Zeitung Heute : Zweitbestes Ergebnis nach Allensbach

KURT SAGATZ

Die Strategie des Gewinners hatte erst in zweiter Linie mit Wahlprognostik zu tun.Daß der Düsseldorfer für seinen Einsatz von 10 DM am Ende 58,50 DM erhält, hängt weniger damit zusammen, daß er den jeweiligen Parteien am Ende die richtigen Prozentwerte zugeordnet hat, sondern vor allem mit der geschickten Ausnutzung der Marktmechanismen der virtuellen Parteienbörse www.wahlstreet.de .Der Physiker machte sich die zum Teil extremen Kursschwankungen bei den "Grünen" und den "sonstigen Parteien" zunutze, in dem er die Gewinne aus kurzfristigen Engagements auch tatsächlich sofort einstrich - ein aus dem professionellen Börsenhandel durchaus bekanntes Verfahren.

Auch wenn aus Sicht des Spiels somit ein Händler gewonnen hat, der in erster Linie den Handel und erst in zweiter Linie die Politik im Visier hatte, kann sich auch das Ergebnis der Parteienbörse selbst sehen lassen.Mit einer durchschnittlichen Abweichung gegenüber dem endgültigen Wahlergebnis der Bundestagswahl von 0,75 Punkten liegt das Gemeinschaftsprojekt von Tagesspiegel und "Zeit" hinter den Meinungsforschern von Allensbach (0,37) an zweiter Stelle.Auch der "Wahlmarkt" - eine Einrichtung verschiedener Universitäten, die auf dem gleichen Verfahren wie Wahlstreet beruht - schnitt im Vergleich zu den Meinungsforschungsinstituten recht gut ab und belegte hinter infratest den vierten Platz.Die Genauigkeit des Ergebnisses kann dabei nicht nur an statistischen Kenndaten, sondern auch an den konkreten Prozentwerten abgelesen werden.Mit Ausnahme der Grünen, bei der die prozentuale Differenz immerhin 14 Prozent ausmachte, lagen die übrigen Abweichungen zwischen zwei und 6,8 Prozent.Für die Internetbörse wahlstreet.de war die Bundestagswahl bereits der dritte Einsatz nach den Wahlen in Niedersachsen und in Sachsen-Anhalt.In allen drei Fällen zeigte sich, daß die zu einem US-Präsidentschaftswahlkampf von der Universität Iowa ausgedachte Idee durchaus realistisch ist.Die Grundannahme hinter der Parteienbörse sagt aus, daß die Ergebnisse marktwirtschaftlichen Handels durchaus auf die politische Prognostik anwendbar sind, daß Angebot und Nachfrage also auch Auskunft über die Kräfteverhältnisse im politischen Raum geben können, auch wenn hinter der Motivation der Akteure wie im Fall von Wahlstreet vor allem auch das Ziel der Maximierung des eigenen Einsatzes steht.

Reich kann freilich von den Gewinnen der Wahlbörse niemand werden.Selbst den 58 DM des ersten Platzes müssen schließlich erhebliche Kosten für die Online-Kommunikation entgegengesetzt werden.Vor allen in den letzten Tagen vor der Wahl am Sonntag herrschte auf dem Server der Wahlbörse Hochbetrieb.Am Ende wies die Statistik 1,4 Millionen Besuche der rund 9500 eingetragenen Händler aus.Selbst aus den Reihen der Parteien wurde kräftig mitgehandelt, und zwar nicht, um die Kurse der eigenen Parteien künstlich in die Höhe zu treiben, wie das Beispiel eines Mitgliedes der Grünen-Wahlkampftruppe zeigte.Wenige Tage vor dem entscheidenden Urnengang tauschte dieser Händler sogar einen Teil seiner Grünen-Aktien gegen CDU-Papiere, da die Aktien seiner eigenen Partei zu diesem Zeitpunkte "erheblich überbewertet" gewesen seien, wie er gegenüber einem Fernsehsender ausführte.Wo es Gewinner gibt, fehlen natürlich auch in der Wahlstreet die Verlierer nicht.Den größten Verlust mußte übrigens ein BWL-Student hinnehmen, der seinen Einsatz von 10 DM in einer Nacht auf 60 Pfennig reduzierte.Und das sogar bewußt.Der Student, der sich derzeit in seiner Diplomprüfungsphase befindet, suchte nach einer Möglichkeit, sich vor den Prüfungsvorbereitungen zu drücken und surfte an besagtem Abend zu wahlstreet.de, um dort Kapitalmarkttheorien zu testen - mit Erfolg.Er kaufte in Intervallen PDS-Aktien und trieb damit deren Preis in die Höhe.Doch der Markt ließ sich nur für kurze Zeit von seinen Interventionen beieindrucken, denn wenig später sanken die PDS-Kurse wieder auf ihren ursprünglichen Wert.Seinen Einsatz verlor der BWL-Student damit zwar, aber immerhin konnte er die Theorie untermauern, daß künstliche Markteingriffe nicht von Dauer gegen den Markt wirken.Nun muß sich nur noch zeigen, ob ihm dieses Wissen auch bei seinen Prüfungen hilft.

Sicher ist hingegen, daß sich die Wahlstreet als Institution innerhalb der Wahlprognostik durchgesetzt hat.Auch zu den nächsten Wahlen - zum Beispiel zum hessischen Landtag oder zum Berliner Abgeordnentenhaus - wird es wieder eine Wahlstreet geben.Zwar reichten die Erlöse aus dem Verkauf von Anzeigenplatz dieses Mal noch nicht ganz aus, um die Kosten des aufwendigen Internet-Angebotes von Tagesspiegel und "Zeit" in Gänze einzuspielen.Doch die große Resonanz seitens der Mitspieler, aber auch der nationalen und internationalen Medien, haben gezeigt, daß sich im Gegensatz zu manch anderem Internet-Angebot eine Parteienbörse auch für die Veranstalter rechnen kann.Überdies laufen derzeit Verhandlungen mit Medienhäusern, die die hinter Wahlstreet stehende Idee und Technik für eigene Angebote lizensieren wollen.Dies wäre ein weiterer Beweis dafür, daß Prognostik und Marktwirtschaft durchaus miteinander kompatibel sind.

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