Zeitung Heute : Zwölf Augen für Merkel

Ab heute ist die Kanzlerin in den USA – wie eine Delegation jeden ihrer Schritte vorbereitet hat

Christoph von Marschall[Washington]

Ab heute tritt die Kanzlerin in den USA ihren zweiten Besuch an. Aber drei Herren und drei Damen aus Berlin waren schon da. Es war vor ein paar Tagen, es war schon warm, schöner Frühsommer, die Sonne schien. Sie waren die „Vorausdelegation“. Sie haben jeden Schritt sondiert, den Angela Merkel machen wird. Es waren Vertreter des Kanzleramts, des Protokolls, des Bundeskriminalamts und des Bundespresseamts, aber weil es hier vor allem um den Schutz aller Beteiligten geht, haben sie für diese Geschichte weder Gesichter noch Namen. Das war die Bedingung dafür, dass man ihnen bei der Arbeit zuschauen durfte. Es war ein seltener Einblick in die Choreographie eines Staatsbesuchs, es galten strenge Regeln.

Zuallererst: Nichts über sicherheitsrelevante Details, bitte! Zum Beispiel, wann, wo und wie Koffer und Handgepäck der Reisenden kontrolliert werden. Oder wer die Kanzlermaschine in Washington und New York bewacht.

Nun stehen die sechs Berliner also im Signature Terminal des Internationalen Airport Dulles in einer Nische des Foyers mit Kaffeemaschine und Snackbar. In diesem Sonderteil des größten Flughafens der Hauptstadt werden Privatflugzeuge, Militärjets und die Maschinen von Staatsgästen abgefertigt. Die Konversation klingt geheimnisvoll. „Je später sie Bush trifft, desto besser?“ „Ja.“ Denn: Die Journalisten brauchen ein bisschen Zeit, um es durch alle Sicherheitskontrollen bis ins Weiße Haus zu schaffen, damit sie das freundliche Händeschütteln dann auch knipsen können.

Minutenlang diskutieren die Berliner über eine zweite Treppe an der hinteren Tür des Kanzlerin-Airbus. Die könnte zwar das Aussteigen beschleunigen – die Delegation ist immerhin 75 Mann stark –, birgt aber zugleich ein Risiko. „Wenn auch nur einer die Maschine verlässt, ehe ,Customs and Immigration’ das Okay gegeben haben, hängen wir hier fest und kriegen die Journalisten nicht in die Wagenkolonne“, sagt Hauptmann Ralf Göhrig, der Einzige, der in dieser Geschichte offiziell auftreten darf. Er hat ein rundes, gutmütiges Gesicht und trägt das Haar militärisch kurz. In vier Jahren am Flughafen, beim „German Armed Forces Command“, das alle militärischen Transporte von und nach Deutschland betreut, hat er viel Erfahrung mit Kanzlerreisen sammeln können.

Gleich nach der Kabinettssitzung heute wird Angela Merkel aus Berlin abfliegen. „Reden wir für die Ankunft noch von 14 bis 15 Uhr Ortszeit?“, fragt Hauptmann Göhrig in breitem Badisch. Die Berliner blicken in ihre Unterlagen. „Nein, wir planen jetzt mit 16 Uhr. Aber das kann sich nochmal ändern.“

Und auch das lernt man bei der Gelegenheit: Vom Visazwang ist nicht einmal die Kanzlerin befreit. Auch in ihrem Reisepass bleiben von jedem USA-Besuch zwei Löchlein von den Klammern, mit denen das Einlegeblatt I-94 festgeklammert war – wie bei Otto Normaltourist. Nur hat ihres eine andere Farbe.

Schon eine Stunde vor der Landung des Airbus 310 – es ist eine ehemalige Maschine Erich Honeckers – soll die Wagenkolonne bereitstehen. Die Hundeführer lassen ihre Tiere dann noch einmal nach Sprengstoff schnüffeln. Selbst diese Routinepunkte werden jetzt durchgegangen – nicht dass es zu Pannen kommt, wie damals, beim Besuch eines Bundesratspräsidenten. Da war die Kolonne auf der falschen Seite des Flughafens aufgefahren.

Am Abend ist der Flughafentermin abgehakt, aber das war erst der Anfang. Hotelsuiten und Konferenzräume in Washington und New York – überall, wo Merkel auftreten wird, fahren die sechs Experten in den kommenden Tagen hin. Die Kanzlerin wird nur 30 Stunden in den USA sein, aber die Vorausdelegation ist fünf Tage unterwegs. Erster Tag Flughafen, zweiter Tag Weißes Haus und Außenministerium, dritter Tag Museum, dann zwei Tage New York. In Washington sausen sie im weißen Kleinbus von einem Ort zum nächsten, in New York mit zwei dunklen Minivans der Botschaft. Und überall sind diese Fragen zu klären: Steht das Rednerpult zu nahe an einer Tür? Könnten Spiegel im Hintergrund ungewollte Reflektionen im Blitzlichtgewitter auslösen? Und wo sind im Falle eines Falles die Fluchtwege?

Zwei Tage nach dem Besichtigungstermin am Flughafen laufen die sechs durchs National Building Museum in Washington. Das festliche Dinner, das hier am Donnerstag, 4. Mai, zum 100. Geburtstag des American Jewish Committee stattfindet, gilt unter Sicherheitsaspekten als die wohl spannendste Veranstaltung in der Hauptstadt dieses Jahr: George W. Bush wird sprechen, Angela Merkel, UN-Generalsekretär Kofi Annan und auch Israels Vize-Ministerpräsident Schimon Peres. Aber auch dies gehört dazu: Eine der drei Damen in der Delegation wirft einen prüfenden Blick auf den blauen Hintergrund des Rednerpults. „Da müssen wir aufpassen, was die Kanzlerin trägt.“ Wand- und Kostümfarbe dürfen sich nicht beißen, aber die Kanzlerin soll sich auch abheben auf Fotos.

Und schon geht es im Kleinbus zum nächsten Schauplatz, dem Blair-Gästehaus, einem vierstöckigen kleinen Reihenhaus aus weiß gestrichenen Backsteinen. Bei gutem Wetter wird Angela Merkel von hier zu Fuß zum Nordwest-Eingang des Weißen Hauses gehen, in den Roosevelt-Saal. Dort stehen zwölf Stühle um einen Tisch, darauf liegen das Gästebuch und ein Füller – den darf die Kanzlerin hinterher mitnehmen, wenn sie will, als Souvenir. Über die offiziellen Geschenke wird noch Stillschweigen bewahrt, auch für diese protokollarische Frage gibt es Experten auf beiden Seiten. Gerhard Schröder hat Bush einmal eine Kettensäge für seine Ranch in Crawford mitgebracht, nachdem Berater den Präsidenten auf einem Foto mit einem ziemlich alten Modell hatten hantieren sehen.

Vom Roosevelt-Saal aus laufen die Berliner dann durch einen schmalen Gang zum Oval Office. Der Gang ist krumm, und es ist etwas dunkel hier. Das sieht nicht aus wie ein Flur, der zum Büro des mächtigsten Mannes der Welt führt. Die Tür zu Bushs Arbeitszimmer ist zu. Am Mittwoch wird der US-Protokollchef hier die deutsche Delegation aufreihen, nur sieben Begleiter dürfen mit hinein, das Büro ist gar nicht so groß.

Zum Abendessen laden die Bushs später schließlich in den Family Dining Room im zweiten Stock; es gibt Rippchen, Rind und Hummer. Anderthalb Stunden sind vorgesehen, der Präsident geht eher früh zu Bett. Nach Angela Merkels deutschem Rhythmus ist es dann bereits nach Mitternacht. Aber sie hat noch etwas vor. Das „Power Women“-Treffen mit weiblichen Abgeordneten kommt nun doch nicht zustande – Terminschwierigkeiten im Kongress. Aber sie will deutschen Journalisten in deren Hotel von ihren Eindrücken berichten. Die Vorausdelegation macht entsprechende Notizen in ihre Unterlagen. Vor 23 Uhr 30 Ortszeit wird die Kanzlerin wohl kaum ins Bett kommen, in Berlin ist es bereits früher Donnerstagmorgen. Sie ist jetzt 24 Stunden auf den Beinen.

Spätestens um 6 Uhr muss sie wieder aufstehen. Beim Frühstück leistet ihr kleinster Kreis ihr Gesellschaft und gibt einen Überblick über Medienecho und Weltlage: Regierungssprecher Ulrich Wilhelm, Sicherheitsberater Christoph Heusgen, Büroleiterin Beate Baumann, dazu Botschafter Klaus Scharioth und der mitgereiste Außenstaatssekretär Reinhard Silberberg. Dann geht es zum Flughafen und nach New York zu einer Wirtschaftskonferenz. Merkel will bei einem Treffen mit Konzernchefs und einem Mittagessen mit 400 Gästen im Hotel „The Pierre“ am Rande des Central Park ihre Reformpläne erläutern und um Investoren werben. Auch hier prüfen die sechs Berliner Sitzplatz, Rednerpult, dazu die Beschallung im Saal. Und sie schauen sich die Suite an, wo die Kanzlerin Gäste empfangen wird, zum Beispiel Henry Paulsen, den Geschäftsführer der Investmentbank Goldman & Sachs, und Siemens-Chef Klaus Kleinfeld .

Während ihres Programms wird die Kanzlermaschine vom John F. Kennedy Airport auf den Flughafen New Jersey umgesetzt. Nachmittags geht es von dort zurück nach Washington. Vor ihrer Rede beim Jubiläumsdinner des American Jewish Committee bleibt noch Zeit fürs Umziehen im Blair-Gästehaus und ein paar Telefonate. Um 20 Uhr 30 geht es ein letztes Mal zum Dulles Airport. Regierungsmaschinen werden bevorzugt abgefertigt. „Sie kommt an – und hebt ab“, freut sich Hauptmann Göhrig.

Die sechs Berliner sind zufrieden mit der Vorbereitung. Sie haben sogar ein wenig Luft in der Planung. Am Nachmittag des dritten Tages sitzen sie in Washington am Potomac-Fluss und essen ein Eis in der Sonne. Davon kann die Kanzlerin nur träumen.

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