Zeitung Heute : Zwischen Festplatte und Fingerabdruck

PATRICK CONLEY

Interpol im Wettlauf mit der ComputerkriminalitätVON PATRICK CONLEY

25.000 Mal wurde 1995 in Deutschland versucht, mit gefälschten oder gestohlenen Kreditkarten Geldautomaten zu überlisten.Kartenbetrug und Hackerei gehören zu einer Branche mit hoher Wachstumsrate.Ging die Zahl der registrierten Verbrechen von 1994 auf 1995 insgesamt leicht zurück, kam es im Bereich Computerkriminalität zu einer Steigerung von 30 Prozent. Noch vor wenigen Jahren wußten einige Polizeibeamte nicht einmal mit Disketten umzugehen, hefteten sie als Beweismittel ab und machten sie damit unbrauchbar.Auch heute noch erfordert es große Anstrengungen, mit Ausrüstung und technischem Know-how der Gegenseite mitzuhalten.In Intensivkursen sollen die Beamten mit der jeweils neuesten Technik vertraut gemacht werden.Vergangene Woche fand an der Landespolizeischule Brandenburg in Basdorf ein Seminar für Kriminalisten aus neun Ländern statt.Da elektronische Datenströme an Landesgrenzen nicht Halt machen, organisiert die Internationale Kriminalpolizeiorganisation (Interpol) seit 1994 in Basdorf Lehrgänge, in denen kriminologische, rechtliche, technische und taktische Aspekte der Computerkriminalität auf internationaler Ebene besprochen werden. "Heutzutage sitzt das Opfer in Oslo und der Täter in Köln", umreißt Ekkehart Kappler, der vom Bundeskriminalamt in Wiesbaden als Ausbilder zur Verfügung gestellt wurde, das Problem der Internationalisierung."Straftaten werden immer häufiger anonymisiert ausgeführt." Die extremen Unterschiede in der Gesetzeslage der einzelnen Länder erschwert die Beweissicherung.Kappler unterrichtet in Basdorf "Internationales Recht".Kriminalisten aus anderen Ländern runden mit Themen wie "Analyse von EDV-Material" und "Internationaler Informationsaustausch" den Stundenplan ab.In einer praktischen Übung wird ein Tatort nachgestellt.Die Lehrgangsteilnehmer müssen eine Durchsuchung vornehmen.Das Beweismaterial muß gesichert und die beschlagnahmten Gegenstände analysiert werden. "Der Computer muß zum alltäglichen Arbeitsmittel des Kriminalisten werden" fordert auch Norbert Horn, Pressesprecher der Landespolizeischule Brandenburg.Zusammen mit Ekkehart Kappler vom BKA führt er noch einen anderen Vorteil der international ausgerichteten Lehrgänge ins Feld. Wird beispielsweise ein in Eberswalde gestohlenes Auto im russischen Witebsk gefunden, müssen - da es kein Rechtshilfeabkommen zwischen Deutschland und Weißrußland gibt - bislang fünf Dienststellen in die Untersuchung einbezogen werden.Die Antwort geht den gleichen Weg zurück.Sind sich die Kriminologen über die Landesgrenzen hinweg schon einmal persönlich begegnet, lassen sich parallel zu der offiziellen Anfrage telefonisch vorab die wichtigsten Fragen klären. Auch wenn die zunehmende Verbreitung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs Betrügern mit EDV-Kenntnissen rosige Zeiten verheißt, wird der 1988 gegründete Sachbereich Computerkriminalität des Bundeskriminalamts langfristig vermutlich wieder aufgelöst werden.Der Computer spielt heute in allen Bereichen vom kleinen Betrugsfall bis hin zum organisierten Verbrechen eine zentrale Rolle, so daß das nötige Fachwissen sich nicht auf eine Gruppe von Spezialisten beschränken kann, sondern in allen Sachbereichen des BKA vorhanden sein muß.

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