Zeitung Heute : Zwischen Hysterie und Sicherheit

KLAUS KURPJUWEIT

Unsere Gesellschaft ist verletzbar - und erpreßbar.Die Opfer werden dabei zunehmend willkürlich ausgewählt.Unter den ersten waren Passagiere in entführten Flugzeugen, es folgten Kunden, die zufällig bei einem Überfall in einer Bankfiliale waren und als Geiseln genommen wurden, oder Autofahrer einer bestimmten Marke, auf die von Brücken Pflastersteine geworfen wurden, um den Hersteller zu einer Zahlung zu zwingen.Gefährdet waren - und sind - auch Konsumenten, wenn der Erpresser eines Nahrungsmittelkonzerns Lebensmittel vergiftet, um seine Geldforderungen durchzusetzen.Nun hat es die Bahn getroffen.Wieder einmal.

Erpressungsversuche sind für sie dabei nicht neu.So hat es auch schon mehrfach Anschläge auf Bahnstrecken gegeben.Nicht nur von Erpressern.Politischer Protest, etwa von Castor-Transport-Gegnern, endete ebenfalls oft mit Gewaltakten gegen die Bahn.Und nicht selten waren - und sind - es "Streiche" von Jugendlichen.Den Fahrgästen ist es egal, wer warum den Bahnbetrieb gefährdet.Für die Kunden geht es stets um die Sicherheit.Dabei weiß jeder, daß es "die" absolute Sicherheit nicht geben kann.Das hat, abseits von Anschlägen, auch die Katastrophe bei Eschede gezeigt, wo im Sommer in den Trümmern des entgleisten Paradezuges ICE 101 Menschen starben, vermutlich, weil ein Radreifen gebrochen war.

Das Vorgehen der Täter bei der derzeitigen Erpressung der Bahn ist ungewöhnlich, weil sie bewußt auch den Tod von Fahrgästen ins Kalkül ziehen.Das Lockern von Schrauben und Auseinanderbiegen von Schienen führt fast zwangsläufig zu Entgleisungen, wie bei dem Güterzug in der Nähe von Anklam.Es hätte auch ein Personenzug sein können.Schützen kann sich die Bahn dagegen kaum.Auch ein Zaun an den Gleisen würde solche Täter nicht aufhalten.Die Pflicht der Bahn wäre es aber, die Fahrgäste sofort zu informieren.Jeder kann dann entscheiden, ob er sich trotzdem in einen Zug setzt oder doch lieber mit dem Auto fährt oder fliegt.Und es hätte zudem den Vorteil, daß die Bahnstrecken von den Menschen viel aufmerksamer beobachtet würden als sonst.Doch die Bahn räumte den Erpressungsversuch erst ein, als nichts mehr zu vertuschen war.Spätestens nach dem zweiten Anschlag mit dem gleichen Muster war auch Außenstehenden ziemlich klar, daß es hier kein Zufallsprinzip gab.

Aus ermittlungstaktischen Gründen muß die Bahn den Erpressungsversuch nicht verschweigen.Die Täter rechnen ohnehin damit, daß die Polizei eingeschaltet wird.Die Bahn weiß aber, daß die Information dazu führt, die Fahrgäste zu verunsichern.Und das ist nicht geschäftsfördernd.Dies kann man als Fahrgast zwar verstehen, man muß es aber nicht akzeptieren.

Die Bahn schweigt in letzter Zeit zu viel.Auch nach dem ICE-Unglück von Eschede wollte sie zu den möglichen Ursachen zunächst überhaupt nichts sagen und begründete ihr Verhalten mit den noch nicht abgeschlossenen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.Damit hatten aber die nach und nach bekanntgewordenen technischen Unzulänglichkeiten im Bahnalltag wenig zu tun.Nur widerwillig bestätigte die Bahn, daß die Räder ihrer High-Tech-Hochgeschwindigkeitszüge zum Teil mit geradezu vorsintflutlichen Methoden, etwa durch Handauflegen, geprüft wurden.Dazu gehört auch, daß der Vorstand an neuen Konzepten herumfeilt, ohne die Betroffenen zu informieren.Vom Plan, viele Fernverbindungen im Interregio-Verkehr zu streichen, erfuhren die Bundesländer erst etwas aus den Medien.

Schlechte Nachrichten zu verbreiten macht keinem Spaß.Man kann sich aber auch nicht ständig davor drücken und hoffen, daß die Sache schon irgendwie gut gehen wird.Wer so handelt, handelt fahrlässig und ist fehl am Platz.

Bezeichnend für den Vorstand der Bahn ist, daß er gar nicht erkennt, warum die Öffentlichkeit nach dem Unglück von Eschede und der Erpressung jetzt so sensibilisiert ist, daß daraus manchmal sogar schon eine Hysterie wird.Die Bahn gilt als ein so sicheres Verkehrsmittel, daß jeder Unfall - und jeder Anschlag - völlig aus dem Rahmen des Gewohnten fällt.Trotzdem bleibt die Bahn vergleichsweise sicher.Ob aber auch dieser Vorstand bleiben kann, ist keinesfalls so sicher.

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