Zeitung Heute : Zwölf Täter im Missbrauchsskandal

Bericht belastet Jesuiten: Vier Schulen, 120 Fälle / Auch zwei Frauen gewalttätig / „Institutionelles Wegsehen“

Ferda Ataman

Berlin - Rund drei Wochen nach Bekanntwerden der ersten Fälle von sexuellem Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg hat die Missbrauchsbeauftragte des deutschen Jesuitenordens Ursula Raue einen Zwischenbericht vorgelegt. Inzwischen hätten sich knapp 120 Opfer per E-Mail, Brief und Telefon bei ihr gemeldet, deren Missbrauchserfahrungen von vier Schulen und verschiedenen kirchlichen Einrichtungen in Deutschland stammen. „Es melden sich täglich weitere“, sagte Raue am Donnerstag in Berlin. Das ganze nehme eine unerwartete Dimension an. Namentlich hätten die Opfer zwölf Täter benannt, darunter auch zwei Frauen, die den Missbrauch durch Patres verschwiegen und ihre Schüler geschlagen hätten. Die bekannten Taten seien alle verjährt, die meisten aus den 70er und 80er Jahren, sagte Raue.

Zur Vorgehensweise der Täter und ihren Handlungen äußerte sie sich nur vage. „Es geht hier nicht um Vergewaltigung mit Penetration, sondern um zudringliche Zärtlichkeiten, Manipulation an den Genitalien und um eine sexuell aufgeladene Atmosphäre.“ Vereinzelt habe es allerdings auch schwere Gewaltübergriffe gegeben. Knapp 50 der Verbrechen wurden am Berliner Canisius-Kolleg begangen. Sie gehen auf die bereits bekannten Täter Peter R. und Wolfgang S. zurück. Weitere Opfer seien Jugendliche in Hamburg, Frankfurt, Hannover, Sankt Blasien und Bonn.

Für ihre Ermittlungen erhielt Raue Zugang zu Personalakten in der Zentrale des Jesuitenordens in München, die Akten in Rom habe sie aus Zeitmangel nicht einsehen können. Ihre Recherchen belegen ein institutionelles Wegsehen über Jahrzehnte. Daraus geht hervor, dass der Orden bereits früh über die fragwürdigen Erziehungsmethoden des Wolfgang S. und sexuelle Übergriffe durch Peter R. unterrichtet war. Wolfgang S. wurde deshalb ab 1979 in Therapie geschickt, durfte jedoch weiter mit Jugendlichen arbeiten. Auch Peter R. blieb so lange im Orden tätig, bis er freiwillig ging.

In dem sechsseitigen Bericht schreibt Raue, zwar sei immer eine „Fürsorge für die Mitbrüder erkennbar“ gewesen. Doch es sei „erstaunlich“, dass es „an keiner Stelle“ um die Frage ging, wie es den missbrauchten und misshandelten Kindern oder Jugendlichen ergeht. „Dies ist eine Schande für einen Orden, der als eine seiner Hauptaufgaben das ,animas iuvare‘ (den Menschen helfen) auf seine Fahnen geschrieben hat“, erklärte das Jesuitenoberhaupt Stefan Dartmann am Donnerstag in München. „Was hier menschliches Versagen von Leitungspersonen im Einzelfall war, und was strukturell falsch lief, wird in einem weiteren Schritt zu klären sein.“ Raue hatte erklärt, dass eine Aufarbeitung der Vorgänge alleine nicht zu bewältigen sei. Dartmann sicherte ihr einen Arbeitsstab zu.

„Die Vielzahl der Fälle macht deutlich, dass Missbrauch ein Grundproblem der katholischen Kirche ist“, sagt Christian Weisner von der Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“. Er forderte die Deutsche Bischofskonferenz auf, alte Fälle aufzuarbeiten, Präventionsmaßnahmen zu treffen und ein „Null-Tolleranz-Prinzip“ einzuführen.

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