Zeitung Heute : Zwei Wunder sind eins zu viel

Hartmut Scherzer

Weißrussland hatte es mit dem sensationellen 4:3-Sieg gegen Schweden vorgemacht: Unschlagbar gegen die Kleinen sind die Großen nicht. "Wunder passieren selten", sagte Franz Reindl, der deutsche Team-Manager, "und wenn überhaupt, dann nur einmal am Tag." Das zweite Wunder an diesem Viertelfinaltag des olympischen Eishockey-Turniers ist also ausgeblieben: Deutschland verlor gegen die USA im E-Center von Salt Lake City 0:5 (0:1, 0:4, 0:0). "Wir sind immerhin Fünfter", sagte Reindl. Und damit in bester Gesellschaft mit Schweden und Tschechien, den beiden Olympiasiegern von Lillehammer und Nagano. Denn die Plätze fünf bis acht werden ja nicht ausgespielt.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Es klingt kurios, ist aber wahr: Am besten waren die Deutschen, als sie am wenigsten Spieler auf dem Eis hatten. Im ersten Drittel hat die Mannschaft Hans Zachs fast nur in Unterzahl gespielt, zweimal sogar drei gegen fünf. Da fiel denn zwar zwangsläufig aber nur das 0:1 durch Jeremy Roenick. Wegen eines Stockschlags ins Gesicht von John Leclair mit Verletzungsfolge musste Verteidiger Erich Goldmann für fünf Minuten auf die Strafbank und für den Rest des Spiels vom Eis verschwinden. "Zu kleinlich" - wie Kapitän Jürgen Rumrich kritisierten auch andere die Entscheidungen des schwedischen Schiedsrichters Ulf Radbjer. "Dumme Fouls, die nicht passieren dürfen", sagte hingegen der NHL-Profi Marco Sturm zu den unnötigen Ruppigkeiten. "Wegen des Schiedsrichters haben wir jedenfalls nicht verloren", sagte Bundestrainer Hans Zach.

Ohne eiserne Disziplin und einen starken Torhüter ist kein Eishockeyspiel auf höchstem Niveau zu gewinnen. Marc Seliger, Held der Qualifikation, hatte einen schwachen Tag und wurde nach dem fünften Treffer von Robert Müller abgelöst. Im zweiten Drittel seien sie "auseinander gefallen", bekannte Dennis Seidenberg. Chelios, Amonte, Leclair und Hull schossen in schneller Folge die Tore, wobei das entscheidende 3:0 einem Break "zwei gegen eins" folgte. Hans Zach tobte hinter der Bande über so viel Leichtsinn. "Da haben wir die Geduld verloren. Das durfte nicht passieren."

Die Statistik der Schüsse aufs Tor belegt, dass die Deutschen den Amerikanern keinesfalls derart unterlegen waren, wie es das 0:5 vermuten lässt. Die deutschen Chancen machte der überragende Torhüter Mike Richter zunichte: 28 Schüsse, alle 28 abgewehrt. Auch Robert Müller (9-9) blieb ohne Gegentreffer, nachdem er in der 32. Minute nach dem fünften Treffer Seliger abgelöst hatte. "Mit dem 0:0 im letzten Drittel haben wir Charakter gezeigt", sagte Stefan Ustorf.

Nun fliegen die Deutschen von einem Olympiaturnier, in dem sie sich wider Erwarten wacker geschlagen haben, heim in den grauen Alltag der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Schon am Sonntag geht es weiter. "Der Erfolg bei Olympia wird der Motivation in der DEL sicher nicht schaden", sagt Christian Erhoff und hofft, "dass sich die Leistung der Nationalmannschaft über die nächsten Jahre stabilisiert". Zachs Fazit fiel "sehr, sehr positiv" aus: "Die Spieler haben Eishockey in Deutschland wieder in den Blickpunkt gerückt." Vielleicht hätten die Deutschen das Wunder geschafft, wenn nicht vorher das Wunder geschehen wäre. "Weißrussland war wie ein Weckruf für uns", sagte der US-Coach Herb Brooks.

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