Zeitung Heute : Zwei Spiele, vier Pechögel

PARIS .Das WM-Spektakel von Frankreich hat schnell seine ersten tragischen Figuren gefunden.Tom Boyd und Youssef Chippo als Torschützen auf der verkehrten Seite, Dan Eggen als geknickter "Wikinger" und Marokkos Torwart Driss Benzekri als zwölfter Norweger hatten das Pech gepachtet."Es war das schlimmste Gefühl, das ich je in meinem Leben hatte, als der Ball von meiner Schulter ins Tor trudelte", klagte Schottlands Unglücksrabe Boyd deprimiert.Erst sein Selbsttor ermöglichte Weltmeister Brasilien im Eröffnungsspiel den glücklichen 2:1-Sieg und setzte Schottlands "schwarze Serie" bei WM-Endrunden fort: Auch im achten Anlauf droht das schnelle Aus.

In schwarzen Blazern, grün-blauen Kilts und weißen Socken kamen Boyd und Co.aus der Kabine.Untröstlich über den Fauxpas, für den er gar nichts konnte, stapfte Boyd an der Stätte der persönlichen Schmach durch die Katakomben.Trost gab es zuhauf, doch es regierte auch der Spott."Tom hat wohl nicht gemerkt, daß bei Halbzeit die Seiten gewechselt wurden", meinten einige bierselige "Braveheart"- Fans.Doch auch aufmunternde Worte von Mitspielern konnten ihn kaum aufrichten.Zu tief saß der Stachel der Depression, vor 80 000 Zuschauern im Stade de France und zwei Milliarden TV-Sehern weltweit zum zweifelhaften Ruhm als erster WM-Siegtorschütze gekommen zu sein.

"Es ist bitter, daß ausgerechnet einem vorbildlichen Profi wie ihm ein solches Mißgeschick passiert", sagte Coach Craig Brown über Boyd, der auf Grund seiner Verdienste im Vorjahr mit einem Platz in der "Hall of Fame" belohnt wurde.

Ein sogar "wunderbares Eigentor" - so die kroatische Zeitung "Vecernji List" - unterlief keine drei Stunden später Marokkos Chippo, der das Leder rein- statt rausköpfte."Meine Mitspieler haben mich getröstet und wieder aufgebaut.Aber es war wirklich schwer, den Kopfball zu setzen", sagte der Mittelfeldakteur vom FC Porto.Eigentlich schuldig am 2:2 gegen Norwegen war allerdings Schlußmann Benzekri: Der 27jährige von RS Settat erwies sich als wahrer Fliegenfänger, der die Gefahr durch das sich nähernde runde Leder nicht zu bändigen vermochte."Schuldzuweisungen wird es nicht geben", nahm Chippo seinen Keeper trotz der beiden Gegentreffer in Schutz.

Völlig hin- und hergerissen war Eggen.Der routinierte Abwehrcrack vom spanischen Erstligisten Celta de Vigo war sogar an drei Toren maßgeblich beteiligt.Den wichtigen 2:2-Endstand markierte er selbst, doch das war für den deprimierten Norweger nur ein schwacher Trost."Ich weiß, daß ich an beiden Gegentoren mitschuldig bin, so Eggen frustriert.Im Gegensatz zu seinen drei Leidensgenossen mußte er sich auch offene Kritik seiner Kollegen anhören.So sagte Werder Bremens Stümer Havard Flo klipp und klar: "Eggen ist normalerweise ein guter Abwehrspieler, aber da hätte er zweimal besser stehen müssen."

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