Zeitung Heute : ZWISCHEN DEN HALLEN

BERND MATTHIES

Durch irgendwelche Gänge ins IrgendwoVON BERND MATTHIES

Es liegt auf der Hand, daß Otto Normalempfänger die Funkausstellung nach einem einfachen Prinzip nutzt: Er fängt an irgendeiner Ecke an, und zwar dort, wo die Familie seit 1956 das Messegelände zu betreten geruht (falls es diesen Eingang noch geben sollte).Dann läuft er los, und zwar so lange, bis die Hüfte schmerzt, die gesammelten Prospekte zu schwer werden oder die Ordner die Türen versperren.Andere - zu denen notgedrungen wir Journalisten zählen - gehen gezielt und planmäßig ans Werk.Termine! Pressegespräche! Vorführungen zu jeder vollen Stunde! Welche Herausforderung darin steckt, mag der Zeitplan des Eröffnungstages zeigen: 23 Termine, von Weltkonzernen bis zu seltsamen Bastlern, von denen noch nie jemand gehört hat.Nichts wie hin ! Aber wie ? Altgediente Berliner Messebesucher sprechen vom neuen Messegelände wie ein Grottenolm von der Raumfahrt - kein Durchblick mehr.Früher marschierte man im Kreis herum, was bei guter Kondition kein Problem war, und erreichte so jeden gewünschten Ort.Jetzt gibt es neue Hallen, die aufeinander hocken wie Pinguine auf dem Vogelfelsen.Wer sie schnellen Schritts durchquert, kommt nie in die nächste Halle, sondern nur in ein Treppenhaus, von dem wiederum allerhand Gänge ins Irgendwo führen.Von 10.1 nach 10.2 zu gelangen oder von 7.1a nach 7.2c - auf dem Plan ein Klacks - ist einfach hoffnungslos, zumal überall Sackgassen lauern, die es früher nicht gab.Wer beispielsweise den seltsamen Eindruck hat, in nahezu allen Hallen stünden schwarze Ferraris, steckt schon mitten drin: Es ist immer dieselbe Ecke - wie die eigenen Fußspuren im Nebel, aus denen nur der blutige Anfänger auf die Möglichkeit einer Rettung schließt.Die Flucht über die Direttissima des Freigeländes ist eine Lösung, weil man draußen wenigstens den Funkturm sieht.Sieht: Hinkommen ist eine andere Sache. Wer einen Fahrstuhl antrifft, sollte ihn benutzen, wohin auch immer.Die Dinger fahren unweigerlich senkrecht und erleichtern damit die Übersicht.Nur der im neuen, außerordentlich großzügigen Pressezentrum hat einen kleinen Nachteil.Er wird von lauter Menschen mit Tragetaschen benutzt, nur so aus Neugier, kommt deshalb alle Jubeljahre und entschwebt mit dem Tempo einer gehbehinderten Schildkröte.Wenn Sie nach der Ausstellung einen befreundeten Journalisten vermissen - er steckt bestimmt noch im Fahrstuhl.

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