Zentralrat der Juden : "Enthemmter Umgang" mit NS-Sprache

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hat mit seiner Aussage, Kultur ohne Gottesbezug sei "entartet", einen Eklat ausgelöst. Der Zentralrat der Juden sieht eine verharmlosende Gefahr hinter einem derart ungehemmten Gebrauch von NS-Vokabeln.

Berlin/KölnDie Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sieht die Äußerungen des Kölner Kardinals Joachim Meisner über angeblich "entartete" Kunst trotz einer Klarstellung nicht aus der Welt geschafft. "Überhaupt auf den Nazi-Wortschatz zurückzugreifen, vergiftet das gesellschaftliche Klima", sagte Knobloch. Sie akzeptiere Meisners Klarstellung. Dennoch stehe das Wort "entartet" im Raum. "Menschen wie Meisner haben eine Vorbildfunktion", sagte Knobloch. Sie sehe die Gefahr, dass sich junge Menschen dieses Vokabular aneigneten, vor allem wenn sie schon eine gewisse Zuneigung zur rechten Szene hätten.

Meisner hatte am Freitag bei einer Predigt anlässlich der Einweihung des Kölner Diözesan-Museums Kultur ohne Gottesbezug als "entartet" bezeichnet, was eine Welle der Empörung ausgelöst hatte. Zitat Meisner: "Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte."

Meisner fühlt sich missverstanden

Kramer warf dem Kardinal vor, diejenigen auszugrenzen, die nicht an Gott glaubten und fügte hinzu: "Ich will jetzt nicht sagen, er disqualifiziert sie, aber es geht schon sehr in diese Richtung". Kramer beklagte fehlende Sensibilität im Umgang mit der Sprache: "Es fällt allerdings auf, dass immer enthemmter ehemalige nationalsozialistische Sprache benutzt wird". Es werde auch "immer enthemmter" über den Nationalsozialismus gesprochen, sagte Kramer mit Hinweis auf die "familienpolitische Diskussion, die stattgefunden hat".

Der Kölner Erzbischof fühlt sich wegen seiner Rede missverstanden. Das in seiner Predigt gebrauchte Wort "entartet" im Zusammenhang mit Kunst sei in verkürzter Form wiedergegeben und "aus dem Zusammenhang" gerissen worden, schrieb Meisner in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Allerdings räumte er ein, dass der Begriff "entartet" für die Substanz seiner Aussage nicht notwendig gewesen sei. (mit ddp/dpa)