Zeitung Heute : Zwischen Café und Kirche

Der Ku‘damm bleibt ein Touristenmagnet – und wandelt sich unaufhörlich

Christine Schreiber

Wochenendbesuch hat sich angesagt. Meine Freundin Silke will endlich die berühmte Berliner Luft kennen lernen. Da weiß jeder Einheimische, was das bedeutet! Es sind die 3,5 Kilometer zwischen Gedächtniskirche und Rathenauplatz, für die sich Hauptstadt-Touristen ganz besonders interessieren. Als Gastgeber stellt man deshalb am besten schon vorher klar: „Jaaaaa, natürlich gehen wir auch auf den Ku‘damm!“

Warum auch nicht? Der Kurfürstendamm hat Charme und bietet architektonisch einen reizvollen Mix aus Historischem und Modernem, wirkt mit seinen breiten Gehsteigen und bepflanzten Mittelstreifen großzügig und bietet Einkaufsmöglichkeiten, von denen Besucher aus dem Rest der Republik nur träumen können. Und wer weiß, vielleicht entdeckt ja auch eine Wahlberlinerin nach Jahren der Großstadt-Existenz noch etwas Neues. Der Bauboom der vergangenen Jahre hat schließlich nicht nur in der selbst ernannten „Neuen Mitte“ rund um die Friedrichstraße stattgefunden.

Silke wird kommen – und ich stehe in der Pflicht. Doch was bietet Berlin denn für Besucher, die unbedingt auf den Ku‘damm wollen? Selbst nach Geschäftsschluss sind die vornehmen Boutiquen und edlen Juweliergeschäfte noch attraktiv. Window-Shopping auf dem Ku‘damm – und in seinen Seitenstraßen – liefert aber auch die Gelegenheit zum mentalen Spagat. In den Schaufenstern die teuersten Kreationen aus Stoff und Edelmetall, auf dem Trottoir die Berliner Realität: Jeans und Windjacken. Der Berliner an sich ist ja nicht gerade bekannt für besonders schickes Outfit. Was für den einen der Armani-Anzug ist, hat für den Passanten neben ihm keine Bedeutung. Ein Modebanause muss er deshalb noch lange nicht sein. Vielleicht ist er gerade auf dem Weg ins Kaufhaus Schrill in der Bleibtreustraße, um sich mit hübschhässlichen Accessoires aus den zurückliegenden Dekaden zu versorgen?

Ziemlich sicher ist für meinen Ku‘damm-Besuch die Begegnung mit dem alterslosen Hauptstädter, der den Zwiebellook aus der Altkleidersammlung bevorzugt. Üblicherweise ist er mit einem halben Dutzend Plastiktüten unterwegs, in denen sein komplettes Hab und Gut untergebracht ist. Ganz anders das dezent bedruckte Lackpapiertütchen der ewig jungen Dame, die an dem Obdachlosen in gebührendem Abstand vorbeieilt. Es enthält wohl eher einen Hauch von Nichts aus einem der vornehmen Dessous-Geschäfte.

Ein Stück Natur fürs „Landei“

Als Quartiergeberin hoffe ich, dass sich Petrus von seiner besten Seite zeigt. Dann werden Silke und ich die Wahl unter den kaum zählbaren Straßencafés haben. Die Entscheidung wird nicht leicht fallen: direkt am Klops-Brunnen neben dem Europa Center, einen der vielen Coffee-Shops von Carras bis Einstein oder doch das eher traditionelle „Berliner Café“ an der Giesebrechtstraße? Am Olivaer Platz ist der Ku‘damm für Touristen ja üblicherweise zu Ende. Obwohl: Weiter in Richtung Halensee kommt nun wirklich noch mehr als Computer- und Heimwerkerläden. Zum Beispiel die Schaubühne, aber auch Eis Hennig oder Rolf Vostells legendäre Cadillac-Skulptur.

Doch auch bei einer Beschränkung auf den unteren Teil des Boulevards werden wir es nicht leicht haben, die richtigen Ecken und Plätze für unseren Ku‘damm-Bummel auszuwählen. Denn Silke, die sich selbstkritisch als „Landei“ bezeichnet, hat ganz bestimmte Vorstellungen. Schließlich hat sie Tucholsky gelesen. Hinten die Ostsee werde ich ihr gleichwohl nicht bieten können. Doch Moment mal! Haben wir im Neuen Kranzler Eck nicht die beiden haushohen Volieren mit Sittichen und Fasanen? Natur pur inmitten der beiden Glaspyramiden von Stararchitekt Helmut Jahn. In den Geschäften und Büros des High-Tech-Ensembles arbeiten mehr als 1000 Menschen, und diese nutzen die Infrastruktur im und rund um den Glaspalast gemeinsam mit den Besuchern und Touristen: die Boutiquen, die Restaurants, die Postfiliale und auch die Angebote der „Fitness Company“ im 14. Stock. Auch ohne Sportzeug hat man von dort – aus über 50 Metern Höhe – einen herrlichen Blick über die Dächer der Stadt. Noch höher sind nur das Europa Center und das Hochhaus vom Kurfürstendamm Karree. Dort befindet sich auch die immer wieder sehenswerte Ausstellung „Story of Berlin“. Die 9 Euro 30 Eintritt für Erwachsene sind allerdings recht happig.

Berlin und sein Markenzeichen Ku‘damm sind allerdings auch bei nicht so üppiger Kasse attraktiv. Sicher: Der durchschnittliche Berlin-Besucher gibt in 2,3 Tagen Aufenthalt 350,52 Euro aus – inklusive Unterbringungskosten. Aber die entfallen für Silke genauso wie die Ausgaben für die Verpflegung. Als Gastgeberin lasse ich mich doch nicht lumpen: Wahrscheinlich lade ich sie in das kleine italienische Restaurant an der Uhlandstraße ein. Da gibt‘s leckere Pizza im Self-Service. Fast so günstig wie weiland im berühmten Athener Grill am Lehniner Platz.

Bis auf ein paar Euro für die U-Bahn und die unverzichtbaren Erlebnispausen in den Cafés wird Silke das Berlin-Wochenende also nicht viel kosten. Wer will, kann nämlich auch ohne eine permanente „Kann-ich-mir-nicht-leisten-Erfahrung“ viel Spaß haben. Vorm Kaufhaus Wertheim und auf dem Breitscheidplatz zum Beispiel stehen immer Kleinkünstler, die Musik machen oder Körperkunststücke vorführen. Der Dritte-Welt-Laden in der Gedächtniskirche, der auch für Nichtgläubige einen Besuch wert ist, wirkt wie ein kleiner Ausflug in die Herkunftsländer der offerierten Waren. 50 Cent für eine Papiertüte, die Kinder eines Projekts in Indien aus alten Zeitungen gefaltet haben, werden immer drin sein.

Nicht nur für Touristen attraktiv ist auch der Zillehof in der Fasanenstraße. Der Trödelmarkt zwischen dem Hotel Kempinski und dem S-Bahn-Bogen bietet so viel schaurig Schönes, dass man Lust auf mehr bekommt. Es ist sozusagen ein Appetizer für Folgebesuche auf dem Trödelmarkt an der Straße des 17. Juni oder die Antiquitätenläden rund um den Nollendorfplatz oder den Amtsgerichtsplatz in Charlottenburg.

Außerdem liegt der Zillehof auf halber Strecke zum Stilwerk in der Kantstraße – und da gibt es auch ein Café. Das Einrichtungskaufhaus auf vier Ebenen gehört ja irgendwie auch zur Ku‘damm-Gegend und wartet mit einem wahren Augenschmaus für Design-Liebhaber auf. Bei einem Bummel kann man hier eine Menge Einrichtungsideen auch aufs Land mitnehmen.

Die vielen Gesichter des Bahnhof Zoo

Zuvor werden wir dann allerdings die Koffer am Bahnhof Zoo zwischenlagern müssen. Ich bin jetzt schon sicher: Silke wird mir mit weit aufgerissenen Augen zu den Schließfächern folgen. „Das ist hier ja ganz anders als im Film mit Christiane F.“, gehört auch heute noch zur Standardaussage von Berlin-Besuchern. Die meisten sind beeindruckt von der Großbildleinwand in der Lobby und viele begeistert von der ethnischen Vielfalt in den Menschenströmen zwischen U- und S-Bahn. Andere sind auch schockiert über das Bild, das sich ihnen beim Verlassen der Haupthalle bietet. Ob betrunken, zugedröhnt oder auf Freiersfüßen, für Berliner gehören „Kinder vom Bahnhof Zoo“ sozusagen zum Alltag. Da ist es nicht das Schlechteste, wenn Gäste die Einheimischen aus ihrer Alltag gewordenen Gleichgültigkeit reißen.

Metropolen besitzen nun mal die Eigenschaft, die sozialen Extreme ungeschminkt zu zeigen. Hier Glitzer und Glamour, gleich nebenan gescheiterte und vergessene Menschen jeden Alters. Darin unterscheidet sich Berlin nicht von Paris, New York oder London. Wohl auch deshalb steht die Hauptstadt in Deutschland auf Rang Eins der Reiseziele. Laut Berlin Tourismus Marketing GmbH kommen 70 Prozent der Hotelgäste aus dem Inland, im vergangenen Jahr waren das 3,5 Millionen der insgesamt 4,74 Millionen übernachtenden Hauptstadtgäste.

Mein Gast wird Silke sein. Und ich werde darauf achten, dass sie ihre bequemen Schuhe aus dem Koffer holt – und anzieht, bevor wir von den Schließfächern im Bahnhof Zoo zum Ku‘damm-Bummel aufbrechen. Schließlich verlangt diese so typisch weibliche Lieblingsbeschäftigung einige Kondition. Selbst wenn sich Silke das viele Hin und Her zwischen den Garderobenständern der Boutiquen und auch die Kräfte zehrenden Anproben in den Umkleidekabinen sparen sollte: Sie ist zwar nicht zum Berlin-Marathon gekommen, aber mit den Abstechern in die Seitenstraßen kommen auch so schnell ein paar Kilometer zusammen. Und trainiert ist Kleinstadt-Bewohnerin Silke, die zu Hause für jeden Weg zum Supermarkt, zur Post und zur Apotheke das Auto benutzen muss, definitiv nicht.

Wenn Silke die Sehenswürdigkeiten vom Ku‘damm und seiner Umgebung wirklich kennenlernen will, sollte sie sich schon entsprechend anziehen. Ihre feinen Pumps kann sie ja für die „Laufsteg“-Variante des Ku‘damm-Bummels aus dem Koffer holen. Die ist für Sonntagnachmittag geplant, wenn auf dem Boulevard richtig gut gekleidete Menschen unterwegs sind – wir werden dann gemeinsam rätseln, ob das wohl die Touristen aus Paris sind.

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