Zeitung Heute : Zwei Metropolen mit Kiezkultur

Das kleine Zürich und das große Berlin: In ihrer Lebensqualität ähneln sich beide

Claudia Schwartz

Um einen Vergleich von Zürich und Berlin wurde die Zürcherin gebeten, die seit einigen Jahren an der Spree lebt. Zuallererst gilt natürlich für die beiden Städte, was grundsätzlich auf Deutschland und die Schweiz zutrifft: Berlin ist groß, Zürich ist klein. Die Große schaut – im besten Fall respektvoll – auf die Kleine herunter. Und die Kleine bewundert die Große. Berlin hat mehr Einwohner, mehr Museen, mehr schöne – auch mit kleinem Budget bezahlbare – Altbauwohnungen. Berlins Anziehungskraft liegt nicht zuletzt in seiner verschwenderischen Dimension: Im Botanischen Garten läuft man stundenlang durch die Wälder Nordamerikas und über kaukasische Gebirge und kann schon einmal vergessen, dass man sich mitten in der Großstadt bewegt. Die Zürcher (und bitte niemals: Züricher!) nennen ihr traditionelles Vergnügungsviertel in der Altstadt „Dörfli“, womit angedeutet sei, dass hier auch nach einer durchgefeierten Nacht keiner so leicht die Orientierung verliert. Die Überschaubarkeit des Zürcher Großstadtlebens hat noch andere Vorteile: Die Innenstadt lässt sich zu Fuß durchqueren, was jeder Shoppingtour ausgesprochenen Flaniercharakter verleiht.

Zürich wie Berlin zeichnen sich durch Heterogenität, Widersprüche und soziale Spannungen aus. Für beide gilt deshalb immer das Klischee und sein Gegenteil. Berliner staunen oft darüber, dass Zürich auf so kleinem Raum tatsächlich alle Vorzüge einer Metropole bietet. So zeigte sich eine 27-jährige Berlinerin nach ihrem Zürichbesuch irritiert darüber, dass das trashig-trendige Taschenlabel „Freitag“, mit dem in Berlin alle herumrennen, „ja gar nicht aus Berlin stammt, sondern aus Zürich“. Umgekehrt stellte ein Zürcher, mit dem ich den Kupfergraben entlang spazierte, fest: „Berlin ist schön ruhig, nicht so hektisch wie Zürich.“ Als stolze Drei-Millionen-Berlin-Bewohnerin ist man da erst einmal platt.

Zürich ist eine kleine große Stadt. Deshalb redet man auch vom Millionen-Zürich, obschon die Stadt nur rund 366 000 Einwohner zählt. Mit dem angrenzenden Einzugsgebiet lebt in Zürich eine knappe Million Einwohner, was ein Siebtel der Schweizer Bevölkerung ausmacht. Damit ist Zürich eines der am dichtesten besiedelten Gebiete Europas. Man muss sich das heutige Zürich von der Struktur her vorstellen wie den Berliner Raum vor der Gebietsreform von 1920, nur kompakter. Zwar wird immer wieder einmal über eine Zusammenlegung einzelner Zürcher Gemeinden diskutiert. Gegenwärtig beteiligen sich sieben Kommunen versuchsweise an einer Fusion, auf eigenen Wunsch und nicht von oben diktiert, wie betont wird. Vermutlich werden sie aber nach Ende des Projektes und gründlichem Abwägen aller Vor- und Nachteile in schweizerisch-freundnachbarlicher Distanz wieder eigene Wege gehen, denn vor einer Zwangsfusion schützt die Kantonsverfassung. Kurzum: Auch Groß-Zürich dient als Beispiel dafür, dass die Schweiz eine Willensnation bildet, bestehend aus Kleinstaaten, die weit mehr Selbstständigkeit genießen als Bundesländer und Kommunen in Deutschland.

Es gibt darüber hinaus manches, was Zürich und Berlin unterscheidet: Berlin ist Parlamentssitz einer Weltmacht und hat international politisches Gewicht. Die Schweiz wird nicht von Zürich aus regiert (sondern in der so genannten Bundesstadt Bern). Dennoch besitzt Zürich innerhalb seines Landes einen herausragenderen Status als Berlin: In Zürich konzentriert sich die Wirtschafsmetropole, das Medienzentrum, die Kulturhauptstadt, der Forschungs- und Bildungsstandort der Schweiz. Zürich stellt, vom Rest des Landes unangefochten und misstrauisch beäugt, das Zentrum der Schweiz dar.

Als ich von Luzern nach Zürich zog, war ich knapp fünf Jahre alt und hatte schon eine klare Vorstellung von Zürich: Es gab in der Schweiz „die Zürcher“ und so etwas wie die Restschweiz. Beim Anblick eines Automobilisten mit Zürcher Autokennzeichen pflegte mein Vater regelmäßig über die frechen Metropolenbewohner zu schimpfen, die keinem den Vortritt lassen und sofort hupen, wenn es nicht schnell genug geht. An der Spree angekommen, nimmt man erstaunt zur Kenntnis, dass es eine Stadt auf dieser Welt gibt, in der sich Automobilisten wie Radfahrer noch rüpelhafter benehmen, als dies in Zürich der Fall ist. Schließt man vom Verhalten der Verkehrsteilnehmer auf die Mentalität, so sind wohl weder Zürich noch Berlin besonders freundliche Städte. Obschon uns wohlmeinende Untersuchungen hie und da das Gegenteil weismachen wollen wie jenes Magazin, das kürzlich Zürich und Berlin zur zweit- beziehungsweise viertfreundlichsten Stadt der Welt erkor, was ja eigentlich nur doppelt skurril anmutete. Die Geschichte von jener Berliner Kellnerin, die dem Gast das falsche Gericht brachte und, auf das Malheur aufmerksam gemacht, entgegnete, ob er die Pizza denn nicht einfach essen könne, weil sie sonst alles neu in die Kasse eingeben müsse, zählt diesbezüglich zu meinen Lieblingsbeispielen aus einer ansehnlichen Liste gesammelter Anekdoten. Womit auch erwähnt sei, dass sich im Berliner Vergleich mein Blick auf die Zürcher diesbezüglich ein wenig relativiert hat. Nach sieben Berliner Jahren empfinde ich die Bewohner meiner Heimatstadt mittlerweile als geradezu überraschend freundlich, was wohl weniger auf ein naturgegeben zuvorkommenderes Wesen zurückzuführen ist als schlicht auf das professionelle Selbstverständnis einer Dienstleistungsgesellschaft – acht von zehn Zürchern arbeiten im Dienstleistungssektor.

Das Bild vom überheblichen Hauptstädter ist natürlich ein Klischee, aber wie in jedem Klischee steckt auch in diesem ein Quäntchen Wahrheit. Die Identität einer Stadt rührt schließlich nicht nur von ihrem Selbstbild her, sondern auch von der Rolle, die ihr im Gefüge eines Landes zugeschrieben wird. So steht die Limmatstadt, die sich in einer Imagekampagne schon einmal unverfroren „Switzerland Downtown“ nennt, beim Rest der Schweiz gelegentlich unter dem Verdacht größenwahnsinnig zu sein. Eine Skepsis, die man ähnlich auch von Hamburgern oder Münchnern gegenüber dem hauptstädtischen Berlin kennt. Zürich jedenfalls wäre ohne die Schweiz nicht Zürich und umgekehrt. Und gerade deshalb setzt sich die Stadt oft auch ab von der übrigen Deutschschweiz, um – dann etwa in der Frage eines EU-Beitritts – mit den französischsprachigen Schweizern einer Meinung zu sein.

Zürich ist ein europäisches Zentrum. Es weist mit knapp 23 Prozent einen fast doppelt so hohen Ausländeranteil aus wie Berlin (mit 13 Prozent). Dass die Schweizer Stadt oft internationaler anmutet als die deutsche Metropole, rührt indes auch daher, dass die Ausländer, die in Zürich leben, meist besser integriert sind, einiges zum Wohlstand Zürichs beitragen und folglich die Gesellschaft stärker mitgestalten.

Auf die Frage, was die beiden Städte denn unterscheide, antworten Berliner in der Regel, Zürich sei so geordnet und sauber. Im Gegensatz zu Berlin ist Zürich eine reiche Stadt. In Zürich kann man gut leben und die sozialen Probleme ignorieren, die es natürlich auch hier gibt. In Berlin wird man dagegen unweigerlich mit den sozialen Spannungen und den finanziellen Sorgen der wiedervereinigten Stadt konfrontiert. Ich muss gestehen, dass ich mich auch nach Jahren noch nicht an den maroden Zustand von Berliner Schulen oder Schwimmbädern gewöhnt habe und mich dieser immer wieder neu schockiert. Zürich ist als wohlhabende Stadt sehr auf Äußerlichkeiten bedacht. Als Zürcherin nahm ich anfänglich irritiert zur Kenntnis, dass nicht wenige Berliner in Jeans ins Theater gehen. Mittlerweile habe ich diese Berliner Aversion gegen alles Aufgebrezelte schätzen gelernt. Schließlich sagt es über das kulturelle Interesse noch nichts aus, wie jemand angezogen ist.

So beruhigend Zürichs Prosperität sein kann, auf viele wirkt die damit einhergehende Leistungsgesellschaft beengend. Nicht, dass der Berliner einem nicht auch gerne bei jeder Gelegenheit sagt, was man zu tun oder zu lassen habe. Die soziale Kontrolle in der Zwinglistadt funktioniert diskreter, dem Schweizer sind unverblümte Aussagen zuwider. Hier gibt es eine Art demokratisch festgelegten Idealzustand, oder um es mit dem Zürcher Schriftsteller Gottfried Keller zu sagen: „ein verborgenes, behagliches Gesumme“, nach dem man sich zum Vorteil richtet.

Nach Berlin kommt man, um sich zu finden, nach Zürich geht, wer schon etwas ist: Schweizer Kreative suchen in Berlin das Gesellschaftslaboratorium, deutsche Ärzte entfliehen dem deutschen Gesundheitssystem nach Zürich. Eigentlich kann man Berlin derzeit nur schwer mit anderen Städten vergleichen: Aufgrund seiner dynamischen Entwicklung seit der Wende, und weil Berlin wie keine andere Stadt für die Geschichte des 20. Jahrhunderts steht.

Lässt man diesen historischen Aspekt einmal beiseite, dann sind sich Zürich und Berlin in ihrer Lebensqualität sehr ähnlich. Beide Städte sind ausgesprochen urbane Metropolen mit einer Vielfalt von städtischen Lebensräumen und ausgeprägten Kiezkulturen. Beide erlauben die unterschiedlichsten Entwürfe städtischen Lebens. Und beide sind Szenestädte: Hier wie dort gibt es eine Partyszene, eine Schwulenszene, eine Modeszene, eine Jugendszene, eine Graffitiszene, Szeneviertel und Szenelokale.

Das Einzigartige an Zürich – direkt am See vor Alpenkulisse – ist seine Lage. Setzt man sich im Sommer an die Uferpromenade, wo sich die Berufstätigen in der Mittagspause zum Picknick treffen, dann wird einem klar, welche Fehlplanung der Berliner Spreebogenpark mit seiner ernüchternden, leer gefegten Landschaftsarchitektur darstellt. Es gibt kaum Metropolenbewohner, die im Sommer näher am Wasser leben als die Zürcher. Zur „Limmatstadt“ gehört der seltsame Kontrast zwischen der geschäftigen Bahnhofstraße und den nur wenige Minuten entfernt gelegenen, idyllischen Badeanstalten an See und Fluss. Von Berlinern werde ich oft gefragt, ob ich denn hier nichts vermisse. Am ehesten wäre es wohl dieses mediterrane Zürichgefühl, inklusive der kulinarischen Nähe zu den italienischen, französischen und österreichischen Nachbarn. Aber eigentlich vermisst man ja als Zürcherin in Berlin nichts, nicht einmal die Berge: Das flache Land schenkt einem einen weiten Horizont, den man sich in der Schweiz meist erst verdienen muss, indem man irgendwo hochsteigt.

Im Allgemeinen droht der Zürcher über seiner vorbehaltlosen Zuneigung zu Berlin ganz zu übersehen, dass in der deutschen Hauptstadt vor allem Deutsche leben. Die Anziehungskraft Berlins lässt ihn auf fast schon wundersame Weise das historisch begründete „reizbare Misstrauen gegen Deutschland“ vergessen, das Ricarda Huch einmal konstatierte, die übrigens bereits im Jahr 1891 ihr Studium in Zürich mit der Promotion abschloss, zu einer Zeit, als den Frauen in Deutschland der Zugang zu den Hochschulen noch verwehrt war. Die große Liebe der Zürcher zu Berlin ist also über alle engen wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen der beiden Städte hinaus erst einmal an sich ein bemerkenswertes Phänomen. Aber eigentlich bleibe der Zürcher ja am liebsten in seiner Stadt, erklärte mir eine Berlinerin, die in Zürich studiert, und fügte hinzu, dass daraus auch eine gewisse Arroganz gegenüber anderen Lebensbedingungen und Lebenswelten resultiere. Daran musste ich denken, als Friedbert Pflüger kürzlich dem Regierenden Bürgermeister im Rededuell vorgeworfen hat, noch nie aus Berlin herausgekommen zu sein, während er selbst „schon in anderen Städten und sogar im Ausland gelebt“ habe. Wowereit hat darauf geantwortet: „Das hätte ich auch, wenn ich in Hannover geboren wäre.“ Ein Zürcher hätte das nie so gesagt, aber gedacht hätte er so ähnlich.

Die Autorin ist Berliner Kulturkorrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung und Autorin des Buches „Das Haus im Nachbarland – Die Schweizerische Botschaft im Berliner Regierungsviertel“.

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