Zeitung Heute : Zwischen Vorsicht und Sensation

THOMAS ROSER

UTRECHT .Sehr verhalten hat die niederländische Öffentlichkeit bisher auf den Kinderpornoskandal von Zandvoort reagiert, der in der ganzen Welt für Schlagzeilen sorgt.Dem nahenden Abschluß der Koalitionsverhandlungen in Den Haag oder dem Wechsel von Bondscoach Guus Hiddink zu Real Madrid räumte die heimische Presse in den vergangenen Tagen eine größere Bedeutung als der Aufdeckung des Kinderpornohändlerrings ein.Erst am Sonnabend rutschten die Berichte über den Fall Zandvoort bei mehreren Zeitungen auf die Titelseiten.

Die Zurückhaltung der heimischen Medien erklärt Hans Renders, Dozent an der Fachhochschule für Journalistik in Tilburg, mit mehreren vermeintlichen Fällen von Kindermißbrauch in der Vergangenheit, bei denen die Medien zu früh angebliche Mißstände angeprangert hatten: "Die Medien sind hier einfach vorsichtiger geworden, warten erst einmal ab." Für monatelange Schlagzeilen habe vor einigen Jahren beispielsweise das Dorf "Oude Pekela" gesorgt, in dem angeblich Dutzende von Kindern mißbraucht wurden: "Nachher erwies sich, daß die Recherchen alle auf Sand gebaut waren." Das Fehlen einer echten Boulevardzeitung und das relativ übersichtliche Angebot an privaten TV-Sendern könnten auch als Erklärung für die sehr vorsichtige Berichterstattung im Kinderpornoskandal dienen: Sensationsberichterstattung, wie sie beispielsweise in Deutschland von Bild, Pro7 oder RTL betrieben wird, ist in den Niederlanden nahezu unbekannt.Am Sonnabend hat schließlich das "NRC-Handelsblad" einen Bericht über den "internationalen Zorn" über den Kinderpornohandel auf die Titelseite gehievt, in dem das Blatt mehrere Politiker aus dem Ausland zitiert.Auffallend ist indes, daß sich bisher noch kaum ein führender Politiker des eigenen Landes zu dem Fall geäußert hat: Sie scheinen vor allem mit den seit mehr als zwei Monaten andauernden Koalitionsverhandlungen beschäftigt.

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