Zeitung Heute : Zwischen Berlins Studenten funkt’s

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Von Sebastian Drews

In den Pausen zwischen den Vorlesungen brennt die Luft in der Mathe-Cafeteria der TU Berlin. Nicht nur, weil hier fast jeder trotz Rauchverbots eine Kippe im Mund hat, sondern weil der kleine Raum hoffnungslos überfüllt ist. Martin Rode hat sich gerade einen Kaffee geholt und setzt sich mit seinem Notebook an den Tisch zu seinen Kommilitonen. „Ich will nur noch kurz meine Mails checken.“ Wo man normalerweise Kabel, Modem und endlose Kämpfe mit den Computer-Einstellungen braucht, um ins Internet zu kommen, genügen Martin sein Notebook und eine Funk-Antenne. Mobil ins Netz – das geht dank einer neuen Technik für drahtlose Netzwerke.

Geschäftsreisende können damit schon in vielen Flughäfen und Hotels drahtlos surfen. Aber auch Studenten sollen davon profitieren. Sie können sich das Unterrichtsmaterial ihrer Dozenten direkt vor, nach oder sogar während der Vorlesung auf den Schirm holen. Auch die Online-Recherche in den Bibliotheken ist möglich. Zwar kann man herkömmliche Materialien wie Bücher, Kopien und Mitschriften auch „anytime, anywhere lesen, es fehlt aber die Multimedialität, durch die man einfach besser lernt“, erklärt Professor Wilfried Hendriks, der sich am Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft mit neuen Kommunikationstechnologien im akademischen Lernen beschäftigt. Die multimediale Aufbereitung lohnt sich vor allem bei Fachgebieten, in denen sich der Stoff nicht so schnell ändert. „Man muss dabei ja nicht nur an Religion denken. Physikalische Grundlagen und Chemie-Basiswissen sind auch online-tauglich“, so Hendriks.

Durch das drahtlose Internet kann man ohne viel Aufwand „die Studenten dort erwischen, wo sie sich tatsächlich aufhalten“, erklärt Professor Klaus Rebensburg, der an der TU Berlin für das drahtlose Netz verantwortlich ist. Gemeint sind Cafeterien, die Mensa und das Campusgelände. Dort sind dann bis zu 100 Mal schnellere Datenraten möglich als mit herkömmlichen ISDN-Verbindungen.

Die Vorteile der drahtlosen Vernetzung ihrer Studenten will verständlicherweise nicht nur die TU nutzen. Auch die Humboldt-Uni, die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft und die Technische Fachhochschule bauen drahtlose Netze für alle Studenten auf. Einzige Ausnahme: Die FU bietet die neue Technik derzeit nur in den Fachbereichen Informatik und Mathematik an.

TU-Funker Rebensburg ist von dem Nutzen der Funktechnik überzeugt. „Ich sehe das doch täglich. Die Studenten setzen sich in Gruppen auf dem Campus zusammen und nutzen das Online-Angebot.“ Seine Vorlesungsmaterialien sind deswegen alle online verfügbar. So schön das klingt, für Studenten sind die hohen Preise für Funk-Karten und Notebooks ein Problem. Angesichts ihrer notorisch knappen Finanzlage können die Hochschulen den Studenten keine kostenlosen Leih-Notebooks anbieten. So nutzen die neue Technik nur ungefähr 200 „Pioniere“ pro Hochschule. Das entspricht jeweils einem Anteil von weniger als einem Prozent aller Studenten.

Dennoch glaubt auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) an die Zukunft der neuen Funk-Internet-Technik und hat ausgewählten Unis zur Entwicklung und zum Ausbau ihrer Funknetze Fördermittel zur Verfügung gestellt, 63 800 Euro davon für die TU Berlin. Das reicht aber nicht für kostenlose Notebooks, Funkkarten und die Funkstationen. Deswegen bewirbt sich die TU für die Folgeförderung des BMBF „Notebook University“, in dessen Rahmen Studenten rund 1000 mobile Rechner leihweise zur Verfügung gestellt bekommen.

Soweit ist es aber noch nicht und momentan verhindern nicht nur die teuren Geräte, dass das Netz optimal genutzt wird: Fehler im System erschweren den Betrieb. Die Verbindung zum Netz wird oft abgebrochen oder erst gar nicht hergestellt. Begründung: An der Technischen Uni fehlen Personal und Mittel. „Keine Technik macht sich von alleine“, sagt auch Dieter Kasielke, der Leiter des Zentralen Rechenzentrums, der den zukünftigen Betrieb des drahtlosen Netzes übernehmen soll.

Wo man am Anfang des Wireless-LAN-Projekts noch gemütlich Mails in der Cafeteria lesen konnte, braucht man jetzt großes Glück, um eine Verbindung zu bekommen. „Mittlerweile nehme ich meinen Rechner schon gar nicht mehr an die Uni mit, weil ich sowieso nicht reinkomme“, beschwert sich Martin Rode, der als einer der ersten Studenten schon seit letztem Jahr mobil ins Netz geht. Noch mehr Grund sauer zu sein, haben die Studenten, die keine Antennen-Karten von der TU Berlin mehr bekommen haben. Sie haben sich selbst die mindestens 120 Euro teuren Karten gekauft, um das Funk-Netz nutzen zu können. Zumindest eine Investition in die Zukunft, so stellt sich die Situation derzeit dar, denn das Netz wird jedes Jahr verbessert, die Netzabdeckung vergrößert. „Wir haben 2002 wieder 100 neue Stationen angebracht, und das Netz wird gerade neu verkabelt“, so Rebensburg. Auch das Zentrale Rechenzentrum ist zuversichtlich, so Kasielke: „Wir hoffen, im Lauf des Wintersemesters das Netz in den Griff zu kriegen“ Aber bis dahin heißt es: Kabelsalat zu Hause anstatt Mails in der TU-Cafeteria.

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