Zeitung Heute : Zwischen Smalltalk und Rollenspiel

DAGMAR LORENZ (AP)

Ob "Chats" oder "MUDs": Im Cyberspace zeigen sich neue Formen der Gesprächskultur Von DAGMAR LORENZ (AP)Wenn Herbert nachts keinen Schlaf findet, setzt er sich an seinen Computer, wählt sich in das Netz seines Online-Anbieters ein und klickt von Diskussionsforum zu Diskussionsforum.Dort trifft er auf Gleichgesinnte, in deren "Chats" er sich rund um die Uhr einschalten kann."Das Schöne an solchen live-Diskussionen ist, daß man mit Leuten ins Gespräch kommt, die man normalerweise gar nicht kennenlernen würde." Daß in solch spontanen Live-Chats am Bildschirm andere Gesetze gelten, als in der zwischenmenschlichen Kommunikation unserer Alltagwelt, hat etwa die Untersuchung von Thomas Wetzstein ("Datenreisende", 1995) belegt.Äußere Merkmale, wie Aussehen, Kleidung oder Statussymbole, ja selbst die Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Milieu oder einer bestimmten Berufsgruppe verlieren im Cyberspace an Bedeutung: Allein der eingetippte Text definiert den User in den Augen seiner Netzgemeinde - je nach Tonlage - entweder als netten Kumpel oder als Nervensäge. Im virtuellen Gesprächsraum der Netze lassen sich aber auch die Grenzen der eigenen Privatsphäre scheinbar problemlos überschreiten."Weil man meist gemütlich zu Hause sitzt, neigt man doch eher dazu, über persönliche Dinge zu reden, die man etwa in einer Kneipe nicht unbedingt erzählen würde", sagt Fredrika Gers, Autorin von Romanen über die Online-Kommunikation ("Lange Leitung", "Netzjagd"). Da der "Chatter" zudem meist unter einem selbstgewählten Bildschirmpseudonym diskutiert, bleibt seine Anonymität gewahrt."Einige Leute verstecken sich auch unter ihrem Pseudonym", erklärt Andrea, die bei einem großen Online-Anbieter ein Diskussionsforum betreut."Man schlüpft gerne in eine andere Haut und erzählt Dinge, die nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen." Die Möglichkeit, unter Pseudonym aufzutreten, verführt nicht zuletzt zum virtuellen Identitätswechsel - derselbe User kann als "Mario" einen virtuellen Stammtisch für Antialkoholiker besuchen und in einem anderen Forum als whiskyschlürfende Blondine "Marion" auftreten.Zudem verleitet der Deckname zum Spiel mit Rollenbildern und psychologischen Eigenschaften.So ist in den Chats häufig der Stärke und Selbstbewußtsein signalisierende "Tiger" vertreten.Mittlerweile gibt es tausende "Chats", die in "Yahoo" recherchierbar sind. Mit festgelegten Rollen trefflich spielen läßt es sich in den zahlreichen virtuellen Spielbereichen, den sogenannten MUDs (Multi User Dungeon) oder anderen improvisierten Stegreif-Dramen.Den Spielern wird hier ein Rahmen vorgegeben, der dann schauspielernd ausgefüllt werden soll: So treffen sich in einem Forum des Online-Dienstes

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