Zeitung Heute : Zwei Schritte vor, einen zurück

Antje Sirleschtov

Die Debatte über eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewinnt an Fahrt. Wie kommt es, dass auch nach sechs Jahren Rot-Grün die Gleichstellung von Frauen in vielen Bereichen nicht verwirklicht ist?

Die rot-grüne Koalition hat sich vor sechs Jahren auf ihre politische Agenda geschrieben, die Gleichstellung von Frauen voranzubringen und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erreichen. Ein Fazit fällt zwiespältig aus. Deutschlands Frauen liegen auch heute noch im europäischen Vergleich zurück. Das liegt nicht allein an der Politik. Nach wie vor sind Frauen in Spitzenpositionen der Wirtschaft Einzelfälle, verdienen im Schnitt nur zwei Drittel dessen, was Männer in vergleichbaren Positionen erreichen. Väter, die ihre Arbeitszeit wegen der Familienplanung reduzieren, wie in skandinavischen Ländern, sind eher Ausnahmen. Auch ist es noch nicht selbstverständlich, dass ab dem frühesten Alter Kinderbetreuungsmöglichkeiten wie in Frankreich vorhanden sind.

In der rot-grünen Regierungszeit hat sich aber ein Wandel vollzogen, dessen Auswirkungen nicht sofort, aber über einige Jahrzehnte hinweg positiv sind: Das deutsche Frauenbild löst sich vom Familienbild. Aus Hausfrauen werden Mütter mit eigenen beruflichen Ambitionen. Aus vermeintlich karrieresüchtigen Rabenmüttern werden Frauen, denen sich die Gesellschaft verpflichtet fühlt.

Auf der Habenseite rot-grüner Frauenpolitik steht die Initiative zur Schaffung von Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Familienministerin Renate Schmidt lässt außerdem die Einführung eines Elterngeldes prüfen, das vom Einkommen abhängig wäre. Zum einen würde damit das Kinderkriegen für Akademikerinnen attraktiver, zum anderen hätten auch Männer, die besser verdienen, einen Anreiz, eine Zeit lang zu Hause zu bleiben. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nach Ansicht von Ministerin Schmidt aber nicht nur Aufgabe der Politik. Schmidt spricht deshalb mit ihrer Netzwerkinitiative Familie und Beruf Lokalpolitiker und Unternehmer an, sich mit der Frage zu beschäftigen. Betriebe müssten familienfreundlicher werden, forderte sie am Wochenende vor dem heutigen Gespräch von Regierung, Gewerkschaften und Unternehmern zur Familienpolitik bei Bundespräsident Horst Köhler..

Das Teilzeitgesetz, eine rot-grüne Regelung der vergangenen Amtszeit, und die Regelungen für Minijobs haben bereits jetzt dazu geführt, dass Frauen insbesondere im Dienstleistungsbereich, wo sie traditionell höhere Beschäftigungsanteile erreichen, verstärkt berufliche Chancen wahrnehmen können. Als Beleg dafür gilt vielen, dass die Beschäftigungsquote von Frauen mittlerweile beinahe so hoch ist wie die von Männern – und in Berlin sogar höher liegt. Allerdings hat sich die Zahl der insgesamt gearbeiteten Stunden von Frauen in Deutschland damit nicht erhöht. Und noch ein Wermutstropfen: Weil nach Untersuchungen des Rheinisch Westfälischen Instituts doppelt so viele Frauen wie Männer im Niedriglohnbereich tätig sind, steigt für sie das Risiko, im Alter finanziell nicht ausreichend abgesichert zu sein.

Nach Ansicht der Hamburger Grünen-Politikerin Katja Husen, die sich im Bundesvorstand ihrer Partei mit Frauenpolitik befasst, vollzieht sich der Geschlechterkampf direkt im Bundeskabinett. Auf der einen Seite engagierte Frauenpolitikerinnen wie Renate Schmidt (SPD) und Renate Künast (Grüne), auf der anderen Seite – die Männer. Ihnen, wie Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) und Innenminister Otto Schily (SPD) wirft Husen vor, sich immer wieder gegen wichtige gesetzgeberische Maßnahmen der Gleichstellungspolitik zu sperren. So geschehen beim Gleichstellungsgesetz für die Wirtschaft, das Clement verhindert hat, weil es aus seiner Sicht die Bürokratie für die Unternehmen vergrößert hätte.

Auch die Hartz-IV-Reform am Arbeitsmarkt bietet nach Ansicht von Wissenschaftlern Männern und Frauen nicht gleiche Chancen. Laut einer Untersuchung der Freien Universität in Berlin bekommen viele Paare kein Arbeitslosengeld II, weil das Einkommen des Ehepartners – in den meisten Fällen der Männer – zu hoch ist. Die Folge: In der Regel werden die Frauen nicht nur finanziell voll von ihren Partnern abhängig sein. Sie werden sich künftig, so nehmen die Autoren der Studie an, auch nicht mehr arbeitslos melden und scheiden somit über kurz oder lang ganz aus dem Erwerbsleben aus.

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