Zeitung Heute : Zweifeln statt Gestalten

IBM-Manager kritisiert Computerskepsis der DeutschenDer Wirtschaftsstandort Deutschland läuft Gefahr, im Bereich Informationstechnologie ins Hintertreffen zu geraten.Dieses Fazit zog der IBM-Geschäftsführer Herbert Kircher in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.Er ist bei dem amerikanischen Computerhersteller für Forschung und Entwicklung in Deutschland zuständig.Seiner Meinung nach liegt Deutschland bei der Computerentwicklung im Rückstand."90 Prozent aller Computer, die in Deutschland installiert werden, wurden nicht hier produziert.Dies gilt auch für Software", sagte er. Als einen der Gründe nannte Kircher die Skepsis der Deutschen gegen moderne Technologien."Alle machen sich Gedanken über die mögliche Folgen der Technik und kaum einer arbeitet daran, sie mitzugestalten." Der Rückstand im Vergleich zu Ländern wie den USA, Japan, den "Tigerstaaten" oder den nordeuropäischen Ländern werde immer größer."Wir bestimmen nicht mit, sondern werden immer wieder durch neue Wellen wie das Internet überrollt", so sein Fazit. Die Branche habe in den vergangenen zehn Jahren in den USA ungefähr fünfmal soviel Arbeitsplätze geschaffen wie in Deutschland, erläuterte Kircher.Mittlerweile herrsche dort ein regelrechter Arbeitskräftemangel."Nach einer Studie der Information Technology Association sind in den USA 190 000 Stellen nicht besetzt." Auch in Deutschland werde es in absehbarer Zeit eng auf dem Arbeitsmarkt - dies aber aus anderen Gründen."Die Studentenzahlen im Informatik- und Ingenieurbereich sind in den letzten Jahren deutlich gefallen." Diesem Trend steht laut Kircher eine stark wachsende Zahl von Arbeitsplätzen im Bereich Telekommunikation, aber auch bei der Anwendungsentwicklung gegenüber. Hoffnung für Deutschland hat Kircher bei der fortschreitenden Digitalisierung.Auf diesem Gebiet könnte Deutschland nach seinen Worten eine führende Rolle übernehmen."Das Zusammenwachsen von Unterhaltungselektronik und Informationstechnologien ist eines der Wachstumsfelder der Zukunft." Verschiedene Geräte in einem Haushalt wie PC, Fernseher, Radios sowie Sicherheitssysteme, die bislang getrennt und unabhängig für sich stünden, wüchsen zusammen."Ein zentraler Rechner steht dann beispielsweise im Keller und steuert alle elektronischen Geräte im Haus." Ein weiterer wichtiger Bereich sei die Integration von Computern in Autos und Alltagsgeräte. IBM gehört laut Kircher zu den wenigen internationalen Computer- und Software-Konzernen, die in Deutschland forschen und entwickeln."Wir investieren hier mehr als alle ausländischen Konkurrenten zusammen." Im Gegensatz dazu seien viele Firmen wie Microsoft ausschließlich am Verkauf ihrer Produkte in Deutschland interessiert. Kircher ist Geschäftsführer der IBM Deutschland Entwicklung GmbH und Chef des Forschungs- und Enwicklungszentrums in Böblingen mit rund 1800 Beschäftigten.Dort sollen im laufenden Jahr weitere 50 Arbeitsplätze geschaffen werden.Die Konzernmutter in Armonk/New York investierte im vergangenen Jahr neun Milliarden DM in Forschung und Entwicklung, eine halbe Milliarde davon in Deutschland.Der Umsatz lag 1997 weltweit bei mehr als 140 Milliarden Mark.

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