Zeitung Heute : Zwei Zuschauer für Millionen

Markus Schönmann

Wie die Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg die Fernsehquoten erhebtMarkus Schönmann

Morgens, halb zehn in Deutschland. Während die Schulkinder in ihre Schnitte beißen, blicken Deutschlands Fernsehschaffende gespannt auf ihren Computer: Wie sind die Einschaltquoten des vergangenen Tages? Für viele von ihnen eine existenzielle Frage. Mehr als 13 Milliarden Mark an Werbegeldern werden im Jahr im deutschen TV-Business eingenommen. Die Quoten, in der Branche "Ratings" genannt, liefern den Schlüssel für die Verteilung des Geldes. Damit lässt sich die Arbeit von ca. 6500 Mitarbeitern in den privaten Sendern und 17 000 in den öffentlich-rechtlichen auf ein zentrales Kriterium reduzieren. Regisseure, Grafik-Designer, Maskenbildner, Buchhalter, Sendetechniker - sie alle werden, mehr oder weniger direkt, von der Quote regiert. Grund genug, sich einmal nach den Menschen zu erkundigen, die tatsächlich durch Ein-, Um- oder Ausschalten ihre Wahl treffen und somit über kommerziellen Erfolg bzw. Misserfolg von Programmen bestimmen.

In 5200 repräsentativ ausgewählten deutschen Haushalten misst die Nürnberger "GfK Fernsehforschung" den täglichen TV-Konsum. 12 000 Menschen, stellvertretend für 80 Millionen Bundesbürger. Auf diese Informationen stößt man schnell bei der Recherche. Die Frage "Können Sie einen der Haushalte für ein Interview nennen?" ist allerdings genauso schnell durch den Chef der GfK beantwortet: "Nein!", sagt Michael Darkow (49) und man merkt, er meint das kategorisch. Das ausgeklügelte Messsystem steht und fällt mit der Solidität seiner Ergebnisse.

Und die Anonymität der Haushalte ist grundlegende Voraussetzung dafür. So lassen sich nur auf Umwegen die gewünschten Gesprächspartner finden: Zwei Haushalte, noch bis vor kurzem im Panel. Beide in Baden-Württemberg, der erste in Leonberg bei Stuttgart, der zweite in Baden-Baden. Heute sind sie nicht mehr "aktiv" und können daher Auskunft geben, ohne gegen die Vertraulichkeitsverpflichtung zu verstoßen. Hinter der Leonberger Anschrift verbirgt sich ein Hochhaus aus den 70er Jahren. Als sich die Tür öffnet, ist ein rundlicher, blonder Mann mit angegrautem Vollbart zu sehen. Johann Drewniok, 51 Jahre alt, trägt bequeme Freizeitkleidung. "Um 13 Uhr 30 muss ich weg zur Arbeit", zu Daimler-Chrysler ins Ersatzteillager, wie sich herausstellt. Vorher beantwortet er die Fragen gern. Das Wohnzimmer ist auf den Fernseher ausgerichtet, zwei schwere, weiche Couchen, ein Sessel und ein dunkles Nussbaum-Sideboard. Darauf die Unterhaltungselektronik: links die "Premiere"-Box und ein VHS-Rekorder, dann der Fernseher und rechts die Stereoanlage. Johann Drewniok ist 1977 zusammen mit seiner Frau Danuta aus Schlesien nach Deutschland gekommen. Zwei Söhne haben die beiden, bereits erwachsen und aus dem Haus. Der Fernsehkonsum im Hause Drewniok ist klar organisiert. "Alleine macht meine Frau das Gerät nie an und häufig liest sie in der Küche, während ich hier sitze." Er selbst ist dagegen leidenschaftlicher Fernsehzuschauer. Fünf Jahre lang waren sie im Panel. Im Schrank versteckt stand der schwarze Kasten mit dem eigentlichen Messgerät. Auf dem Fernseher außerdem ein kleines Display, das die Uhrzeit, das eingeschaltete Programm und die Leute anzeigte, die sich per Fernbedienung als Zuschauer angemeldet hatten. Das "GfK-Meter" wurde per Computer vollautomatisch jede Nacht aus Nürnberg abgefragt. "In standardisierten Berechnungsverfahren werten wir die Daten dann aus und bereiten sie auf", so Darkow.

Warum nimmt Johann Drewniok an diesem Verfahren teil? "Warum nicht?", lautet seine einfache Gegenfrage. Die finanzielle Entschädigung kann auf jeden Fall nicht das entscheidende Motiv gewesen sein. Gerade einmal 15 Mark überweist die GfK pro Monat. Damit sollen Stromkosten und anfallende Telefongebühren abgedeckt werden. Außer dem Sport sieht Johann Drewniok gerne Spielfilme und "Akte X" auf Pro Sieben. "Die Nachrichten am liebsten bei RTL, meistens das Nacht-Journal, wenn ich von der Schicht nach Hause komme." Typisch scheint er für seine Altersklasse nicht zu sein. Doch die GfK wählt auch nicht nach den TV-Gewohnheiten aus. "Soziodemographische Kriterien werden berücksichtigt", so Darkow. Außerdem sei auch wichtig, ob die Programme per Kabel, Dachantenne oder Satellit empfangen werden. Auftraggeber der GfK ist die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF), in der sich die Sender ARD, ZDF, Pro Sieben, RTL und Sat 1 zusammengeschlossen haben. Im Dezember 1999 hat die AGF den Vertrag mit der GfK bis 2004 verlängert und zusätzlich eine Option für zwei weitere Jahre vereinbart. Etwa 26 Millionen Mark lassen sich die Sender die Quotenermittlung pro Jahr kosten.

Der zweite Quotenmacher lebt in Baden-Baden: ein altes villenartiges Anwesen mit Architekturbüro im Erdgeschoss, die private Wohnung direkt darüber. Eine Mitarbeiterin öffnet und führt in den Besprechungsraum. "Der Chef kommt gleich." Der Chef heißt Peter Kruse, ist 35 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder: Friedrich (7) und Katharina (2). Der Mann, der tatsächlich gleich darauf ins Besprechungszimmer kommt, ist so ziemlich das genaue Gegenstück von Johann Drewniok: schlank, schwarze Haare, Markenkleidung. Vor zwei Jahren hat er sich als Architekt selbstständig gemacht, fünf Mitarbeiter insgesamt. Seither fehlt häufig die Zeit, für die Freizeit, den Urlaub und auch fürs Fernsehen. "Vier Jahre waren wir mit dem Gerät ausgestattet." Als eine Renovierung anstand, sind Kruses dann wieder ausgestiegen - "keine Lust mehr".

Vom Fernsehen, das macht Peter Kruse schnell klar, hält er nicht allzu viel. "Wenn ich das Gerät anhabe, dann meistens, um den Videotext zu lesen oder für zehn Minuten Zapping zum Einschlafen." Seit sein Computer ans Internet angeschlossen ist, nutzt er dieses Medium auch wesentlich stärker und vernachlässigt dafür die "Glotze". Im privaten Wohnzimmer von Kruses setzt sich der Stil des Architekturbüros fort: Ledersitzmöbel im Bauhaus-Stil, ein antiker Schrank, eine Liege und ein langes Metall-Regal. Darauf ein schwarzer Design-Fernseher und der Videorekorder. Warum sie ausgerechnet ihn als Panelhaushalt ausgewählt haben, ist Peter Kruse daher auch mehr als schleierhaft.

"Einmal kamen 14 Tage von uns keine Daten, da meldete sich prompt die GfK und fragte, ob wir vergessen hätten, einen Urlaub anzumelden. Wir hatten schlicht und einfach nicht ferngesehen!" Alle Vierteljahr bekommen die Haushalte Post aus Nürnberg, eine eigene kleine Zeitung für Panelteilnehmer mit Hinweisen zum richtigen Umgang mit Messgerät und Fernbedienung, außerdem Formbriefe, Fragebögen und eben Postkarten, um längere Abwesenheiten anzukündigen. Bei den täglichen Auswertungen der Daten im GfK-Rechenzentrun laufen Fehlersuchprogramme und dabei fiel zum Beispiel der Haushalt Kruse mit seinen datenlosen Tagen auf.

Zurück zu Peter Kruse: Wenn er dann gelegentlich doch mal zum Fernsehen kommt, dann sieht er am liebsten Nachrichtensendungen, Sport oder einen spannenden Film. "Wenn die privaten Sender wieder mal gleichzeitig in den Werbeblock gehen", so Peter Kruse, "dann schalte ich natürlich zu ARD und ZDF." Videotext nutzt er gerne auf Pro Sieben, denn der "liefert aktuelle Wirtschaftsinformationen und erspart den Kauf der Programmzeitschrift." Die Frage, ob man sich gelegentlich auch seiner Macht und Bedeutung als Repräsentativhaushalt bewusst sei, beantwortet Peter Kruse mit: "Ja, am Anfang. Da hat man schon mal auf Arte gedrückt. Schließlich machen die ein gutes Programm und das sollte man doch unterstützen."

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