Zeitung Heute : Zwei Tage im April

45000 Gefallene lagen vor 60 Jahren auf den Seelower Höhen. Ursula Fischer hat geholfen, sie zu begraben

Nana Brink[Seelow]

Diesen Ort, sagt Ursula Fischer, wird sie nie vergessen. Mehr noch den Geruch. Die 80-jährige Dame spaziert an diesem Frühlingsnachmittag auf dem Oderdeich ihres Heimatdorfes Sydowswiese – knapp zwölf Kilometer von Seelow entfernt. Zartgrün erstrecken sich die Oderwiesen bis zum trägen grauen Fluss. Wie im Mai 1945, da stand das Gras schon sehr hoch; es war ein warmes Frühjahr, „wärmer als heute“. Ursula Fischer zieht ihren Mantelkragen zusammen und deutet auf ein paar Weidenbäume. „Da hinten, da haben wir sie gefunden.“ Sehen konnte man sie nicht mehr, „es war ja schon Gras darüber gewachsen“, aber riechen.

Als die damals 20-Jährige unmittelbar nach dem Ende des Krieges mit ihrer Mutter in das Dorf im Oderbruch zurückkehrte, lagen auf den Wiesen, auf der Straße, in den Häusern, „einfach überall“, noch die Toten einer der verlustreichsten Schlachten auf deutschem Boden. „Sie lagen da, wie sie gestorben sind, und ich kleines Mädel musste sie begraben.“ Die zarte alte Dame blickt fast ein wenig ungläubig: Sie sind wieder da, die Bilder von damals.

Es sind Bilder und Geschichten, von denen lange keiner etwas wissen wollte. Die festungsgleiche „Gedenkstätte der Befreiung“ in Seelow beschäftigte sich zu DDR-Zeiten ausschließlich mit dem „ruhmreichen Sieg der Roten Armee über den faschistischen Feind“ auf den Seelower Höhen Mitte April 1945. Erst nach der Wende sprach man auch von den toten deutschen Soldaten. Für die Bewohner der Oderbruchdörfer jedoch, über die der Krieg hinwegrollt war, gab es keinen Erinnerungsplatz; dabei begann in diesem Landstrich der eigentliche Überlebenskampf, als die Waffen längst schwiegen. Durch Hunger und Seuchen geschwächt, starben nach Schätzungen noch bis Ende 1945 über 10000 Einheimische.

Zum 60. Jahrestag werden nun mehrere Tafeln in der Gedenkstätte daran erinnern. „Endlich“, sagt Seelows Bürgermeister Udo Schulz. Überall, wo er in diesen Tagen hinkommt, sprechen die alten Seelower vom Kriegsende, von ihrem Kriegsende. Auf der Straße hält ihn ein alter Mann an, erzählt seine Geschichte als 16-jähriger Flakhelfer und schüttelt dem Bürgermeister die Hand: „Hier in dieser Straße habe ich meine Jugend verloren.“

„Ich hatte einen Schutzengel“, sagt Ursula Fischer und stellt sich ein wenig in die Sonne am Sydowswieser Oderdeich. Hier über die Felder ist sie im Januar 1945 gelaufen, „mit Scharlach in den Gliedern“. Über ein Jahr hatte sie da schon in der Heeresmunitionsanstalt in Sonnenburg, heute Slonsk, Zünder in Luftabwehrraketen geschraubt. Eigentlich sollte sie ins Lazarett nach Küstrin, „doch da wollte mich keiner mehr, die Front war schon so nah“.

Als Ursula Fischers Vater mit dem Fahrrad Ende Januar an die Oder fährt, um Brennholz zu holen, und mit der Nachricht zurückkehrt, er habe sowjetische Soldaten gesehen, halten ihn alle für verrückt. „Damals haben wir doch der Goebbelsschnauze geglaubt, die Front sei noch weit weg.“ Doch die Radionachrichten lügen: Am 31. Januar errichtet die Rote Armee den ersten Brückenkopf auf dem westlichen Oderufer in Kienitz. „Ich sehe noch heute das Entsetzen auf den Gesichtern meiner Eltern.“ Kurze Zeit später kommt der Evakuierungsbefehl. Ein Schlitten, ein Kissen, einen Koffer – „die Tiere mussten wir ja zurücklassen“. Ursula Fischer hüllt sich fester in ihren Mantel. Es ist kühl auf dem Deich.

In den frühen Morgenstunden des 16. April 1945 gibt Marschall Schukow das Startsignal für die so genannte Berlin-Offensive. Zwei Monate lang hat die Rote Armee an ihrer 1. Belorussischen Front alles zusammengezogen, was an Reserven übrig war: 22000 Geschütze, 4000 Flugzeuge und 3000 Panzer. 908000 sowjetischen und polnischen Soldaten stehen 200000 deutsche Wehrmachtssoldaten und Volkssturmleute gegenüber. Es dauert zwei Tage, bis die Angreifer den Höhenzug bei Seelow überwunden haben. Der Weg nach Berlin ist frei.

Zurück bleiben über 33000 tote Rotarmisten und 12000 gefallene deutsche Soldaten. Für ihre Bestattung lässt der Krieg keine Zeit. In 24 Stunden fegt die Front über die Dörfer im Oderbruch hinweg. In manchen Orten steht kein Haus mehr. Die Felder sind von 90000 Tonnen Artilleriemunition verwüstet, die Oderwiesen vermint, auf den Straßen reihen sich die ausgebrannten Panzer.

„Ich hab mein Seelow nicht mehr wiedererkannt.“ Der damals achtjährige Horst Seelig und seine Mutter gehören zu den Ersten, die Anfang Mai nach Seelow zurückkehren. Das Haus des Klempnermeisters August Seelig in der Frankfurter Straße steht noch, nur die Werkstatt ist zerstört. Im Hausflur, wo heute Seeligs Urlaubsfotografien hängen, stapeln sich im Mai 1945 noch die Panzerfäuste der deutschen Landser, „denn vor dem Haus war eine Panzersperre“. Sie muss hart umkämpft gewesen sein, „wir sind über die Toten ins Haus gestiegen“. Eine Erinnerung, die den 68-Jährigen bis heute nicht loslässt. Die gefallenen sowjetischen Soldaten werden im Mai auf einem Friedhof in der Nähe bestattet; die deutschen, bis auf wenige Ausnahmen, an Ort und Stelle verscharrt.

„Man könnte auf den Seelower Höhen einfach ein großes Kreuz aufstellen“, findet Gerd-Ulrich Herrmann. Wenn das so einfach wäre. Herrmann leitet die Gedenkstätte Seelower Höhen, die schon 1945 von den Sowjets als „Gedenkstätte der Befreiung“ eingerichtet wurde. Monumental erhebt sich ein Rotarmist auf seinem Steinsockel und blickt über die Oderwiesen, umringt von Gräbern sowjetischer Gefallener. Ganz am Rande, fast schon in den Büschen, findet sich ein Kreuz mit kyrillischen Buchstaben, „aber das ist erst ein paar Jahre alt“, erklärt Herrmann. „Deutsche Namen werden Sie hier nicht finden.“ Das gehe nicht, wegen des Denkmalschutzes. Er blickt etwas gequält: Die Bundesrepublik Deutschland hat sich 1990 verpflichtet, die sowjetischen Gedenkstätten im Originalzustand zu erhalten.

Allerdings hat sich im Schatten des Rotarmisten ein weitreichender Gesinnungswandel vollzogen. In dem bunkerähnlichen Museum, wo früher allein die „siegreichen Taten“ der Roten Armee verkündet wurden, wird jetzt ganz nüchtern der Kriegsverlauf dargestellt. Zwischen Panzerfäusten, Kalaschnikows und Stahlhelmen findet sich nun auch das bislang verdrängte Kapitel der Schlacht um die Seelower Höhen: das Leiden der Zivilbevölkerung. Die Einwohnerzahl der Stadt Seelow sank von 2550 vor dem Krieg auf 114 nach Kriegsende.

„Die Narben sieht man heute noch“, erzählt Ursula Fischer und schaut auf die kleinen geduckten Ackerhäuschen, die an der einzigen Dorfstraße von Sydowswiese stehen. Die eingeschossigen Häuser sind ein bisschen bunter als früher, ein paar haben noch die Einschusslöcher, viele stehen leer. Ihr Elternhaus wurde abgerissen, aber der Hof von Bauer Klaus Brauer steht noch. Der kleine, verschlossen blickende Mann lächelt plötzlich, als er auf Ursula Fischer zuradelt. Als 17-Jährige musste sie auf dem Hof der Brauers ihr Pflichtjahr absolvieren. Nach dem Krieg „haben wir noch deine Katze auf dem Hof gefunden“, lacht Ursula Fischer. Die Katze, „ja, das war das einzige Vieh, was noch da war“, sagt Bauer Brauer. Dann nickt er kurz in Richtung der Felder und schüttelt mit dem Kopf. Monatelang können sie im Frühjahr 1945 nicht auf die Felder. Zwei Männer aus dem Dorf treten vor seinen Augen beim Pflügen auf eine Mine – zwölf Jahre ist er da alt.

Spätestens da wird Ursula Fischer klar, „dass wir auf einem Pulverfass lebten“. Zusammen mit den anderen Frauen im Dorf muss sie die Felder für die sowjetischen Minenräumer abstecken. Sie erlebt, wie einem Soldaten durch eine Mine ein Bein zerfetzt wird, sie fährt ihn auf einem Pferdewagen ins Lazarett, aber er stirbt unterwegs. Sie hält noch seine Hand. „Das war am 9. Juni, das werde ich nie vergessen. Manchmal hab ich mich gefragt, was hat er wohl gedacht, als er da so lag und sterben musste.“ Und es ist ihr egal, welche Uniform er trug.

Das sind die Geschichten, die Gedenkstättenleiter Gerd-Ulrich Herrmann gerne in seinem Museum öffentlich machen möchte. Er ist überrascht, wie viele sich plötzlich bei ihm melden und erzählen wollen. „Da bricht etwas auf.“ Herrmann will sich nun auf die Befragung der wenigen verbliebenen Zeitzeugen konzentrieren, sie auch filmisch festhalten, „denn zu uns kommen viele junge Leute, die auch von den Großeltern nichts mehr über den Krieg erfahren haben“.

Ursula Fischer hat sich vorgenommen, die ganze Wahrheit zu erzählen. Schon zu DDR-Zeiten hat die ehemalige Parteisekretärin gern mal etwas Unbequemes gesagt. Daran hält sie gerade heute fest, wenn es um ihre Erfahrungen mit den sowjetischen Besatzern geht. Kurz nach ihrer Ankunft in Sydowswiese im Mai 1945 schenkt ihr ein Rotarmist ein Feuerzeug. „Der muss gedacht haben, ich spinne, weil ich ihn angehimmelt und immer Feuer, Feuer gesagt habe.“ Seit Wochen suchen sie im Dorf nach Streichhölzern, und plötzlich brennt wieder der Ofen, es gibt eine warme Suppe und „ich konnte mir die Läuse mit warmen Wasser abspülen“. Das ganze Dorf kommt zusammen, um bei Ursula Fischer Glut zu holen. „Da fangen Sie wieder an zu leben“, sagt sie und dreht sich in der Sonne auf dem Oderdeich. „Ohne solche Erfahrungen hätte ich das alles vielleicht gar nicht überlebt.“

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