaften mit gemeinsamen Curricula und darin integrierten und anerkannten Ausbildungsabschnitten im Partnerland. Für chinesische Studierende bietet dies den Vorteil eines leichter planbaren, gegenüber einem Vollstudium risikoloseren Deutschlandaufenthalts.

Vorzeigeprojekte dieser Art sind das Deutsch-Chinesische Hochschulkolleg (CDHK) an der Tongji-Universität, das zweisprachige Masterstudiengänge in Elektrotechnik, Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften anbietet, oder das von der RWTH Aachen mit der Tsinghua-Universität entwickelte ingenieurwissenschaftliche Programm „Gemeinsam studieren – gemeinsam forschen“, das einen Doppelabschluss bietet, oder der gemeinsame Studiengang „Deutsch/Wirtschaftswissenschaften“ der Universität Bayreuth mit der Shanghai International Studies University, in dem die chinesischen Studierenden nach einem Bachelor-Abschluss in Shanghai zu einem BWL/VWL-Hauptstudium nach Bayreuth kommen.

Gemeinsam ist diesen Projekten auch, dass sie auf Tuchfühlung mit deutschen und chinesischen Wirtschaftsunternehmen und -verbänden operieren und von dieser Seite tatkräftig unterstützt werden. So können an der Tongji-Universität inzwischen 26 Stiftungslehrstühle aus Beiträgen der deutschen Wirtschaft finanziert werden. Diese engen Verbindungen sichern den Absolventen exzellente Karrierechancen, insbesondere in deutschen Unternehmen in China und diese haben ihrerseits einen direkten Zugang zu erstklassigen Nachwuchswissenschaftlern.

Neue Chancen bieten deutsch-chinesische Ausbildungspartnerschaften auch deutschen Studierenden: Da die Programme meist englisch- oder sogar deutschsprachig laufen, öffnet sich auch für diejenigen, die nicht Sinologie studieren oder anderweitig Chinesisch gelernt haben, die Tür zu einem Studienaufenthalt in China, den sie neben dem Fachstudium auch zum Erwerb von sprach- und landeskundlichen Kenntnissen nutzen können. Das trägt dazu bei, dass der deutsch-chinesische akademische Austausch nicht zur Einbahnstraße wird; von einem ausbalancierten Austausch sind wir freilich noch weit entfernt.

Mit ihrer Unterstützung des Pekinger Zentrums für Deutschlandstudien liegt die Freie Universität so einerseits im Trend der deutsch-chinesischer Hochschulkooperation: Auch hier geht es zunächst um Ausbildungspartnerschaft, der hoffentlich bald auch die Zusammenarbeit in der Forschung folgen wird. Mit der fachlichen Ausrichtung des Pekinger Zentrums wird Neuland betreten: Bisher konzentrieren sich nämlich die deutsch-chinesischen Projekte auf die Wirtschafts-, Ingenieur- und Naturwissenschaften. In den Geistes- und Sozialwissenschaften besteht Nachholbedarf, auch hier können beide Länder viel voneinander lernen. Ohne die Beiträge dieser Disziplinen sind ein tieferes Verständnis füreinander, ein realistisch-positives Bild des Partnerlandes und die Fähigkeit, sich gut informiert und respektvoll der fremden Kultur zu nähern, nicht denkbar.

Festakte wie der in Peking animieren zu historischen Recherchen und die förderten eine andere Erfolgsgeschichte zu Tage: Genau vor 70 Jahren, am 16. September 1935, reiste der erste chinesische DAAD-Stipendiat nach Deutschland. Sein Name ist Ji Xianlin, er wurde später berühmt als der Begründer der chinesischen Indologie und war eine Zeit lang auch Vizepräsident der Peking-Universität. Seinen Deutschlandaufenthalt begann er mit einem Sprachkurs – in Berlin.

Dr. Bode wird am Mittwoch, dem 19. Oktober um 10 Uhr mit einem Festvortrag das Wintersemester 2005/2006 in der Silberlaube, Hörsaal 1 A eröffnen.

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