Zeitung Heute : Zypern: Kitt oder Dynamit für die EU

CHRISTOPH VON MARSCHALL

Ohne Überwindung der Teilung ist die Aufnahme in die EU schwer vorstellbar.In Zypern müssen Griechen und Türken beweisen, ob sie noch im Zeitalter des Nationalismus leben oder ob sie moderne Europäer sindVON CHRISTOPH VON MARSCHALLGinge es allein um die wirtschaftliche Seite, dann würde Zypern wohl die geringsten Probleme von allen EU-Beitrittskandidaten bereiten.Auch die drittgrößte Insel des Mittelmeers liegt zwar beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf deutlich unter dem Durchschnitt der Union, das aber ließe sich angesichts ihrer geringen Größe mit begrenzten Fördermitteln über die Jahre ändern; im Tourismus ist das Potential bei weitem nicht ausgeschöpft.Dazu erfüllt Zypern sogar die Maastricht-Kriterien.Tatsächlich jedoch droht die seit 1974 geteilte Insel zum großen Streitfall, womöglich gar zu einem Sprengsatz im östlichen Mittelmeer zu werden - siehe die Anstrengungen der Griechen, in Moskau Flugabwehr-Raketen gegen die Militärjets des NATO-Partners Türkei zu kaufen, und die Weigerung Ankaras, konstruktiv über eine Demilitarisierung der Region zu verhandeln.Zwar kann die EU Beitrittsgespräche zunächst allein mit den griechischen Vertretern führen, wenn die türkischen Zyprioten keine Delegierten schicken.Aber ohne Überwindung der Teilung ist die Aufnahme in die EU schwer vorstellbar. Die jüngste Runde der Zypern-Gespräche verließ Richard Holbrooke jedoch vor wenigen Tagen entnervt.Der US-Diplomat, dem es sogar gelungen war, den verfeindeten Parteien in Bosnien den Kompromiß von Dayton abzuringen, drohte, wenn Griechen und Türken beim nächsten Anlauf abermals jegliche Bewegung verweigerten, werde er sein Vermittlungsmandat niederlegen.Dann aber würde sich statt der erhofften positiven eine negative Dynamik in Gang setzen.Die bewußt aufgebauten Druckmechanismen lassen sich nicht mehr ohne weiteres in den vorherigen, gleichsam betonierten Ruhezustand zurückführen.An Erfolg oder Mißerfolg der Zypern-Gespräche hängt jedoch weit mehr als nur die Zukunft der Insel: die Ratifizierung der NATO- und der EU-Erweiterung sowie das künftige Verhältnis der Türkei zu Europa. Dabei hatten die Werbestrategen der Friedens- und Wohlstandsgemeinschaft auf ein weiteres Paradebeispiel gehofft: Die Anziehungskraft der EU sei so groß, daß sich mit ihrer Hilfe die historischen Animositäten zwischen Griechen und Türken überwinden ließen - so wie der europäische Einigungsgedanke sich als stärker erwiesen hat als die deutsch-französische Erbfeindschaft.Betrachtet man Zypern isoliert, könnte dieses Kalkül durchaus aufgehen.Der türkische Teil leidet unter der Teilung.Mehrere Oppositionsparteien, die die alteingesessenen Inseltürken vertreten, kritisieren schon lange die unnachgiebige Haltung des Führers der türkischen Zyprioten, Rauf Denktasch.Die nationalen Fronten sind keineswegs so geschlossen, wie das die jeweiligen Heißsporne zu suggerieren versuchen.Doch geraten die Inseltürken nach mehrjähriger Emigration und gleichzeitiger Ansiedlung von Festlandstürken immer mehr in eine Minderheitenposition. Die Tragik der Zyprioten besteht darin, daß sie daran gehindert werden, ihre Interessen geltend zu machen - ein Vorwurf, der Ankara noch weit stärker zu machen ist als Athen.Für Griechenland und die Türkei ist Zypern zum wichtigsten Feld der nationalen Auseinandersetzung geworden.In beiden Ländern sind große Teile der politischen Eliten in Bedrohungsszenarien und Verfolgungsängsten gefangen, die auf Beobachter aus der Ferne bisweilen paranoid wirken.Bleibt es dabei, bestimmen Verhinderungs- und Vetostrategien die Politik, dann wird Zypern zu internationalem Sprengstoff.Umgekehrt kann Zypern aber auch zum Kitt werden, der die Türkei fester an Europa bindet.Erfolgreiche Zypern-Gespräche wären das Vorbild, wie sich Hindernisse für die Heranführung der Türkei an die EU überwinden lassen. Nach einer jüngsten Umfrage betrachten 98 Prozent der Türken ihr Land als Teil Europas - und ebenso 70 Prozent der Deutschen.Europa ist aber nicht zuvörderst eine Frage der Sympathie für technische Entwicklung und Wohlstand.Europa steht für eine bestimmte politische Kultur, geboren aus dem Entsetzen über die Folgen eines blinden Nationalismus.Europa bedeutet eine an der Suche nach Kompromissen ausgerichtete Konfliktlösungsstrategie.In Zypern müssen Griechen und Türken beweisen, ob sie noch im Zeitalter des Nationalismus leben oder ob sie moderne Europäer sind.

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